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Lokalsport Kirchhainer rast mit 17 Jahren zum Titel
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09:00 16.11.2019
Tim Kulikowski ist Deutscher Junioren-Meister im Rallycross. Quelle: Ralf Hofacker
Kirchhain

Autocross und Rallycross – die beiden so ähnlichen Disziplinen bedeuten Motorsport-Action pur. Ein paar kurze Runden dauern die Rennen nur, nach drei bis fünf Minuten ist das Spektakel dann schon wieder vorbei.

In dieser Zeit wird aber mit harten Bandagen um jeden Meter gekämpft. Beim Autocross preschen die Fahrzeuge über losen Untergrund, beim Rallycross ist die Strecke teilweise asphaltiert und teilweise lose.

Und Tim Kulikowski mischt in der nationalen Spitzenklasse ganz vorne mit. Mit seiner Saison sei er „schon zufrieden“, sagt der 17-Jährige. Das klingt nicht nach der ganz großen Euphorie, dabei ist er doch Deutscher Junioren-Meister im Rallycross geworden. Und das auch noch „überraschend“, wie Tim Kulikowski hinzufügt.

Zum Saisonbeginn noch keinen Autoführerschein

Denn er war der Jüngste im Fahrerfeld. Doch der ehrgeizige Kirchhainer, der zu Saisonbeginn im Mai noch 16 Jahre alt war und keinen Autoführerschein hatte, wäre auch gerne im offenen Rallycross-Pokal noch weiter vorne gelandet.

Vierter wurde er in der Addition von fünf Rennen, bei denen nach einem komplizierten Modus Vorläufe und Endläufe in die Wertung eingehen. Und das auch noch in unterschiedlichen Fahrzeugklassen. „Dietmar Brandt hat kaum Gegner“, sagt Tim Kulikowski deshalb über den Kaufunger, der die Gesamtwertung in seinem VW Golf VI gewann.

Der Kirchhainer, der für den MSC Schlüchtern startet, muss sich dagegen in seinem Opel Corsa den Angriffen von Sönke Glöde erwehren. Am Saisonende sammelte Brandt 146 Punkte, der Zweitplatzierte Jannik Riese (Ahnatal) kam auf 143, Glöde als Dritter auf 138 und Tim Kulikowski reihte sich dahinter mit 127 Punkten ein.

Ausrutscher verhindert eine bessere Platzierung

Es hätte mindestens noch einen Platz weiter nach vorne gehen können in der Endabrechnung. Doch im letzten Saisonrennen in Oschersleben passierte es: „Ich war ganz dicht dran am Führenden. In der Schikane war ich schneller“, beschreibt Tim Kulikowski den Verlauf.

„Ich habe gedacht: Hey, jetzt bremst du dich ran.“ Beim versuchten Überholmanöver habe er „links das Nasse“ nicht gesehen. Ob es Öl oder einfach nur Wasser war, weiß der 17-Jährige nicht – auf jeden Fall aber war es rutschig. „Da ist mir der Arsch weggegangen, ich habe mich komplett gedreht“, erzählt Tim Kulikowski. Der Rückstand war zu groß.

Statt 20 Punkten für den Sieg holte er nur 10 für den sechsten Platz, Glöde gewann. Abgesehen von diesem einen Fahrfehler verhinderten einige technische Pannen ein noch besseres Abschneiden. Nach Platz zwei in Valkenswaard (Niederlande) und dem Sieg in Gründau war in Schlüchtern die Schaltung defekt.

„Ich konnte keinen Angriff starten“, sagt Tim Kulikowski, der trotzdem wie auch beim vierten Rennen in Maasmechelen (Belgien) Zweiter wurde. Dabei war im Nachbarland nach dem Warm-up die Zylinderkopfdichtung seines Corsas kaputtgegangen und der Wasserschlauch geplatzt. Dank der Hilfe eines „netten Belgiers“, wie es der Kirchhainer ausdrückt, konnte er den Schaden aber beheben.

Motorsport als Familienangelegenheit

Im Schrauben ist Tim Kulikowski versiert. Kein Wunder, gehört seinem Bruder Domenic Bendix doch in Anzefahr eine Kfz-Werkstatt, wo auch Vater Gerhard Kulikowski arbeitet. Domenic Bendix war 2004 und 2005 Deutscher Autocross-Meister, startet auch jetzt noch sporadisch bei Rennen.

Gerhard Kulikowski fuhr in den 1980er-Jahren bei der Rallye-EM mit. Das erfahrene Duo unterstützt nun den jüngsten Motorsport-Sprössling der Familie bei seinen Rennen. Im Autocross fehlten Tim Kulikowski nur fünf Punkte, um es seinem Bruder gleichzutun und auch Deutscher Meister zu werden.

Bei den „Junior-Tourenwagen“ beendete er die Saison in seinem Corsa B mit 189 Punkten als Zweiter, Jan Baltzer (Flachslanden) fuhr in seinem Suzuki Swift 194 Zähler ein. Wie im Rallycross-Pokal hätte es zu mehr reichen können.

„Ich konnte nur vier Rennen normal fahren und hatte nur fünf Punkte Rückstand. Wenn ich zu Ende gefahren wäre, hätte ich Deutscher Meister werden können“, ärgert sich Tim Kulikowski ein wenig.

Immer wenn das Auto einwandfrei funktionierte, „habe ich gezeigt, was ich kann“, sagt der 17-Jährige. Doch beim vorletzten Rennen in Kesseltal streikte das Auto, Baltzer wurde vorzeitig Meister. Da half es dem Kirchhainer auch nicht, dass er das letzte Rennen in Cunewalde gewann – wie schon zuvor in Gründau, Schlüchtern und Uelzen.

Zum Auftakt in Höchstädt hatte Tim Kulikowski Motorprobleme und wurde „nur“ Zweiter, in Dauban schied er mit Motorschaden ganz aus. „In Siegbachtal hatte ich nur Pech“, blickt er auf ein weiteres entscheidendes Rennwochenende zurück. Eine gelbe Flagge machte ihm das Zeittraining kaputt.

Ein verkorkstes Wochenende in einer sehr guten Saison

Im ersten Lauf schob er sich vom dritten auf den zweiten Platz vor. Im zweiten Lauf fuhr er von der Spitze weg. „In einer Kurve habe ich dann einen Platten bekommen“, sagt der Kirchhainer, der bei der Firma Fritz Winter eine Ausbildung zum Gießereimechaniker macht.

Im dritten Lauf musste er somit von ganz hinten starten, schob sich auf Rang drei vor – bis in der vorletzten Runde die Antriebswelle riss. Ein verkorkstes Wochenende also in einer an sich sehr guten Saison.

Auf die nächste Saison freut sich Tim Kulikowski jetzt schon: „Das wird echt cool.“ Dann wird er sich mit einem neuen Opel Corsa komplett auf Rallycross konzentrieren. „Mit dem Auto will ich dann Dietmar Brandt angreifen“, gibt er als Ziel aus.

von Holger Schmidt