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Trauer und Enttäuschung bei deutschen Fans
Trauer und Enttäuschung bei deutschen Fans
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19:00 30.06.2021
Zum Verzweifeln! Deutsche Fans schauen das Achtelfinalspiel bei einer Veranstaltung im Marburger Waldtal.
Zum Verzweifeln! Deutsche Fans schauen das Achtelfinalspiel bei einer Veranstaltung im Marburger Waldtal. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Das war nichts! Enttäuschung in den Wohnzimmern, in den Kneipen, bei den wenigen öffentlichen Veranstaltungen wie etwa im Marburger Waldtal: Deutschland hat gegen England mit 0:2 verloren. Die EM ist für die Nationalmannschaft zu Ende, um den Titel spielen die Teams aus anderen Nationen. Doch des einen Leid ist des anderen Freud. In London, Liverpool und Manchester jubeln die Fans – aber auch die Engländer in Deutschland freuen sich. So wie Mark Parsons.

Der 59-Jährige, der in Cölbe lebt, ist „natürlich happy“, aber „auch ein bisschen traurig“, denn: „Ich lebe schon lange hier. Ich bin auch für Deutschland.“ Lieber wäre es ihm gewesen, das Duell hätte es nicht bereits im Achtel-, sondern erst im Halbfinale oder noch besser als Endspiel gegeben.

Die Leistung der Mannschaft von Joachim Löw fand er „nicht so schlecht, wie jetzt viele meinen. Jede Mannschaft hatte gute Phasen und auch ein paar gute Chancen. Der Unterschied war, dass Deutschland seine nicht genutzt hat.“ Das Spiel verfolgte Parsons gemeinsam mit seiner deutschen Frau auf dem heimischen Sofa. „Sie hätte lieber ein anderes Ergebnis gehabt. Aber jetzt ist auch sie für England, das ist gut.“ Favorit auf den Titel sind für den Juniorinnentrainer beim JFV Ebsdorfergrund aber die Italiener.

Auch Reiner Künkel traut der Squadra Azzurra viel zu, sieht aber „keinen klaren Favoriten“. Geht es nach dem aus Wiesenbach stammenden und in Biedenkopf lebenden Ex-Profi, sorgen die Schweizer nach ihrem Coup gegen Frankreich noch für weitere Überraschungen. „Ich bin jetzt Schweiz-Fan“, sagt der 71-Jährige, der vom Auftritt der Eidgenossen, die gegen den Weltmeister mit 1:0 führten, einen Elfmeter ungenutzt ließen, binnen kurzer Zeit mit 1:3 in Rückstand gerieten, noch ausglichen und schließlich im Elfmeterschießen gewannen, begeistert war.

Das deutsche EM-Aus hatte Künkel so nicht im Gefühl – im Gegenteil: „Nach dem schwachen Ungarn-Spiel hatte ich gedacht, wir werden Europameister.“ Er hatte darauf gehofft, dass „ein Ruck“ durch die Mannschaft geht. „England war auf keinen Fall übermächtig. Und hätte Thomas Müller den Ball reingemacht, hätte das Spiel womöglich eine ganz andere Wendung genommen“, sagt der frühere Stürmer, der unter anderem beim FC Bayern München und zuvor beim SV Darmstadt 98 gespielt hatte, mit Blick auf eine Großchance in der Schlussphase, vor dem zweiten englischen Treffer.

Künkel vermisste Aktionen, die in einem solchen Spiel den Unterschied machen könnten: „Kaum jemand geht mal in ein Eins-gegen-Eins. Fast immer nur Sicherheitspässe zu spielen, bringt nicht viel.“ Löw trage eine Mitverantwortung, meint er, allerdings: „Die Spieler auf dem Platz sollen umsetzen, was der Trainer vorgibt. Das ist ihnen nicht gelungen.“

Eine etwas andere Meinung zum Bundestrainer hat Lena Meieraus Marburg: „Ich habe seine Entscheidungen nicht verstanden. Er hätte Joshua Kimmich im Zentrum spielen lassen sollen. Und er hätte nach dem Gegentor offensiver wechseln sollen. Jamal Musiala hat gegen Ungarn stark gespielt, der hätte ins Spiel gemusst.“ Es sei „gut, dass Hansi Flick jetzt übernimmt“.

Die 22-jährige Studentin hatte auf ein Finale zwischen Frankreich und Deutschland gehofft, erzählt sie. „Ich glaube, England kommt jetzt auch ins Finale, wird dort aber gegen Belgien verlieren.“ Wünschen würde sie sich jedoch einen anderen Europameister: „Die Dänen spielen jetzt für Christian Eriksen, und wie sie zuletzt gespielt haben, ist phänomenal.“ Eriksen hatte im ersten Vorrundenspiel seiner Mannschaft einen Herzstillstand erlitten. „Es wäre eine schöne Geschichte, wenn es Dänemark schafft.“

„Vielleicht schafft es ja ein Underdog“, sagt Sonny Weishaupt, hat dabei neben Dänemark und der Schweiz auch Tschechien und die Ukraine im Sinn. Eher aber glaubt der Quarterback der Marburg Mercenaries, dass die Belgier oder die Italiener den Titel holen. England hält er für weniger stark, wenngleich der Sieg der Three Lions über das deutsche Team seiner Meinung nach „ohne Frage verdient“ war: „Wir können es nicht auf den Schiedsrichter oder etwas anderes schieben.“ Mit den Entscheidungen Löws war er zwar nicht komplett einverstanden, hätte ihm aber dennoch einen anderen Abschluss als Nationaltrainer gewünscht.

Von Stefan Weisbrod