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Für ihn geht’s oft um knifflige Entscheidungen
Für ihn geht’s oft um knifflige Entscheidungen
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15:00 09.12.2021
Entschlossenheit ist gefragt – so wie in dieser Szene 2012, in der Timo Ide Stadtallendorfs Kevin Vidakovics die Rote Karte zeigt.
Entschlossenheit ist gefragt – so wie in dieser Szene 2012, in der Timo Ide Stadtallendorfs Kevin Vidakovics die Rote Karte zeigt. Quelle: Michael Hoffsteter
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Marburg

„Ich behaupte mal, dass ich auch heute noch auf jeden Sportplatz kommen kann, ohne dass man mich wegjagt“, sagt Timo Ide. Und es sind so einige Sportplätze, Vereinsverantwortliche, Trainer und Spieler, die der 36-Jährige kennt. Nicht nur in Hessen. In ganz Deutschland. Knapp 21 Jahre dauerte seine Karriere als Fußball-Schiedsrichter, sie führte ihn bis in die 3. Liga zu den Profis (siehe Infobox). Dem interessanten Hobby hat sich nach seiner sportlichen Karriere eine nicht minder interessante berufliche Tätigkeit angeschlossen.

Seit Mai 2017 ist der frühere Spitzenschiedsrichter einer von derzeit 15 Staatsanwälten bei der Staatsanwaltschaft Marburg, deren Pressesprecher er auch ist. Dort kümmert sich Ide um ganz andere Vergehen als Fouls, Handspiele oder Abseitsstellungen – vielmehr sind es handfeste Straftaten, mit denen der Jurist tagein, tagaus zu tun hat. „Mein Wunsch, Staatsanwalt zu werden, entstand schon recht früh im Studium. Das Strafrecht hat mich am meisten interessiert, weil es etwas Greifbares ist, sich mit Dingen aus dem Leben beschäftigt“, begründet Ide. Selbst das Amt des Richters, das im Vergleich wohl der Funktion des Referees am nächsten kommt, reizte ihn weniger, „weil man dann nicht zwingend mit dem Strafrecht betraut ist“, erklärt Ide.

Doch auch zwischen seinem Beruf und seiner früheren Passion ließen sich so einige Parallelen feststellen, zeigt Ide im Gespräch mit der OP auf: „Ein wichtiger Aspekt ist, dass man bei beiden Tätigkeiten ständig Entscheidungen treffen muss. Als Schiedsrichter macht man das 100 bis 150 Mal pro Spiel, manchmal binnen Sekunden und ohne es zu merken.“ Als Staatsanwalt sei dies genauso. „Da geht es vielleicht nicht um Sekunden, aber auch schon mal um Minuten. Insofern hat mir die Schiedsrichterei viel gebracht.“

Überdies verbinde den Job als Unparteiischer mit seinem Beruf, dass man es mit unterschiedlichsten, mitunter nicht ganz einfachen Charakteren zu tun habe. „Die Tätigkeit als Schiedsrichter hat mir unheimlich viel dabei geholfen, mit Menschen umzugehen. Ich habe aber auch gelernt, im Fokus zu stehen. Diese Schule hilft mir tagtäglich.“

Psychologischer Druck

Dass dabei auch oft ein psychologischer Druck vorhanden ist, liege in der Natur der Sache. „Im Fußball noch mehr als in der Staatsanwalt-Tätigkeit. Auf Amateur-Sportplätzen ist dies oft nicht so gravierend“, sagt Ide, „in einem Stadion mit 25 000 Menschen, die nicht immer auf schöne Weise auf einen einwirken, muss man damit umgehen können, diesen Druck aushalten und ihn nicht an sich heranlassen.“

Entscheidungen binnen kürzester Zeit abzuwägen, bringe immer Druck mit sich – übrigens auch für Staatsanwälte. „Gerade im Bereich der Kapitaldelikte“, erzählt Ide. „Bei Tötungsdelikten steht man immer unter Druck, in kürzester Zeit möglichst richtige Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört eine gewisse mentale Stärke.“

Und Ide will auch nicht verhehlen, dass bei beiden Tätigkeiten ein gewisser Hang dahingehend besteht, für Gerechtigkeit sorgen zu wollen. „Wenn man als Schiedsrichter nicht den Wunsch hat, für ein faires Fußballspiel zu sorgen, ist man fehl am Platz. Auch als Staatsanwalt will man für Gerechtigkeit sorgen – wobei dies mal besser, mal schlechter gelingt“, räumt der 36-Jährige ein, der aber auch anmerkt: „Nur weil man ein guter Schiedsrichter ist, heißt dies nicht automatisch, dass man in der Juristerei gut aufgehoben ist.“ Umgekehrt gelte das Gleiche.

Wie in vielen anderen Bereichen sei die Lebenserfahrung eine wichtige Komponente – sowohl als Jurist als auch als Unparteiischer. Von dieser seiner Erfahrung können inzwischen andere Referees profitieren. Nach seiner aktiven Laufbahn ist Ide noch als Schiedsrichter-Beobachter tätig – auch bei Spielen im heimischen Landkreis, wo man ihn kennt. „Ich bin mit allen Beteiligten im Reinen. Insofern blick ich zufrieden auf das zurück, was ich erreicht habe.“

Von Marcello Di Cicco

Mehr als 2000 Spiele in 21 Jahren

Bis zur 3. Liga war Timo Ide (36) während seiner knapp 21-jährigen Laufbahn aktiv. Als Zwölfjähriger legte der ehemalige Jugendtorwart 1997 seine Schiedsrichter-Prüfung ab, pfiff danach geschätzt zwischen 2 000 und 2 500 Spiele für Schwarz-Weiß Welcherod. 2003 stieg der gebürtig aus Homberg/Efze stammende Ide in die fünftklassige Verbandsliga auf, 2004 in die Hessenliga und Junioren-Bundesliga. Ab 2009 leitete er drei Jahre lang Spiele in der Regionalliga, war genauso lange Assistent in der 3. Liga.

Danach leitete er bis zu seinem Karriereende im Frühjahr 2018 Partien im hessischen Fußball-Oberhaus – unter anderem in seinem letzten Spiel, das zugleich letzte Fuldaer Derby zwischen Borussia Fulda und dem TSV Lehnerz. Den Schnitt machte Ide kurz nach Beginn seiner Tätigkeit als Staatsanwalt. „Ich habe relativ schnell gemerkt, dass beides parallel nicht funktioniert, weil man in der Hessenliga einen gewissen Aufwand betreiben muss, insbesondere was das Training angeht“, sagt Ide.

Zu seinen Highlights zählt Ide das Hessenpokal-Finale 2014 am Bieberer Berg zwischen Gastgeber Kickers Offenbach und dem SV Darmstadt 98. „Es ist immer eine besondere Ehre, ein solches Spiel als Schiedsrichter übertragen zu bekommen“, sagt der Staatsanwalt. Derzeit kümmert er sich als Beisitzer im Verbandsschiedsrichterausschuss mit Lehrwart Andreas Schröter um die Aus- und Fortbildung der Schiedsrichter und ist bis zur Regionalliga sowie Junioren- und Frauen-Bundesliga als Schiedsrichter-Beobachter tätig. „Diese Tätigkeit spannt mich ganz gut ein“, sagt Ide, der an der Philipps-Universität Marburg Rechtswissenschaften studiert hat und mit Studienbeginn seit 2005 in Marburg lebt. mdc