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Lokalsport Vater und Sohn trainieren Marburger Frauenteams
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12:00 14.11.2020
28. Februar 1987: Volker Münn (rechts, im Trikot von Eintracht Frankfurt) zieht an Karlheinz Geils vom 1. FC Köln vorbei. Quelle: imago
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Marburg

Im Sommer des vergangenen Jahres, einige Wochen nach Saisonstart, hatten die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg plötzlich ein Personalproblem: Es gab zwei Frauenmannschaften, aber nur einen Trainer – wenn auch einen, der in der Region bekannt ist: Volker Münn.

Der frühere Fußball-Profi von Eintracht Frankfurt hatte zuvor das Traineramt bei der ersten Mannschaft übernommen, und als man sich händeringend nach einem Coach für die zweite Garde umschaute, fiel erneut der Name Münn, Tobias Münn. „Mein Vater hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Amt bei der ,Zweiten’ zu übernehmen“, erzählt der heute 36-Jährige, der zuvor seine knapp zweijährige Tätigkeit bei der FSG Ebsdorfergrund beendet hatte. „Da Tobias vorher schon ein Frauenteam trainiert hatte, wusste ich, dass das bei uns klappen könnte“, sagt Volker Münn.

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Volker Münn trainiert die erste Frauen-Fußballmannschaft der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg. Quelle: Marcello Di Cicco

Nach einem Gespräch mit den Vereinsverantwortlichen war schnell klar: Münn übernimmt die „Zweite“, also Tobias Münn. „In den ersten Partien hatten Spielerinnen das Team trainiert, das war aber nicht die beste Lösung“, erzählt Tobias Münn, dem vor allem ein Umstand die Entscheidung erleichterte, das vakante Traineramt anzutreten: die Tatsache, dass sein Vater der Coach des anderen Frauenteams ist.

„Ich bin beruflich viel unterwegs“, erzählt Tobias Münn, der in seinem Heimatort Rauischholzhausen als Elektrotechniker arbeitet. „Wenn dies der Fall ist und ich deshalb mal das Training nicht leiten kann, springt mein Vater kurzfristig für mich ein. Außerdem nimmt mir unsere Kapitänin Jana Holz viel Arbeit ab.“

Tobias Münn ist Trainer der „Zweiten“ der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg. Quelle: Privatfoto

Beide SF-BG-Mannschaften trainieren zur selben Zeit auf demselben Platz, die einen dreimal pro Woche, die anderen zweimal. „Der große Vorteil an dieser Trainer-Konstellation ist, dass der Vater öfter mal seinen Sohn sieht“, sagt Volker Münn, der beim Fachdienst Sport der Stadt Marburg arbeitet und seine aktive Karriere Ende der 1970er-Jahre beim VfL Dreihausen begann. Über den SC Gladenbach und VfB Gießen zog es den heute 60-Jährigen Anfang der 1980er-Jahre zu Hessen Kassel.

„Die fünf Jahre beim KSV waren mit die schönste Zeit in meiner Karriere“, erinnert sich Volker Münn an Spiele vor 25 000 Zuschauern im Auestadion – aber auch daran, dass er und die „Löwen“ dreimal hintereinander knapp, teilweise sogar dramatisch, am Bundesliga-Aufstieg scheiterten.

Im deutschen Fußball-Oberhaus spielte er später dennoch, bei der Frankfurter Eintracht, mit der Münn – ohne Einsatz – 1988 DFB-Pokalsieger wurde, ehe er im selben Jahr zum VfL Marburg wechselte. Über den SC Neukirchen, wo er zeitweise mit Eintracht Stadtallendorfs Cheftrainer Dragan Sicaja und dem langjährigen Assistenten von Jürgen Klopp, Željko Buvac, zusammenspielte, kehrte er zurück nach Gladenbach. Beim GSC ließ er als Spielertrainer seine aktive Laufbahn ausklingen – und läutete seine Karriere als Coach ein.

Seither trainierte er unter anderem den TSV Großen-Linden, VfB Marburg, FC TuBa Pohlheim, die SF BG Marburg, den VfL Dreihausen und die Frauen von Eintracht Wetzlar, mit denen er 2015 Hessenpokalsieger wurde und in die 2. Bundesliga aufstieg.

Im selben Jahr feierte Tobias Münn seinen größten sportlichen Erfolg – allerdings einige Spielklassen tiefer. Mit der Spvgg Rauischholzhausen gelang ihm der Aufstieg von der Kreisliga B in die A-Liga Marburg. „Danach haben wir unser Sportheim abgerissen“, erinnert sich Tobias Münn noch genau an die Feierlichkeiten.

Seit 2002 kickt er für seinen Heimatverein, nach zwei Kreuzbandrissen zuletzt fast ausschließlich in der zweiten Mannschaft. „Ganz aufhören will ich nicht, dafür macht mir Fußball einfach zu viel Spaß“, sagt Tobias Münn, der von seinem Vater sogar kurzzeitig in der Jugend der damaligen JSG Mardorf trainiert wurde, als auf dem Trainerposten Not am Mann war.

Eine Szene aus 2013: Rauischholzhausens Tobias Münn (vorne, gegen Marvin Horst von der FSG Südkreis II) zieht ab. Quelle: Michael Hoffsteter

Inzwischen stehen beide an der Seitenlinie, beim selben Verein, oft zur selben Zeit – und Tobias Münn gesteht, dass er sich ein ums andere Mal etwas bei seinem Vater abschaut. „Es sind vor allem die Kleinigkeiten“, verrät der 36-Jährige. „Mein Vater legt etwa Wert darauf, dass Power im Spiel ist, dass die Spielerinnen schnell zum Ball gehen.“

Münn und Münn – beide ergänzen sich bei ihrer Arbeit am Marburger Zwetschenweg. „Ich bin stolz auf alle meine Kinder, die kommen im Leben zurecht“, sagt Volker Münn, der in Anna (34) und Louis (19) weitere Kinder hat. Louis Münn spielt seit dieser Saison beim Regionalligisten FC Gießen. „Meine Kinder müssen auch gar nicht in meine Fußstapfen treten“, sagt Volker Münn, „weil ich weiß, welcher Aufwand damit verbunden ist“. Tobias und Louis Münn machen es dennoch.

Von Marcello Di Cicco

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