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Lokalsport So ganz kann er’s nicht sein lassen
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18:20 16.03.2018
Fabian Hambüchen (rechts) im Gespräch mit KTV-Teamchef Albert Wiemers. Der Olympiasieger sieht sich in der Biedenkopfer Riege als Motivator. Quelle: Melanie Weiershäuser
Biedenkopf

Er geht in die Knie, er wirkt kurzzeitig wie in Trance, dann wieder hüpft er von links nach recht, schließlich springt er in die Luft und reißt die Arme nach oben: Bei den Übungen der Biedenkopfer Kunstturner geht Fabian Hambüchen voll mit. Dabei ist er doch nun eigentlich Turn-Rentner; mit dem Bundesliga-Finale im Dezember in Ludwigsburg, bei dem die KTV Bronze gewann, hatte der Reck-Olympiasieger von Rio de Janeiro seine aktive Karriere beendet. Beim Wettkampf am vergangenen Samstag gegen die TG Saar wirkte es nicht nur einmal so, als würde er selbst wieder mitmachen wollen - ein Eindruck, der nicht täuschte.

Neue Rolle als Motivator

„Es kribbelt brutal“, sagt der 30-Jährige im Gespräch mit der Oberhessischen Presse. „Aber“, so stellt er klar, „es ist kein Thema, dass ich in dieser Saison noch mal antrete. Ich bin auch völlig außer Form.“ Allerdings: Schon in dieser Woche wolle er zu Hause in Wetzlar wieder in die Halle gehen, ein paar Übungen machen. „Ich kann’s nicht so ganz sein lassen. Aber das mache ich jetzt nur noch ‚just for fun‘, einfach um mich gut zu fühlen.“

Zur Biedenkopfer Bundesliga-Riege gehört Hambüchen weiterhin, nur eben jetzt nicht mehr als Aktiver. Als was sonst? „Schwer zu sagen. Ich will die Jungs anfeuern, sie durchpushen, bei Laune halten.“ Als Motivator, diesem Vorschlag stimmt er zu, könnte man ihn bezeichnen. Für ihn „eine neue Rolle“, aber „doch nicht so ganz neu, das war ja vergangenes Jahr am Anfang auch so“. Wegen einer Schulteroperation hatte der 1,63-Meter-„Turnfloh“ die erste Hälfte der Saison passen müssen, war auch damals zur Unterstützung seiner Teamkameraden mit in der Halle.

Hambüchen, so meint Teamchef Albert Wiemers, bleibe „ein ganz wichtiger Faktor unserer Mannschaft. Gerade den jüngeren Turnern kann er wertvolle Tipps geben.“ Aber auch Lukas Dauser, der selbst bei den Olympischen Spielen in Rio geturnt hatte und Barren-Silbermedaillengewinner bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr geworden war, setzt auf die Unterstützung Hambüchens: „Fabi ist jemand, der mit seiner Erfahrung allen hilft. ­Alle haben sich etwas von ihm abgucken können, ich auch.“ Und: „Wenn Fabi nach einer Übung in die Luft springt und jubelt, dann weiß man, dass man es gut gemacht hat. Das gibt ein richtig gutes Gefühl.“ Hambüchen, das wird aus diesen Aussagen nochmals deutlich, ist immer Vollblutsportler gewesen, er will auch gar nicht loslassen. Nur die Prioritäten haben sich etwas verschoben.

Der zweifache Sportler des Jahres ist niemand, der drumherum redet. Er sagt ganz klar, was für ihn derzeit im Fokus steht: Geld zu verdienen, eine Basis für die Zukunft zu schaffen. In Wetzlar baut der 30-Jährige sein Zuhause; praktisch, dass einer seiner Sponsoren ein Fertighausanbieter ist. Für andere Geldgeber nimmt er Termine wahr, hält Vorträge, am vorvergangenen Wochenende etwa für die Deutsche Vermögensberatung in Marburg. Zuvor war er für Eurosport bei den Olympischen Spielen in Südkorea im Einsatz, interviewte dort die Wintersportler - eine „Sache, die mir riesig Spaß gemacht hat“. Für die Sommerspiele 2020 in Tokio hat der TV-Sender ihn ebenfalls gebucht, dann als Experte fürs Turnen.

Versprechen: nie ins „Dschungelcamp“

Er, der Goldmedaillengewinner von vor zwei Jahren, ist gefragt wie eh und je - aber er ist geerdet, zu Kopf steigen lässt er sich das nicht: „Es kann auch mal zu Ende sein“, weiß er. Ein Versprechen hat Hambüchen, im Fernsehen schon in diversen Shows von „Groß gegen Klein“ im Ersten über die „Promi-Darts-WM“ bei ProSieben bis zu „Ewige Helden“ bei Vox aufgetreten, bereits vor einiger Zeit gegeben: „Ins Dschungelcamp werde ich niemals gehen!“

Quasi nebenbei, so wirkt es, will Hambüchen sein „Sport und Leistung“-Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln zu Ende bringen; nächste Woche steht eine Prüfung auf dem Plan. „Ich hoffe, dass ich den Kurs dieses Semester kriege.“ Dann, erklärt er, könnte er im Sommer seinen Abschluss in der Tasche haben - auch ein Grundstein für die berufliche Zukunft.

Die könnte im Turnbereich liegen: Eine Karriere als Trainer sei für ihn „durchaus vorstellbar“, damit würde er in die Fußstapfen seines Vaters Wolfgang treten. Erste Erfahrung hat er bereits gesammelt: Während seiner Reha im vergangenen Jahr coachte er seinen Kumpel Jakob Paulicks vor und bei den Deutschen Meisterschaften, bejubelte mit ihm Silber am Reck. Am selben Gerät holte Paulicks am vergangenen Samstag gegen die TG Saar die letzten drei Scorepunkte für die KTV beim 40:21-Sieg. Hambüchen freut sich riesig über den Erfolg über den Vizemeister, spricht von einer „wahnsinnig guten Leistung“ und traut den Titans dieses Jahr viel zu: „Wenn sie das die Saison durchziehen haben sie gute Chancen, diesmal das große Finale um Gold zu erreichen. Das wäre super!“

Wann immer es sein enger Terminplan zulässt, kündigt Hambüchen an, wolle er die KTV-Turner weiterhin bei den Wettkämpfen unterstützen - auch wenn er dabei ziemlich leidet: „Es ist viel schlimmer, wenn du nicht selbst turnst, dann hast du nichts in der Hand. Du willst den Jungs helfen, musst sie am Gerät aber doch sich selbst überlassen. Das ist echt hart.“

von Stefan Weisbrod