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Lokalsport Kegelsport auf dem absteigenden Ast
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15:00 30.09.2021
Noch rollt die Kugel. Der Kegelsport kämpft aber um seine Zukunft.
Noch rollt die Kugel. Der Kegelsport kämpft aber um seine Zukunft. Quelle: Archivfoto
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Marburg/Biedenkopf

Bundesweit wird darüber diskutiert, wie es mit der Zukunft des Sportkegelns bestellt ist. Von der Bundesliga bis hin zur niedrigsten Klasse geht bei Vereinen die Angst um, dass die Sportart mit der Kugel und den neun Kegeln vom „Aussterben“ bedroht sein könnte. Auch der Kegelsport leidet unter Mitgliederrückgang. Als überaus schwierig gestaltet es sich, Nachwuchs zu gewinnen.

Was muss geschehen, um dem entgegenzuwirken? Wie kann die Sportart attraktiver gemacht werden, um bestenfalls neue Mitglieder zu generieren und im schlechtesten Fall wenigsten diejenigen zu halten, die noch dabei sind.

Nachwuchsgewinnung steht im Fokus

Lösungen werden gesucht. Auch die Spitze des Deutschen Schere-Keglerbundes (DSKB) ist besorgt und arbeitete an Konzepten, um den Nachwuchs zu begeistern, um neue Mitglieder zu gewinnen. Unter dem neuen Präsidenten Carsten Schinke soll zumindest in den Bundesligen ein neues Spiel- und Wertungssystem ins Leben gerufen werden – selbstverständlich in Absprache mit den Vereinen, hieß es.

Um dieses neue System zu erläutern, bedarf es einiger Anstrengungen und ist für den neutralen Zuschauer, so er denn überhaupt zu den Ligenspielen kommt, nahezu ebenso wenig durchschaubar wie das alte. Nur so viel: Treten künftig vier Teams an einem Spieltag gegeneinander an, gewinnt nicht unbedingt das Team, das die meisten Holz erzielt hat.

Klingt nicht nur fragwürdig, ist auch so. Fatalerweise hat der neue DSKB-Präsident das neue Spiel- und Wertungssystem auf der DSKB-Homepage bereits für die Saison 2022/23 als beschlossen verkündet. Dem ist aber nicht so. Dies geht aus dem letzten Protokoll der DSKB-Sportausschusssitzung hervor. Entsprechend groß war die Empörung in Sportkegelforen und im Facebook.

Marburger Kegelvereine brauchen neue Mitglieder

An Lösungen, das Sportkegeln möglichst lange zu erhalten, sind auch die beiden noch verbliebenen heimischen Sportkegelvereine interessiert: die SKG 08 Marburg mit ihrem Sportkegelzentrum am Pilgrimstein und die KSG Hinterland mit ihrer Anlage im Bürgerhaus Buchenau. Kein leichtes Unterfangen. Beiden Clubs fehlt der Unterbau. Die personelle Situation wird von Jahr zu Jahr eher schlechter denn besser.

Marcus Müller (52) hat von seiner Kindheit an Sportkegeln betrieben – lange Jahre in Marburg, das einst in der Hessenliga spielte, und zuletzt bei der KSG Hinterland, die unter anderem aus RW Biedenkopf, dem ehemaligen Zweitbundesligisten hervorgegangen ist. Müller war Hessenmeister, nahm an mehreren Deutschen Meisterschaften teil, kennt sich also bestens aus in der Sportkegel-Szene im Landkreis und darüber hinaus. Er bringt die Problematik vieler Vereine auf den Punkt: „Ich kann jetzt zwar nur von der KSG Hinterland sprechen, aber wenn man bedenkt, dass ich dort mit 52 der jüngste Sportkegler in der 1. Mannschaft bin, dann sagt das doch schon einiges aus.“ Bei der SKG 08 Marburg sieht es nicht besser aus. Die „Erste“ spielt inzwischen „nur“ noch in der Bezirksoberliga. Leistungsträger sind dort Gerald Loyo und Reinhold Höhn (beide sind Männer B, also Ü59). In der 2. Mannschaft ist Jochen Kempf mit seinen 75 Jahren immer noch einer der Besten.

Problem der „Überalterung“

Müller selbst hat seine Kegelschuhe zwar noch nicht an den Nagel gehängt, sich aber entschieden, vorerst zumindest eine Pause einzulegen. „Angefangen hat es mit dem Lockdown, knapp acht Monate kein Kegeln und dann trotz hoher Inzidenzen Sport auf einer Kegelbahn, nee, das war mir familiärbedingt zu riskant. Dadurch folgte dann auch ein Umdenken. Andere Dinge – Familie, Garten, Haustiere – mit denen ich mich in dieser Zeit mehr beschäftigt habe, wurden und sind wichtiger. Zudem kam dann mangelnde Motivation hinzu. Nicht zuletzt spielte auch mein aufreibenden Job bei der Post ein Rolle.“

Über die Zukunft des Sportkegelns kann Müller „keine Prognose stellen. Außer, dass auch Corona sicherlich einige negative Weichen gestellt hat.“ Dies ging auch an der KSG Mittelhessen (Spielort Reiskirchen) nicht spurlos vorüber. Der einstige Deutsche Mannschaftmeister und Bundesligist zog sich vor der laufenden Saison freiwillig aus der 2. Bundesliga zurück. Personelle Probleme aufgrund von Verletzungen nach langer Kegelpause und Abgänge sowie Karriereende von Stammspielern führten dazu. Das Team kämpft auch gegen „Überalterung“. Von Nachwuchskeglern in der 1. Mannschaft keine Spur. Der beste Spieler der Mittelhessen, Alexander Lehnhausen, ist auch bereits über 50.

Von Michael E. Schmidt

Das sagt der Sektionssportwart des HKBV

Torben Möller aus Hönebach, Landessportwart der Sektion Schere im Hessischen Kegler- und Bowling Verband (HKBV), räumt ein, dass es aktuell schwierig sei, den Abwärtstrend im Sportkegeln zu stoppen. „Zumal gerade in den vergangenen Jahren nicht nur Jugendliche abgesprungen sind, sondern auch einige Erwachsene. Die Mitgliedergewinnung ist seitens des Verbandes nur mit geringen Mitteln zu unterstützen. Dies muss seitens der Vereine geschehen und erfolgt zumindest in einigen Fällen auch sehr erfolgreich.“ Möller teilt die Auffassung und Hoffnung des Deutschen Schere-Keglerbundes (DSKB), mit einem neuen Spiel- und Wertungssystem für größere Attraktivität und mehr mediale Präsenz zu sorgen, nicht. „Für Außenstehende und auch für die Sportlerinnen und Sportler selbst wäre das neue System noch schwerer zu überblicken – ob die Spiele spannender werden, bleibt ebenfalls offen.“

Es sei vielmehr das Gegenteil zu erwarten. „So ist die Mehrzahl der hessischen Bundesligisten aktuell gegen ein neues System und es wird auch offen über Rückzüge aus den Bundesligen gesprochen. In Hessen werden wir bei dem etablierten Spiel- und Wertungssystem bleiben, egal, was auf Bundesebene passiert. „Natürlich ist dies nicht förderlich für die mediale Präsenz des Kegelsports, aber man muss auch einmal Zeichen setzen und im Sinne und nach den Mehrheiten der Keglerinnen und Kegler entscheiden, sagt Möller. „Stattdessen schwebt uns vor, gerade im Jugendbereich aktiver zu werden. Die Jugendlichen müssen früher in den Ligenspielbetrieb eingebunden werden“, fordert Möller. Ob dies umgesetzt werden kann, liegt auch am DSKB. Der HKBV wird dazu einen Antrag einbringen. mis