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Lokalsport Mit 86 Jahren an der Tischtennisplatte
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11:00 15.11.2020
Horst Zimmermann vom TTC Ginseldorf spielt auch mit 86 Jahren noch leidenschaftlich gerne Tischtennis. Quelle: Marcello Di Cicco
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Marburg

Mit 1,90 Meter hat Horst Zimmermann das Gardemaß eines Fußball-Torhüters. Auch als Basketballer hätte er sicher keine Nachteile. Tatsächlich sind dies aber Sportarten, denen er sich nicht verschrieben hat. Zimmermann spielt leidenschaftlich gerne Tischtennis. Nicht seit Kindesbeinen an. Doch womöglich, so meint er, ist genau dies der Grund, warum ihn das gemeinhin als schnellste Sportart der Welt bezeichnete Rückschlagspiel bisher nicht losgelassen hat.

Später Start sorgt für Elan

„Wer mit 13, 14 Jahren beginnt und später zum Beispiel für sein 500. Pflichtspiel geehrt wird, der erlahmt irgendwann. Das war bei mir nicht der Fall“, sagt Zimmermann, der zwar schon zu Studienzeiten Tischtennis spielte, sich allerdings erstmals 1987 – auf Initiative seines Sohnes – einem Verein anschloss, als der damals 53-Jährige dem TTV Richtsberg beitrat. „Ich war nie gut, habe mich deshalb über jedes Pünktchen gefreut“, sagt Zimmermann etwas demütig. Der Ehrgeiz, sich zu verbessern, packt ihn aber bis heute. Unter der Leitung des damaligen TTV-Trainers Asen Asenov nahm Zimmermann zehn Jahre lang am ersten Erwachsenentraining des Vereins teil – „vom ersten bis zum letzten Tag“, sagt der gebürtige Krefelder stolz.

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Seit Jahrzehnten vielseitig sportlich aktiv

Zimmermann blieb auch mit Eifer dabei, als Asenov seine Tätigkeit vor einigen Jahren beendete – und ist nach wie vor dabei, wenn, wie zuletzt im August, die frühere Weltklassespielerin Branka Batinic in den hiesigen Landkreis kommt, um ihren mehrtägigen Trainingslehrgang anzubieten (die OP berichtete). „Als ganz schlechter Spieler hatte ich immer das Gefühl, eine Belastung für solche Trainer zu sein. Deren Antwort war aber stets, dass dies nicht der Fall ist. So habe ich mich in diesen Gruppen nie fremd gefühlt. Das ist wichtig, um sich technisch zu verbessern“, meint der in Cappel wohnhafte 86-Jährige.

Sportlich, so erzählt er, habe er sich schon immer betätigt. „Aber ich habe nie Leistungssport gemacht“, betont Zimmermann. „Als Schüler habe ich geturnt, im Gymnasium gerudert, später Tennis gespielt, und als Student bin ich dem Reitsport nachgegangen, bis heute wandere ich – aber alles nicht bis zum Exzess“, sagt Zimmermann. Von 1970 bis zu seiner Emeritierung 2002 lehrte und forschte der Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Marburg, bis heute beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit öffentlichen Finanzen.

Von Ernährung über Training bis Gartenarbeit

Entsprechend analytisch geht er der Frage auf den Grund, was das Geheimnis seines guten geistigen wie körperlichen Zustands sein könnte. „Ein kleiner Erbfaktor ist drin“, verrät Zimmermann, dessen Onkel (90) und Mutter (80) ebenfalls ein hohes Lebensalter erreichten. „Damals war das alt.“ Neben sportlicher Betätigung über Jahrzehnte achten er und seine Frau auf die Ernährung, beide nehmen Nahrungsergänzungsmittel zu sich und achten darauf, körperlich aktiv zu sein, denn: „Es gibt eine feste Regel, die besagt, dass der Körper des Mannes ab einem Alter von 50 Jahren trotz gleichem Lebensstil beginnt, Fett anzusetzen und Muskeln abzubauen. Dagegen muss man etwas tun.“

Tischtennis-Trainingslehrgang mit der ehemaligen Profispielerin Branka Bartinic. Der älteste Teilnehmer: Horst Zimmermann (86 Jahre). Quelle: Tobias Hirsch

Also tut er etwas dagegen. Auch heute noch. Regelmäßig. Gezieltes Muskeltraining gehört genauso dazu wie Arbeit im Garten, wo Zimmermann seine Rosen, Weinstöcke und Co. hegt und pflegt – wenn er sich mal nicht dem Spiel mit dem kleinen Kunststoffball widmet. Was ihn gerade an dieser Sportart reizt? „Dass ich es körperlich kann. Das ist mit 86 ja nicht normal“, sagt Zimmermann. Einmal pro Woche, selten zweimal, trainiert er – ohne jedoch am geregelten Mannschaftsspielbetrieb teilzunehmen.

Vom TTV Richtsberg zum TTC Ginseldorf

„Vor vielen Jahren habe ich das mal eine Saison gemacht. Man ist dann aber verpflichtet, immer dabei zu sein und auch im Dunkeln Auto zu fahren, was nicht so mein Ding ist“, begründet Zimmermann, der einen zweiten Platz bei den Bezirkseinzelmeisterschaften Nord 2015 in der Klasse der Ü-80-Senioren seinen größten Erfolg im Tischtennis nennt – nicht aber sein größtes sportliches Erlebnis, seien dies vielmehr Wanderungen wie der Ab- und Aufstieg des Grand Canyon (USA) oder eine Tour auf den Vulkan Popocatépetl (Mexiko).

Inzwischen ist der emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre mit mehr als 20 anderen Richtsberger Spielern zum TTC Ginseldorf gewechselt, da der TTV seit dieser Spielzeit keinen eigenen Trainings- und Spielbetrieb mehr hat und sich Ende des Jahres auflöst (die OP berichtete).

Es gibt nur ein „Ziel“

Beim Verein aus dem Marburger Stadtteil sei er gut aufgenommen worden. Sollte mal Not am Mann sein, würde er sogar auf unterster Spielebene im Punktspielbetrieb aushelfen. Punkt-, Satz- oder Matchgewinne sind es aber ohnehin nicht, nach denen Zimmermann strebt – in seinem Alter ist etwas völlig anderes von Bedeutung. „Mir geht es nicht darum, noch mal irgendwas zu gewinnen“, sagt der 86-Jährige, „ich möchte so lange wie möglich spielen können“.

Hintergrund

Tischtennis ist eine Sportart, die von vielen Personen bis ins hohe Alter ausgeübt wird. Nach Angaben des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) gibt es 88 908 Männer und 16 809 Frauen in Vereinen, die 60 Jahre und älter sind. Im Vergleich aller Olympischen Sportarten verbucht der Tischtennissport die zwölftmeisten Mitglieder, bei den Männern Ü 60 liegt die Sportart sogar auf Platz sieben.

„Das zeigt eine Tendenz, dass Tischtennis im höheren Alter vergleichsweise gut spielbar ist“, meint Gabriel Eckhardt, Mitarbeiter in der Abteilung Sportentwicklung beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB), auf OP-Anfrage. Warum dies so ist? „Tischtennis ist eine sogenannte Lifetime-Sportart – das heißt, man kann es gut in jedem Alter ausüben“, erklärt Gabriel Eckhardt.

Auch im Bereich Gesundheitssport sei Tischtennis zur Prävention gut geeignet. Am 1. Oktober dieses Jahres hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft das Projekt „Sport bewegt Menschen mit Demenz“ gestartet. Der DTTB übernimmt dabei eines von vier Teilprojekten. Dabei werden neue Angebote für Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in Sportvereinen erprobt.

von Marcello Di Cicco

13.11.2020
13.11.2020