Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Verständnis für den Saisonabbruch
Sport Lokalsport Lokalsport Verständnis für den Saisonabbruch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 18.02.2022
Hat mit dem TSV Marbach den Aufstieg geschafft: Alexander Probst.
Hat mit dem TSV Marbach den Aufstieg geschafft: Alexander Probst. Quelle: Jens Schmidt
Anzeige
Marburg

So wie es Lukas Göttig auf den Punkt bringt, dürften es viele Tischtennisspielerinnen, Tischtennisspieler und Verantwortliche im Kreis Marburg-Biedenkopf sehen: „Wir hätten gerne weitergespielt, aber nicht unter diesen Bedingungen“, sagt der Mannschaftsführer des Kreisligisten TTC Bürgeln.

Schon zum dritten Mal in Folge heißt es für Göttig und Co.: Saisonabbruch wegen Corona. In der vergangenen Woche hatte der Hessische Tischtennis-Verband die seit Januar unterbrochene Mannschaftsspielrunde beendet. Der HTTV hatte dies unter anderem damit begründet, dass aufgrund hoher Infektionszahlen und dadurch entstehender Quarantäne-Anordnungen kein Spielbetrieb mehr möglich sei, in dem niemand benachteiligt würde. Überdies bestehe ein zeitliches Problem – etwa weil einige Spielstätten wie Bürgerhäuser noch geschlossen sind und in den Osterferien wieder schließen (die OP berichtete).

Kreiswart Rolf-Werner Schmittdiel hält die Entscheidung des Verbandes für richtig. Der 67-Jährige spielt in der Bezirksliga-Mannschaft des TTV Stadtallendorf und weiß: „Angesichts der Corona-Lage sind gerade Spieler in den Hobbyklassen und viele Ältere sehr skeptisch.“ Er meint: „Die Mehrheit bei uns im Kreis begrüßt die Entscheidung des Verbandes.“ Etwa ein Drittel der Aktiven, so schätzt der Kreiswart, hätte sich stattdessen fürs Weiterspielen ausgesprochen.

Dass diesbezüglich die Skepsis groß ist, macht Schmittdiel an Zahlen fest. Zwar hat der Verband zuletzt die Möglichkeit des freiwilligen Spielens nach Absprache eingeräumt – aber: „Von zirka 70 Spielen im Kreis haben nach Terminplan nur fünf Spiele stattgefunden.“ Für den Stadtallendorfer ist dies „ein deutliches Zeichen, dass doch viele Aktive sehr kritisch eingestellt sind“.

Dass von den Oberligen bis zur Bundesliga weitergespielt wird, obwohl „in fast allen Ländern“ die Saison unterbrochen sei, wertet Schmittdiel als Indiz dafür, dass der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) die bundesweite Entwicklung ignoriert. „Dafür habe ich kein Verständnis. Das ist eine Gratwanderung, die sehr gefährlich ist. Ausfälle von Aktiven sind kaum zu kompensieren, und es könnte zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen“, befürchtet Schmittdiel. Weil sie in den Zuständigkeitsbereich des DTTB fallen, sind die Regionalliga-Männer des TTV das einzige Team aus dem Kreis, das weiterhin spielt.

Faire Anzefahrer

Wegen drohender Wettbewerbsverzerrung finden auch Martin Althaus, Vorsitzender des TTC Ginseldorf, und Cornelius Hahn, Mannschaftsführer des Bezirksoberligisten TTC Anzefahr, die HTTV-Entscheidung richtig. „Wir könnten uns noch aus einem Riesenpool an Spielern bedienen. Das können andere aber nicht“, weiß Althaus. Neben den Stadtallendorfern haben die Ginseldorfer mit sieben Senioren- und drei Schülerteams die meisten Mannschaften im Spielbetrieb. Hahn hätte gar eine „Chaos-Halbrunde“ erwartet, hätten Spiele wegen Infektionen vermehrt verlegt werden müssen.

Die Anzefahrer trifft die Verbandsentscheidung auf den ersten Blick hart. Ihnen fehlt nur ein Punkt auf den Relegationsplatz und den Tabellenführer. Beide dürfen – wie in allen anderen Ligen – nun aufsteigen, denn die Abschlusstabellen werden in allen Ligen mit Stand Ende der Vorrunde gebildet. Hahn hadert jedoch nicht damit, dass es nun nicht zum Klassensprung reicht, denn: „Burgholz-Kirchhain und Niestetal waren stärker als wir.“

Doch es gibt nicht nur von der HTTV-Entscheidung negativ betroffene Vereine, sondern auch „Profiteure“ – etwa den TSV Marbach, der als Verbandsliga-Zweiter in die Hessenliga aufsteigt. Damit ist der TSV bei den Männern künftig das nach Stadtallendorf am hochklassigsten spielende Team aus dem Kreis. „Für uns ist der Aufstieg eine Riesensache. Wir haben noch nie so hochklassig gespielt. Es ist bestimmt schon 60, 70 Jahre her, dass wir mal in der Oberliga waren“, freut sich Abteilungsleiter Alexander Stolp.

Die vom Verband befürchteten Folgen, dass mit dem erneuten Abbruch die Gefahr von Mitgliederverlusten und Auswirkungen auf den Nachwuchsspielbetrieb einhergehen, sieht Stolp zumindest bei seinem Verein nicht – im Gegenteil: Vier Erwachsene und ein Schüler seien in der Pandemie hinzugestoßen, „keiner ist abgesprungen“, freut sich Stolp. Auch beim TTC Ginseldorf seien nach dem Lockdown die Schüler wieder in die Halle gekommen. „Es springen eher Leute ab, die schon vorher auf dem Abstellgleis waren. Wer richtig Bock auf Tischtennis hat, wird auch dabei sein, wenn es im Herbst wieder losgeht“, ist Althaus guter Dinge. Generell, so Schmittdiel, sei bei den Bemühungen von Vereinen, Mitglieder in schwierigen Zeiten zu binden, entscheidend, ob und wie viele Hallenzeiten sie ihren Aktiven anbieten können.

Um Nachwuchssorgen entgegenzuwirken, hatte der TTV im vergangenen Herbst Zweit- bis Viertklässler der Bärenbachschule zu einem mehrtägigen Schnupperkurs eingeladen. Die Folge: „Mit einem Schlag haben wir 15 Kinder hinzugewonnen“, erzählt der Vorsitzende stolz. Aktionen wie diese zeigten, dass es sich für Vereine lohne, in die Jugendarbeit zu investieren – auch oder gerade in einer Pandemie. Doch Schmittdiel weiß auch: „Alles steht und fällt mit denjenigen, die sich vor Ort engagieren.“

Von Marcello Di Cicco