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Lokalsport Wo Lambmann die „großen Baustellen“ sieht
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13:00 04.11.2021
Der neue Vorsitzende des Handballbezirks Gießen: Tobias Lambmann.
Der neue Vorsitzende des Handballbezirks Gießen: Tobias Lambmann. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Als die Handballer am vergangenen Wochenende in die neue Saison gestartet sind, war Tobias Lambmann an zwei Tagen gleich „voll eingespannt“, erzählt der 35-Jährige im Gespräch mit der OP. Am Samstag leitete er als Schiedsrichter zunächst ein Spiel in der Jugend-Hessenliga, abends eine Bezirksoberliga-Partie in Langgöns. Am Sonntag gastierte er als Trainer mit seinem Mädchenteam in Münchholzhausen, abends pfiff er ein Frauen-Oberligaspiel in Bad Homburg.

Sechs Sportarten in jungen Jahren

Knapp 20 Monate lag der Spielbetrieb in Hessen wegen der Corona-Pandemie brach. „Ein Stück weit Erleichterung“ unter Sporttreibenden und Funktionären machte Lambmann insofern bei den Spielen aus, wo er vor Ort war – aber: „Es haben viele die aktuelle Lage im Blick. Von daher ist es verhaltener Optimismus. Jeder Handballer ist realistisch genug, um zu wissen, dass es ruckzuck vorbei sein kann“, sagt er mit Blick auf die pandemische Situation. Und sollte auch die dritte Wettkampfrunde in Folge tatsächlich nicht sportlich beendet werden können, hätte dies drastische Folgen, meint Lambmann: „Wenn noch eine Saison abgebrochen wird, dann wird es viele Vereine richtig hart treffen, die momentan an der Grenze sind, Mannschaften abmelden zu müssen, weil die Spielerzahlen gebröckelt sind.“

Lambmann hilft fortan in vorderster Reihe mit, dass genau dies nicht passiert. Im Gegenteil. Geht es nach dem gebürtig aus Nidda in der östlichen Wetterau stammenden und an der Gesamtschule Niederwalgern beschäftigten Gießener, soll der Trend umgekehrt werden. Mit Ende 20 beendete Lambmann, der durchgängig für seinen Heimatverein TV Nidda beziehungsweise die HSG Gedern/Nidda spielte, seine aktive Laufbahn, war kurz zuvor in die Arbeit auf Bezirksebene eingestiegen. Seit etwas mehr als einem Monat ist der 35-Jährige, der in jungen Jahren zeitweilig parallel Handball, Judo, Badminton, Tischtennis, Schwimmen und Leichtathletik betrieb („Sport war schon immer meins“), Nachfolger von Kai Gerhardt als Vorsitzender des Handball­bezirks Gießen.

Der langjährige Trainer und Referee, der von 2018 bis zuletzt Bezirksschiedsrichterwart war, hat das Amt in einer schwierigen Zeit übernommen, will sich den „großen Baustellen der heutigen Zeit“ widmen. Eine davon ist eine Verschiebung im Breiten- und Amateursport. „Schaut man sich die Mitgliederzahlen der Fachverbände an, erkennt man eine große Tendenz hin zum Individualsport – schon vor Corona“, stellt Lambmann fest, „aber auch aufgrund der veränderten Arbeitswelt merkt man, dass Leute weniger Freizeit haben, diese Zeit individueller und flexibler gestalten wollen. In den Mannschaftssportarten haben wir mit unseren verpflichtenden Terminen schlechtere Karten.“

Die Vereine in den Mannschaftssportarten müssten es daher schaffen, die eigenen positiven Aspekte wie das Wir-Gefühl und sogenannte Soft Skills stärker herauszuheben, um Sporttreibende zu gewinnen. So könne vermittelt werden, dass Mannschaftssport nicht nur Verpflichtung darstellt, sondern auch der persönlichen Weiterentwicklung in einer sozialen Gruppe dient.

Eine weitere Baustelle: die Gewinnung von Nachwuchs für Posten im Trainerbereich und in Vorständen. „Wir sehen in vielen Vereinen völlig überalterte Vorstände – mittlerweile nicht mehr nur, weil Leute zu lange an ihren Positionen geklebt haben.“ Gefühlt gebe es in vielen Vereinen bei Personen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren ein Vakuum, „weil dort kein Nachwuchs generiert worden ist“, meint der Bezirkschef.

Arbeit von Trainern in Schulen muss vereinbar sein

Apropos Nachwuchs: Geht es nach Lambmann, sollen sich Sportvereine stärker im Schulbereich einbringen – „wobei dafür unser System nicht gemacht ist“, kennt der Bezirkswart die große Problematik, die nur im Zusammenspiel mit der Politik gelöst werden können, „dass sich mehr ehrenamtliche Übungsleiter und Übungsleiterinnen trauen, beziehungsweise die Möglichkeit erhalten, neben ihrer Arbeit auch während der Schulzeit in den Sporthallen aktiv zu sein“, merkt Lambmann an.

Von Marcello Di Cicco