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Lokalsport Frauenfußball: Weniger Theater, mehr Tränen
Sport Lokalsport Lokalsport Frauenfußball: Weniger Theater, mehr Tränen
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00:18 16.04.2019
Von wegen fehlender Körpereinsatz: Cathrin Kloss (links, vom SV Langenstein) gegen Leonie Stenzel (FSV Friedensdorf).  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Gegen biologische Fakten gibt es keine Argumente. Männer und Frauen sind im Durchschnitt von Natur aus unterschiedlich: Reaktionszeit, Kraft, Schnelligkeit. Somit sind Differenzen zwischen den Geschlechtern beim Fußball keine Überraschung. Abgesehen davon gibt es laut Frauentrainern im Fußballkreis Marburg aber auch andere teilweise bemerkenswerte Unterschiede.

Insgesamt gibt es 16 heimische Frauenmannschaften in fünf verschiedenen Ligen – von Hessen- bis B-Liga. Clemens Drescher, ehemals Trainer der Frauen-Hessenligamannschaft SF BG Marburg und derzeitiger Trainer beim VfB Wetter, ist sich sicher, dass sich das Fußballwissen seiner ehemaligen Spielerinnen nicht von dem der Männer unterscheidet: „Die Frauen auf Hessenliga-Niveau sind schon sehr gut ausgebildet und spielen lange Fußball. Sie sind taktisch gut geschult und intelligent.“

Aber auch Drescher nennt einen gravierenden Unterschied, dem fast alle befragten Trainer zustimmen. „Der Körpereinsatz ist definitiv weniger. Auch eine Grätsche sieht man sehr selten“, erinnert er sich. Dass Frauen im Durchschnitt weniger Kraft haben als Männer, zwingt sie nicht dazu, untereinander körperloser zu spielen. Ein Problem, dem alle Trainer Abhilfe leisten wollen.

Motto: Fair geht vor

René Schneider, Coach bei der SG Gansbachtal, spricht von einer „Hemmschwelle“ bei seinen Spielerinnen. „Das ist mir ganz am Anfang aufgefallen und da arbeiten wir seitdem dran“, erklärt der Trainer, der seinen Schützlingen mit speziellen Übungen den Willen antrainieren möchte, die angelehnte Schulter zu nutzen. Annette Pöltl, Trainerin beim FC Weimar/Lahn hat das gleiche Ziel. „Ich sage das meinen Spielerinnen immer wieder. Ohne Körpereinsatz geht es nämlich nicht“, macht sie deutlich.

Auf der einen Seite Verbesserungsbedarf, auf der anderen Seite sehr löbliches Verhalten auf dem Platz: Allein die Statistik von gelben und roten Karten beweist, dass Frauen deutlich seltener zu unlauteren Mitteln greifen als Männer. „Für Frauen ist Fußball ein Spiel, für Männer ist es Krieg“, meint Michael Wolff, Trainer des FSC Marburg.

Es sind aber nicht nur nackte Zahlen, sondern es ist auch die Atmosphäre auf dem Rasen. Dort herrschen mehr Ehrlichkeit und mehr Fairplay. „Frauenfußball ist noch ein bisschen heile Welt. So wie der Fußball eigentlich sein sollte“, sagt Clemens Drescher.

Unehrlichkeit im Fußball muss sich nicht immer in Schwalben äußern. Gejammere gegenüber dem Referee, Schreien bei kleinsten Berührungen, schnell zu Boden gehen und sich nach Möglichkeit noch dreimal auf dem Boden wälzen und so tun, als müsse schnellstens ein Notruf abgesetzt werden, kommt laut Trainern bei den Frauen kaum vor.

Kleine Sprachprobleme

„Das ist ein sehr angenehmer Unterschied“, sagt Torsten Rink, Trainer beim FSV Friedensdorf. Liegt eine Gegnerin auf dem Boden, werde der Ball stets umgehend ins Aus gespielt. Gewinnen? Gerne! Aber nicht um jeden Preis.
Jan Hill glaubt, den Grund für die Fairness zu kennen. „Meiner Erfahrung nach gucken die Frauen seltener Fußball im Fernsehen. Dort sieht man unfaires Verhalten ja öfter“, stellt der Coach vom SSV Endbach/Günterod fest. 

Insbesondere die männlichen Trainer, die vor ihrem Engagement in Frauenmannschaften bereits Männer trainiert haben, geben zu, dass ihr Wortschatz ein anderer geworden ist. Wie jeder Sport hat auch Fußball eine eigene Sprache, die für Laien. Wenn auf dem Platz Kommandos gegeben werden, liegt die Würze in der Kürze: Fallen lassen, Verschieben, einen vor.

Allesamt Anweisungen von Trainer und Mitspielern, die fast jeder Seniorenfußballer versteht. Aber eben nur fast. Laut mehreren Coaches war oder ist das Verwenden der Fußballfachsprache bei Frauen ein Hindernis. „Mit solchen Begrifflichkeiten darf man da nicht anfangen. Das ist zu abstrakt“, sagt Sabine Kliem, RSV Roßdorf, nach kurzem Überlegen, lacht und ergänzt: „Wenn man den Spielerinnen erklärt, was gemeint ist, verstehen sie es auch.“

Mittlerweile wissen ihre Spielerinnen, was die Trainerin erwartet. Aber auf dieses Wissen konnte sie nicht von Anfang an bauen, sondern musste mit Basiswissen anfangen. Mehrere Trainer bestätigen das. So auch Hill. „Man sollte die Dinge simpel halten. Das fängt schon bei den Positionen an. Manche wissen nicht, was ein ‚Sechser‘ oder ‚Zehner‘ ist. Das muss man dann erst erklären“, sagt er. Als Grund führen die meisten Trainer an, dass Frauen im Gegensatz zu den Männern häufig erst in ihrer Jugendzeit, teilweise sogar bereits im Erwachsenenalter, mit Fußball anfangen. Die Grundausbildung fehlt in diesen Fällen.

Mehr Sensibilität

Mit dem Thema Emotionen tun sich die Trainer schwer. Auch weil dieser mögliche Geschlechterunterschied mit den meisten Vorurteilen behaftet sei. Letztlich schätzen allerdings alle Trainer, dass Frauen sensibler sind. Pöltl und Kliem sprechen von einer „ruppigeren Sprache“ bei den Männern.

Frauen nehmen sich laut Kliem harsche Worte eher zu Herzen, tragen diese länger mit sich herum. Und sie fügt hinzu: „Wir haben 5:1 gewonnen und eine Spielerin hat geweint, weil sie beim Gegentor gepatzt hat. Das habe ich bei den Männern so noch nicht gesehen.“

Mehr Tränen. Das kann Rink bestätigen. „Die fließen schon mal, wenn eine Spielerin nicht von Anfang an spielt oder ausgewechselt wird“, sagt er. Allerdings sei ihm das weder unangenehm noch findet er es schlecht: „Das ist ja eigentlich eine ehrliche Art. Da kann man dann sehen, wie sich die Person fühlt. Bei den Männern brodelt es meiner Erfahrung nach dann eher innerlich.“

von Benjamin Kaiser