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Lokalsport Verbandsfußballwart hakt vollständige Saison ab
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15:58 04.02.2021
Einmal trafen VfB Marburgs Mateus de Moura Beal (Mitte) und SF BG Marburgs Sascha Huhn (am Boden) in dieser Saison in der Verbandsliga Mitte aufeinander. Dass es zum Rückspiel kommt, ist angesichts der aktuellen Corona-Beschränkungen und des engen Terminplans nahezu ausgeschlossen, wie Verbandsfußballwart Jürgen Radeck im OP-Interview klarmacht.
Einmal trafen VfB Marburgs Mateus de Moura Beal (Mitte) und SF BG Marburgs Sascha Huhn (am Boden) in dieser Saison in der Verbandsliga Mitte aufeinander. Dass es zum Rückspiel kommt, ist angesichts der aktuellen Corona-Beschränkungen und des engen Terminplans nahezu ausgeschlossen, wie Verbandsfußballwart Jürgen Radeck im OP-Interview klarmacht. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Seit Juni 2012 ist Jürgen Radeck Verbandsfußballwart des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV). Im Interview mit der OP äußert sich der in Ortenberg (Wetteraukreis) geborene und wohnhafte 63-Jährige, ob und wie es mit der seit November wegen der Corona-Beschränkungen unterbrochenen Amateurfußballsaison weitergehen könnte – auch über den Sommer hinaus.

Herr Radeck, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in Ortenberg am Fußballplatz vorbeilaufen und sehen, dass dort seit Wochen weder trainiert noch gespielt werden kann?

Am schlimmsten finde ich es für die Kinder, die nicht spielen oder sich anderweitig austoben können. Ich bin auch schon von Eltern angesprochen worden, ob ich nicht mittags mal mit den Kindern kicken könnte, weil ich ja im Ruhestand bin und Zeit habe. Leider ist es aber verboten.

Fürchten Sie, dass Kinder nach der Pandemie dem Fußball vermehrt den Rücken kehren?

Angst haben wir zwar alle, jedoch haben alle Sportarten auch die gleichen Probleme. Ich hoffe, dass vielleicht die Vorfreude, wenn Sport im Verein wieder möglich, so groß ist, dass es sich anders entwickelt.

Kommen wir zur Amateurfußballsaison. Halten Sie es angesichts des Zeitdrucks überhaupt noch für realistisch, dass die Spielzeit noch in Hin- und Rückrunde zu Ende gespielt wird?

Von der Durchführung einer normalen Saison müssen wir uns verabschieden. Dies könnte höchstens in kleinen Spielklassen – etwa den A- und B-Ligen Schwalm-Eder – möglich sein, die zurzeit nur drei Nachholspiele aus der Vorrunde noch zu spielen haben. Daher wollen wir – sofern es die Politik zulässt – noch die Beendigung der Vorrunde mit den ausgefallenen Spieltagen durchführen.

Gibt es eine Frist, bis wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden müsste, damit man zumindest eine Einfachrunde spielen kann?

Da wir 72 Spielklassen haben, in den noch zwischen 9 und 13 Nachholspieltage absolviert werden müssen, wäre der 18. April für dieses Szenario der beste Termin. Hierbei könnten wir – bei einer Vorbereitungszeit von maximal vier Wochen – Ende März wieder anfangen zu trainieren, ohne viele Wochenspieltage mit zusätzlichen Puffern für weitere Nachholspiele arbeiten und die Saison am 13. Juni abschließen. Bei allen späteren Terminen wird es eng. Das Wochenende 1. / 2. Mai wäre womöglich der letztmögliche Termin, um den Spielbetrieb wiederaufzunehmen – da müsste man aber schon mit Wochenspieltagen arbeiten beziehungsweise an Feiertagen spielen.

Gibt es eine Frist, bis wann der HFV – unabhängig von Entscheidungen der Politik – final entscheidet, wie es weitergehen wird?

Wir treffen uns regelmäßig im Vorstand und haben im Januar schon über einen Termin gesprochen, der aber noch nicht festgezurrt ist. Dieses Thema werden wir mit den Vereinen noch direkt besprechen.

Was passiert im Falle, dass gar nicht mehr gespielt werden kann? Könnte die laufende Saison gar annulliert werden?

Wenn die Runde nicht beendet werden kann, müsste der Verbandsvorstand über eine Wertung beziehungsweise Annullierung entscheiden. Wir haben nach dem vergangenen Saisonabbruch den Paragrafen 30 der Spielordnung neu gestaltet, um reagieren zu können. Im Gegensatz zur Regionalliga Südwest gibt es im HFV keine Regelung, wonach 50 Prozent der Runde gespielt sein muss, um die Saison zu werten. Theoretisch könnten wir die Saison schon jetzt werden.

Aber?

Das wird keiner machen, denn es ist ja nicht einmal ein Drittel der Runde gespielt. Ich persönlich wäre für eine Annullierung der Saison, wenn es nicht weitergehen sollte, weil die sportliche Aussagekraft der Tabellenstände zum jetzigen Zeitpunkt sehr gering ist. Allerdings: So lange wir Optionen haben, ist es unser Auftrag, Spiele anzubieten. Erst wenn wir aus Zeitgründen kein Land mehr sehen oder wenn es die Verordnungslage nicht zulässt, müssen wir reagieren.

Bis wann müsste die Runde spätestens beendet sein?

Eine Verlängerung der Saison über den 13. Juni hinaus sollte höchstens bis zum 20. Juni gehen, wobei das der letzte Termin wäre. Denn man muss auch bedenken, dass Städte und Gemeinden ab Juni ihre Sportplatzsanierung angehen. Wir rechnen im Verband nur durch, was ginge. Ob dann die Sportplätze noch zur Verfügung stehen, ist ein großes Fragezeichen. Das Spieljahr endet in Deutschland am 30. Juni eines jeden Jahres. Ab dem 1. Juli beginnt die neue Saison.

Hat es der bayerische Fußball-Verband richtig gemacht, indem er die vergangene Runde nicht abgebrochen, sondern im Spätsommer fortgesetzt hat? So ist die Chance höher, wenigstens eine Saison regulär zu beenden.

Wir haben diese Möglichkeit auch unseren Vereinen in verschiedenen Kreiskonferenzen angeboten. Bis auf wenige Ausnahmen ist dies aber abgelehnt worden. Diesem Votum der Vereine haben wir uns im Verband angeschlossen.

Ist es denkbar, dass die Anzahl der Absteiger in bestimmten Klassen reduziert wird?

Es gibt diesbezüglich eine Anfrage des Hessenligisten TuS Dietkirchen, die gerade von unseren Juristen geprüft wird. Die Argumentation des Vereins ist, dass wenn nur die Hälfte der Runde gespielt wird, es schwer zu verdauen ist, dass es trotzdem die gleiche Anzahl an Absteigern gibt. Daher solle es bei der Hälfte der absolvierten Spiele nur die Hälfte an Absteigern geben. Wir haben allerdings ein verabschiedetes Spielgeschehen für ganz Hessen, daher kann es nicht einfach geändert werden.

Könnten bestimmte Spielklassen aufgrund der zu erwartenden, hohen Absteigerzahlen aus darüberliegenden Ligen kommende Saison geteilt werden, um dem Spielplan noch Herr werden zu können?

Wir haben schon im Dezember beim DFB beantragt, dass der Paragraf 4 des allgemein verbindlichen Teils der DFB-Spielordnung auch für die Saison 2021/22 weiterhin geöffnet bleibt. Dies würde bedeuten, dass man auf alternative Spielmodelle – wie eine Teilung der Liga – zurückgreifen kann. Daher wäre eine Teilung theoretisch denkbar – und zwar bei uns für jede Liga, die mit mehr als 14 Mannschaften spielt. In der Hessenliga würde sich dies aufgrund des Zuwachses an Mannschaften zuerst anbieten. Die Teilung könnte man dort sportlich oder regional vollziehen.

Wie genau sähe dies aus?

Sportlich würde bedeuten, dass in der einen Gruppe zum Beispiel der Erste, Dritte, Fünfte und so weiter der Vorsaison spielen, in der anderen Gruppe der Zweite, Vierte und so weiter. Eine regionale Teilung wäre für Vereine aus dem Süden wie Weihnachten, weil die Wege kurz wären. Problematischer wäre es für die Nord-Vereine, weil sich dann die Frage stellt, wohin wir die Vereine aus dem west- oder osthessischen Bereich wie Hadamar oder Fulda zuordnen.

Welche Überlegungen gibt es hinsichtlich des Hessenpokals? Dort müssen noch alle Achtel-finalpartien gespielt werden.

Dieses Thema haben alle Landesverbände und stellt ein richtiges Problem dar. Wir haben noch keine Lösung und müssen auf die Politik hoffen, dass diese Spiele angesetzt werden können.

Der aktuelle Lockdown ist zunächst bis zum 14. Februar befristet. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass ab dem 15. Februar wieder Amateurfußball – in welcher Form auch immer – wieder möglich ist?

Da habe ich null Hoffnung. Zum einen wegen der Aussagen, die in den vergangenen drei Tagen durch die Politik verbreitet wurden. Zum anderen finde ich, dass es zurzeit wichtigeres gibt. Erst sollten wir Normalität – etwa im Schulbereich – wieder hinbekommen.

Von Marcello Di Cicco