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Lokalsport Sportvereine drängen auf Perspektive
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14:58 18.02.2021
Egal, ob Turnen, Gymnastik oder Tanzen: Wegen Corona müssen die Vereinssportler derzeit auf viel verzichten.
Egal, ob Turnen, Gymnastik oder Tanzen: Wegen Corona müssen die Vereinssportler derzeit auf viel verzichten. Quelle: Tobias Hirsch (Archivfoto/Collage)
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Marburg

Im vergangenen Jahr wurde der TSV Eintracht Stadtallendorf 100 Jahre alt, wegen der Corona-Pandemie sollten die Feierlichkeiten im Laufe dieses Jahres nachgeholt werden. „Wie das ablaufen soll, wissen wir aber auch nicht genau“, sagt der TSV-Vorsitzende Bernd Weitzel. Die Ungewissheit um das Jubiläum steht exemplarisch für die Ungewissheit der Sportvereine während des zweiten Lockdowns. Seit gut dreieinhalb Monaten liegt der Vereinssport wegen der Beschränkungen auf Eis; das Verständnis dafür bröckelt zusehends, wie etwa Dirk Lossin durchblicken lässt.

„Die meisten Mitglieder nehmen es mit Geduld“, sagt der Vorsitzende des TSV Kirchhain – und schiebt sogleich hinterher: „Die Geduld ist aber nicht so einmütig wie nach dem ersten Lockdown. Die Anfragen seitens unserer Mitglieder an mich werden mehr, die Nerven sind ein Stück weit strapaziert.“ Weitzel und Ulrike Ristau, Vorsitzende des VfL Marburg, haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

Eine klare Perspektive fehle

Was den drei Vorsitzenden unisono fehlt: „Eine klare Perspektive“, formuliert es Lossin. Also wann und wie Sport im Verein wieder losgehen könnte. „Ich würde mir wünschen, dass zumindest wieder Outdoorsport möglich wäre“, sagt Ristau. Umfangreiche Hygienekonzepte, die schon nach dem ersten Lockdown im vergangenen Sommer angewandt wurden, hätten sich bewährt, dank ihnen sei auch Profisport sichergestellt. Warum also nicht auch Amateursport?

„Mittelfristig wäre auch eine Perspektive gut, wann es etwa wieder mit Hallensport losgehen kann“, sagt die VfL-Vorsitzende. Beim vergangenen Bund-Länder-Treffen Anfang Februar wurde für den Amateur- und Breitensport hierzu kein Fahrplan festgelegt. Auch Weitzel findet es „wichtig fürs Vereinsleben, dass Wege aufgezeigt werden“. Schließlich gehe es um mehr als ums Sporttreiben für Jung und Alt, wie nicht nur der TSV-Vorsitzende meint.

„Der Sportverein hat mehr zu bieten als körperliche Betätigung. Er spielt auch eine wichtige Rolle in Sachen Sozialkompetenz. Wo lerne ich denn den Respekt vor Schiedsrichtern?“, fragt Ristau. Weitzel hat gar Angst, „dass die Sozialisierung auf der Strecke bleibt“.

Verständnisvolle Mitglieder

Spurlos vorbeigegangen ist die Pandemie schon jetzt nicht an den drei Vereinen, die zusammen knapp 6 400 Mitglieder haben. „Wir merken, dass einzelne Mitglieder aufgrund finanzieller Nöte keine Beiträge zahlen“, erzählt Weitzel, der im selben Atemzug betont, dass „die meisten sehr verständnisvoll“ seien ob der eingeschränkten Handlungsfähigkeit der Vereinsverantwortlichen in Sachen Sportbetrieb. „Je länger aber die Perspektive fehlt, desto schwieriger wird es.“ Etwa 50 Mitglieder haben der Eintracht innerhalb eines Jahres den Rücken gekehrt.

„Bei uns bleiben die meisten bei der Stange, da ist viel Solidarität“, freut sich Lossin, „aber das hat alles seine Grenzen“, weiß der Vorsitzende des TSV Kirchhain, der knapp 2 300 Mitglieder in 13 Abteilungen zählt. Vielen fehle nicht in erster Linie die Bewegungsmöglichkeit, „sondern der soziale Kontakt“.

Einen Mitgliederschwund kann Ristau für den VfL um seine 2 348 Mitglieder in 16 Abteilungen nicht ausmachen. „Allerdings merken wir, dass es weniger Anmeldungen gibt.“ Finanziell schlage der Lockdown nicht so arg ins Kontor, da Übungsleiter nicht bezahlt werden müssen und damit auch Ausgaben wegfallen.

„Man muss aber ganz klar sagen: Ohne das Engagement der Ehrenamtler geht es nicht“, ist Ristau heilfroh um die Unterstützung – genau wie Weitzel und Lossin, in deren Vereinen Trainer und Übungsleiter ebenfalls bestmöglich versuchten, Sport in der Gemeinschaft anzubieten, wo es nur geht, etwa durch Videokonferenzen oder sogenannte Challenges für zu Hause. „Wo es Möglichkeiten gibt, werden sie genutzt“, sagt Weitzel. Allerdings hänge die Affinität zur Nutzung alternativer Kontaktmöglichkeiten auch immer am Einzelnen, gibt Lossin zu bedenken.

Von Marcello Di Cicco