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13:38 06.10.2020
Der Schwede Johan Hagberg wird extra aus Stockholm eingeflogen, um für den TTV Stadtallendorf in der Regionalliga an der Platte zu stehen. Quelle: Thorsten Richter
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Stadtallendorf

Nach einem Jahr in der Oberliga Hessen spielt der TTV Stadtallendorf aktuell wieder in der Regionalliga West. Liebäugelt man aber nicht insgeheim mit mehr? Kann dem derzeit ranghöchsten Verein aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf mittelfristig möglicherweise das gelingen, was einst der ruhmreiche Bundesligist TTV Gönnern geschafft hatte?

Der Start in die Regionalliga-Saison kann als geglückt bezeichnet werden. In den ersten drei Spielen gelangen den Stadtallendorfern zwei beeindruckende Erfolge – zumindest was die Ergebnisse betrifft: Dem 12:0 zum Auftakt beim Gießener SV folgte ein 11:1 gegen den TTV RG Porz. Die darauf folgende 4:8-Niederlage gegen Fehlheim, einem Ortsteil von Bensheim, kann das Team um Mannschaftsführer Jochen Schmitt verschmerzen, schließlich sind von den elf Regionalliga-Teams nur noch drei ungeschlagen (Borussia Dortmund II, TTC Altena und die TG Neuss).

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Der Etat beträgt etwa 10 000 bis 12 000 Euro

Das könnte Begehrlichkeiten wecken, mittelfristig nicht nur das ausgegebene Ziel Klassenerhalt zu verfolgen, gebe es nicht zwei große Probleme: Für mehr fehlen das Geld und Talente aus der Region. Bereits jetzt muss der TTV einiges an Finanzmitteln aufbringen, um zumindest in der Regionalliga einigermaßen bestehen zu können.

Der Etat für eine Saison beträgt etwa 10 000 bis 12 000 Euro. Dabei helfen eine Anzahl kleinerer Sponsoren (einen Hauptsponsor hat der TTV nach Aussage seines Vorsitzenden Rolf-Werner Schmittdiel nicht), die Stadt Stadtallendorf und die Einnahmen aus dem Vereinsmagazin „Topspin“. Zum Vergleich: „Bei den meisten anderen Regionalligisten beträgt der Etat mindestens 20 000 Euro“, sagt Schmittdiel. Einen Teil seines Etats benötigt der TTV Stadtallendorf, um sich starke ausländische Spieler im Kader leisten zu können. So wird der Schwede Johan Hagberg (26, ehemals beim Zweitliga-Aufsteiger Ruhrstadt Herne), der an Nummer eins spielt, eigens aus Stockholm eingeflogen, um in der Bärenbachhalle an der Platte stehen zu können.

„Wir übernehmen die Flugkosten. Zudem erhält er bei Siegen eine vorher festgelegte Prämie“, erklärt Schmittdiel. Entsprechend verfahren würde der TTV mit seiner Nummer zwei, dem Kroaten Luka Fucec (26, Ex-Bundesliga-Spieler in Grenzau), der aufgrund der Corona-Lage in Kroatien allerdings noch nicht für die Ostkreisler angetreten ist. „Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wir hoffen selbstverständlich, dass dies in der laufenden Saison noch möglich sein wird“, ergänzt Schmittdiel. Für Lucec spielt derzeit der Mexikaner Guillermo Gasio an Nummer zwei.

Im Gegensatz zu den ausländischen Spielern erhalten die anderen Stadtallendorfer Akteure, die aus der hiesigen Region kommen, so gut wie kein Geld. „Das ist aber so abgesprochen und wird akzeptiert“, sagt der Vorsitzende. Stellt sich die Frage, warum Vereine wie Stadtallendorf nicht auf „teure“ Spieler verzichten und dafür auf Zelluloid-Künstler aus der Region setzen.

„Diese Frage beantwortet sich von selbst. Es gibt zu wenige talentierte Spieler in unserer Region und so gut wie keine mit Regionalliga-Format“, sagt Schmittdiel und erklärt, warum dies so ist: „Zunächst einmal hat das auch etwas mit Zufall zu tun. Will heißen, ist unter den vielen Jugendlichen mal einer dabei, der das große Talent hat, ganz nach oben zu gelangen. Wenn dies dann der Fall ist, muss er allerdings auch bereit sein, sich zu quälen. Denn der Weg ist nicht einfach und auch nicht kurz. Darüber hinaus müssen dies auch die Eltern unterstützen. Wir reden hier von Leistungssport. Unter dem Strich ziehen dies nur die wenigsten durch, da der Aufwand irgendwann zu groß erscheint.“

Und wenn dann mal einer dabei ist, der das Zeug hat, ein Großer zu werden, kann es passieren, dass er den Verein verlässt. So wie der 19-jährige Michael Fuchs aus Moischt. „Er ist wohl der derzeit beste Nachwuchsspieler in unserem Landkreis, hat sich aber zu Beginn der Corona-Krise Ende März entschieden, uns in Richtung Gießen zu verlassen. Das hat mich tief enttäuscht, zumal er bei uns nicht nur beste Trainingsbedingungen vorgefunden hat“, bedauert Schmittdiel diesen Verlust.

Auch deshalb könne der TTV – wie im Übrigen die anderen Regionalligisten auch – sportlich nur mit stärkeren ausländischen Spielern bestehen. Dies sei auch dem Hessischen Tischtennis-Verband und dem Deutschen Tischtennis-Bund bewusst. „Sie wissen, dass sie mehr tun müssen, um die wenigen Talente noch intensiver zu fördern, befinden sich aber auch ständig in Konkurrenz mit anderen Sportarten“ sagt Schmittdiel.

Schmittdiel will Gönnern nicht nachahmen

Das bedeutet, dass für Vereine aus der hiesigen Region die Spielklasse Regionalliga das Höchste der Gefühle ist? „Wenn uns jemand die Summe x gibt, könnte man auch über die 3. Liga oder mehr sprechen“, beantwortet Schmittdiel diese Frage nicht mit einem Ja, schränkt aber ein: „Was macht es für einen Sinn, nur mit Spielern anzutreten, die nicht aus unserer Region stammen? Unter dem Strich würde die Identifikation mit seinem Verein fehlen. Demzufolge werden und wollen wir den TTV Gönnern nicht nachahmen.“

Beim TTV Gönnern ging dies mit seinen Superstars Timo Boll und Jörg Roßkopf sportlich einige Jahre gut. 1996 gelang der Aufstieg in die Bundesliga. Die größten Erfolge feierte die Mannschaft 2005 und 2006, als sie jeweils die Champions League gewann. 2009 zog sich der Verein aus finanziellen Gründen vom Profisport zurück. Die Spielberechtigung für die Bundesliga wurde auf den Verein TG Hanau übertragen, wohin die meisten Profispieler wechselten. Die 1. Mannschaft spielte anschließend in der Hessenliga, aktuell spielt der Verein unter dem Namen TTV Angelburg in der Bezirksklasse.

Von Michael E. Schmidt