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Lokalsport „Godzilla“ drängt ins Showgeschäft
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00:19 23.11.2018
Vor dem Logo der großen Wrestling-Organisation WWE wirkt selbst ein Zwei-Meter-Hüne wie Raffael Gordzielik klein. Quelle: privat
Marburg

Der Amerikaner Matt Bloom und der Staufenberger Raffael Gordzielik haben viel gemeinsam: Beide sind 1,98 Meter groß, beide haben Jura studiert und beide haben American Football gespielt. Der eine, Bloom, hat unter seinen Kampfnamen A-Train und Lord Tensai halbnackte Muskelprotze durch den Wrestling-Ring geschleudert. Der andere, Gordzielik, will genau das künftig tun.

Wie es dazu kam empfindet Gordzielik als „lustige Geschichte“. Die WWE (World Wrestling Entertainment) ist die bekannteste Organisation für professionelles Showcatchen. Das amerikanische Unternehmen ist immer auf der Suche nach frischen Gesichtern und Typen, die die Fans mit durchchoreografierten Kämpfen unterhalten. Weltweit, seit neuestem auch in Deutschland.

Wrestling-Erfahrung nur aus Videospielen

Die WWE lud also kürzlich nach Köln ein zu sogenannten „Tryouts“, wo potenzielle Kandidaten auf ihre Wrestling-­Fähigkeiten getestet wurden. Viele Anwärter wussten ein halbes Jahr vorher darüber Bescheid und konnten sich vorbereiten.

Raffael Gordzielik wurde erst drei Tage vorher angerufen. Die WWE war durch die Strongman-Erfolge des zweimaligen Deutschen Meisters auf den 33-Jährigen aufmerksam geworden. „Ich habe mich seit meiner Kindheit nicht mehr damit beschäftigt“, sagt Gordzielik. Erfahrung mit Wrestling hat er nur durch Videospiele.

Auf der Playstation 1 oder dem Sega Megadrive, so genau weiß er das nicht mehr. Lange her. Hulk Hogan ist ihm ein Begriff und der Undertaker. Der ist mit seinen 53 Jahren übrigens immer noch aktiv in der WWE. Gut möglich also, dass es Gordzielik sogar mal mit der wohl berühmtesten Figur des Wrestlings zu tun bekommt.

Einladung nach Orlando

Aber das ist Zukunftsmusik. Erst einmal muss er die Verantwortlichen davon überzeugen, dass er das Zeug zum Ring-Entertainer hat. Das optische Erscheinungsbild passt auf jeden Fall. Und ganz schlecht lief es wohl nicht in Köln. Die Trainer Matt Bloom (alias Lord Tensai und A-Train), Robbie Brookside und Sarah Stock (alias Dark Angel) fanden offensichtlich Gefallen am dem deutschen Hünen. „Die haben gesagt, dass ich im Februar für eine Woche nach Orlando fliegen soll“, sagt der Familienvater. In Florida soll er dann ein spezielles Training absolvieren.

Schon in Köln hatte die WWE ihm und den anderen etwa 40 Kandidaten – die Hälfte davon Wrestler – an vier Tagen körperlich alles abverlangt. „Ich bin schwere Gewichte gewohnt – aber das hatte Bootcamp-Charakter“, stöhnt Gordzielik, der bei den Marburg Mercenaries Football spielte, bevor er sich vor einigen Jahren gänzlich dem Kraftsport zuwendete, jetzt noch.

20 Kniebeugen, Liegestütze, auf den Boden werfen und aufstehen, Sit-ups, Sprints, außerdem Rolle vorwärts und rückwärts, Abrollen über die Schulter und Flugrolle. „Ein brutales Programm“, sagt der 33-Jährige, der sich bei den ungewohnten Sprints Muskelfaserrisse in den Beinen zuzog. Ärgerlich, schmerzhaft, aber nichts, was der Staufenberger, der seine 1,98 Meter gerne zu glatten zwei Metern aufrundet, nicht wegstecken könnte.

Wrestling ist lukrativer als Kraftsport

„Die Beweglichkeit und die Explosivität habe ich über den Football“, profitiert Gordzielik immer noch von seiner Bundesliga-Zeit in Marburg. Sein Training will er trotzdem umstellen, um fit zu sein für das Wrestling in Florida. Die Kraftelemente wird er ein wenig zurückstellen, das Augenmerk „ein bisschen mehr auf Ausdauer und Flexibilität“ legen.

Dem Kraftsport entsagt der Jurist, der sich als Rechtsanwalt selbstständig machen will, aber nicht gänzlich. „Am Strongman-Sport hängt mein Herzblut“, sagt Gordzielik, der in der Szene auch als „German Godzilla“ bekannt ist. „Aber es ist eben nicht lukrativ. Wrestling dagegen schon“, wie Gordzielik an den Beispielen von John Cena und Dwayne „The Rock“ Johnson aufzeigt, die mittlerweile auch als Schauspieler in Hollywood-Filmen berühmt sind.

Bis dahin ist es freilich noch ein ganz weiter und steiniger Weg. Die WWE suchte in Köln erst einmal Kandidaten für ihre Aufbauliga „NXT“, über die die Athleten dann an die Shows „Smackdown“ und „Raw“ herangeführt werden sollen. Nur die Besten schaffen es von da wiederum zu Events wie „Wrestlemania“ oder „Royal Rumble“, die weltweit ein Millionenpublikum vor die Fernseher locken.

Heben ja, werfen nein

Raffael Gordzielik hat zwar als Grundschulkind Karate gemacht. Die Bewegungsabläufe der durchchoreografierten Shows seien aber „absolutes Neuland“ für ihn. Für den Hünen geht es also um die Grundlagen, „wie man jemanden hochhebt und auf den Boden wirft“, erklärt er, „um Griffe und Hebel“. Bloom, Brookside und Stock demonstrierten in Köln zum Beispiel, wie man jemanden mit dem Rücken auf die Ringmatte donnert, sodass es ordentlich kracht, den anderen aber nicht verletzt.

Werfen durften die Kandidaten noch nicht – zu gefährlich. In die Luft heben dagegen schon. „Ich war der einzige, der nicht hochgehoben wurde“, lacht Gordzielik. An seine 174 Kilogramm trauten sich nicht einmal die Profis ran.

Für den 33-Jährigen war das Hochheben eines Menschen dagegen ein Kinderspiel. Bei den Strongman-Wettkämpfen ist er mit ganz anderen Gewichten konfrontiert. Da hebt er 170 Kilogramm schwere Baumstämme (die keine echten Baumstämme sind) über seinen Kopf, trägt an jeder Hand zwei 130 Kilogramm schwere Koffer (die keine echten Koffer sind) oder zieht einen fast 18 Tonnen schweren Lkw (der tatsächlich ein echter Lkw ist) am Seil hinter sich her. „Leute hochzuheben war gar kein Problem“, sagt er also. Vielleicht macht der „German Godzilla“ das ja demnächst sogar hauptberuflich in der WWE. Den Kampfnamen dazu hat er ja schon.

von Holger Schmidt