Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Timo Boll: Weltklasse mit 40
Sport Lokalsport Lokalsport Timo Boll: Weltklasse mit 40
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 08.03.2021
Timo Boll wird heute 40 Jahre alt.
Timo Boll wird heute 40 Jahre alt. Quelle: Foto: Lu Yang/Xinhua/dpa
Anzeige
Höchst

Der Chinese Liu Guoliang hat den vielleicht erfolgversprechendsten Job der Welt. Er war Olympiasieger im Einzel und Doppel, er trainierte die Nationalmannschaft seines Landes und ist seit 2018 der Chef des chinesischen Tischtennis-Verbands. So gut wie jeden Wettbewerb, bei dem er dabei ist, gewinnt er auch. Trotzdem sagte Liu in einem seiner seltenen Interviews in Europa: „Solange Timo Boll spielt, kann ich nicht ruhig schlafen.“

Zu hören ist dieser Satz in dem Dokumentationsfilm „The Spin of Life“, der die bemerkenswerte Karriere des besten nicht-chinesischen Tischtennis-Spielers in diesem Jahrhundert nachzeichnet. Boll stand im Januar 2003 mit nur 21 Jahren zum ersten Mal auf Platz eins der Weltrangliste. Und er gehört an diesem Montag, wenn er seinen 40. Geburtstag feiert, noch immer zu den besten zehn Spielern der Welt.

Sollte der Rekord-Europameister an seinem Ehrentag hinausposaunen: „Ich will in diesem Jahr Olympiasieger werden!“, dann würde sich niemand, nicht einmal in China, mit dem Finger an die Stirn tippen. Allein: Timo Boll würde so etwas nie hinausposaunen, denn seine große Popularität verdankt er neben seinen Erfolgen auch zu einem gleichen Anteil seiner Bodenständigkeit und seinem Sportsgeist. Bei der WM 2005 in Shanghai zeigte er an, dass der Rückschlag seines Gegners Liu Guozheng von niemandem bemerkt noch die Tischkante berührt hatte. Es war Bolls Matchball, der Schiedsrichter wollte diesen Punkt eigentlich ihm zuschreiben. Am Ende verlor Boll das Spiel noch. Warum er mehr als 15 Jahre später immer noch dabei ist? „Ich spiele noch zu gerne.“ Und warum er immer noch so gut ist? „Keiner streitet mein Talent oder meine Fähigkeiten ab. Körperlich habe ich mich auch ganz gut gehalten“, sagte Boll. In dem Podcast „Ping, Pong & Prause“ ergänzte er im Februar noch, dass „ich im Laufe der Jahre immer detailverliebter geworden bin. Was plant der Gegner, wie reagiere ich darauf? Ich spiele zwischen den Ballwechseln viel Schach im Kopf.“

In seinem Alter noch ein Weltklasse-Sportler zu sein, ist keine Seltenheit mehr. Football-Star Tom Brady gewann gerade mit 43 Jahren zum siebten Mal den Super Bowl. Roger Federer gehört mit 39 Jahren zu den Top 5 der Tennis-Weltrangliste. Zlatan Ibrahimovic schießt im gleichen Alter noch ein Tor nach dem anderen für den AC Mailand. Die moderne Trainings- und Ernährungswissenschaft begünstigt diese Entwicklung. Bei Boll kommt aber noch etwas anderes hinzu: „Er hat eine extreme Ruhe. Er macht sich keinen Stress, wenn er mal verletzt ist oder eine Pause braucht“, sagte Bundestrainer Jörg Roßkopf der Deutschen Presse-Agentur.

Timo Boll ist auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf kein Unbekannter, spielte er doch jahrelang für den TTV Gönnern in der Bundesliga und wurde mehrfach Sportler des Jahres bei der OP-Sportlerwahl – zuletzt im Jahr 2004.

Von Sebastian Stiekel und Michael E. Schmidt