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Lokalsport Im Training ist Kreativität gefragt
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16:57 16.04.2020
Gähnende Leere: Das Bad „Alldomare“ in Stadtallendorf ist derzeit geschlossen – auch zum Leidwesen der Vereinssportler. Quelle: mr//media / Archiv
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Marburg

Sein 40-jähriges Jubiläum in diesem Jahr als Verantwortlicher in verschiedenen Funktionen der Schwimmabteilung des VfL Marburg hatte sich Manfred Hellmann wahrlich anders vorgestellt.

Kein Trainingsbetrieb, keine Wettkämpfe – die Corona-Krise zwingt Sportler aller Couleur, Behelfslösungen zu finden, um fit zu bleiben. Die Schwimmer sind besonders von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens betroffen, schließlich sind überall die Bäder und damit die Trainingsstätten geschlossen.

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Die meisten der heimischen Wassersportler weichen aufs Rad aus oder gehen joggen, um die Ausdauer zu trainieren – so auch die VfLer. „Schwimmer machen beides aber sehr ungern“, meint Hellmann, der Sportlicher Leiter der Marburger ist. Die VfL-Kaderathleten erhalten in einer eigenen Whatsapp-Gruppe überdies Gymnastik-Anleitungen per Video, die sie zu Hause nachmachen sollen.

Sportler zeichnen ihr Training auf Video auf

Ähnlich handhaben es die Verantwortlichen beim in seinen 13 Abteilungen gut 2.000 Mitglieder fassenden TSV Kirchhain. Zwei- bis dreimal pro Woche erhalten die Schwimmer laut Trainer und Schwimmabteilungsleiter Benedict Hausmann kurze Athletik-Workouts per Smartphone.

Wolfgang Schüddemage, Trainer des TSV Eintracht Stadtallendorf, informiert seine Schützlinge per E-Mail und lässt sich Videos vom Einzeltraining zukommen, um Rückmeldung zu geben.

Schwimmtechnik leidet

„Das klappt ganz gut, die Sportler ziehen ihr Programm ordentlich durch“, lobt der erfahrene Coach, dessen Athleten zwar auch auf das Training im Kraftraum des Stadtallendorfer Hallenbades verzichten müssen, dafür aber auf Rollbänke und Zugseile zurückgreifen können, mit denen Serien simuliert werden können. Denn neben Mentaltraining, Gymnastik und Ausdauertraining darf auch die Schwimmtechnik nicht leiden.

Was das Techniktraining angesichts fehlender Gegebenheiten angeht, erwartet Hausmann insbesondere beim Nachwuchs sichtbare Folgen, wenn es nach dem Lockdown irgendwann in der Gruppe weitergeht. „Das ist dann vergleichbar mit der Wiederaufnahme des Trainings nach den Sommerferien. Da passt dann kein Bewegungsablauf zum anderen“, veranschaulicht der Kirchhainer.

Das Kirchhainer Hallenbad können Schwimmer schon seit Mitte März nicht mehr nutzen. Foto: Tobias Hirsch

Allein das rasche Wachstum bei Kindern und Jugendlichen führe dazu. Heißt im Klartext: Während die digitale Technik wie Messenger-Dienste bei der Trainingsgestaltung helfen, leidet die „analoge“ Technik in Form sportartspezifischer Bewegungsabläufe.

Wann die Jugend- und Seniorenschwimmer wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen können – keiner weiß es genau. Bis zu den Sommerferien sind alle Wettkämpfe abgesagt oder verschoben. Das betrifft zum einen Einladungswettkämpfe wie das bereits gecancelte Otto-Springer-Schwimmfest des Marburger SV.

Bitter, denn „mit der Ausrichtung solcher Schwimmfeste und den dortigen Einnahmen schafft man die finanzielle Basis für alle Aktivitäten des Jahres“, zeigt Dirk Lossin (TSV Kirchhain), Vorsitzender des Hauptvereins, auf.

Qualifiziert für Meisterschaft, die ausfällt

Zum anderen sind aber auch Meisterschaften von der Absagewelle aufgrund der Corona-Krise betroffen. Der 18-jährige Lukas Lossin (TSV Eintracht Stadtallendorf) wäre bei der DM in Berlin erstmals bei den Senioren gestartet, die „Deutschen“ Ende Mai auf der 50-Meter-Bahn fallen jedoch sprichwörtlich ins Wasser.

Auch Cora Wittekindt (TSV Kirchhain) hatte ein DM-Ticket gelöst. „Sie hatte sich riesig darauf gefreut – zumal sie es aufgrund ihrer Konfirmandenvorbereitung ohnehin schon nicht leicht gehabt hatte, sich zu qualifizieren“, weiß ihr Trainer, Benedict Hausmann –, und auch welch großer Aufwand nötig ist, um bei solch einem Event dabei sein zu dürfen.

„Das ist eine echte Ochsentour“, veranschaulicht Hellmann. Schließlich müssen für die „Deutschen“ anspruchsvolle Pflichtzeiten geschwommen werden. Mit insgesamt vier Sportlern wäre der VfL bei den Süddeutschen und Deutschen Meisterschaften gestartet.

Vereine befürchten Mitgliederschwund

Für die Marburger Vereine ist die Corona-Krise der negative Höhepunkt. „Bei uns ist der öffentliche Sportbetrieb völlig zum Erliegen gekommen“, berichtet Lydia Pohl, Vorsitzende des 750 Mitglieder starken Marburger SV, der – wie der VfL – aufgrund der langwierigen Sanierungsarbeiten des Schwimmbades Aquamar ohnehin schon mit massiven Einschränkungen beim Training und bei den Schwimmkursen zu kämpfen hatte.

Ein Lichtblick für Pohl: „Abmeldungen von Mitgliedern in Zusammenhang mit den derzeitigen Einschränkungen hat es noch nicht gegeben.“ Auch Dirk Lossin (TSV Kirchhain), Vorsitzender des Hauptvereins, hat dahingehend noch keinen personellen Aderlass zu beklagen – aber:

„Je länger das Ganze dauert, desto mehr könnte der ein oder andere auf die Idee kommen, seine Mitgliedschaft zu kündigen“, befürchtet nicht nur Lossin. Auch Hellmann glaubt: „Diese Krise wird uns die Basis wegziehen. Auch wenn ich es nicht hoffe, aber wir werden Mitglieder verlieren.“

Einwurf von Marcello Di Cicco

Stille Helden am Beckenrand

Was Trainingsgestaltung im Leistungsschwimmen angeht, macht Wolfgang Schüddemage keinem etwas vor. Der erfahrene Trainer des TSV Eintracht Stadtallendorf hievte einige seiner Schützlinge auf nationales und internationales Topniveau, trainierte mit ihnen zum Teil sogar schon vor Schulbeginn akribisch, um das große Ziel zu erreichen.

Eine Krise wie die derzeitige hat aber auch der Trainerfuchs noch nicht erlebt. Und nicht nur ihn lässt sie ratlos zurück – nicht weil ihm die Ideen ausgehen, wie er seine Sportler fit halten kann, sondern weil gerade, was die Ausrichtung von Wettkämpfen angeht, ein großes Fragezeichen über allem steht.

Können die Schwimmer bald wieder zusammen trainieren? Wenn ja, wann genau? Welche Wettkämpfe finden in diesem Jahr noch statt? Welche und wann genau? Es sind entscheidende Fragen bei der Vorbereitung auf die großen Ziele, für die so mancher Sportler so hart trainiert hat, für die sich so mancher Athlet in Verzicht geübt hat. Und nun fehlt die Perspektive.

„Wichtig ist, den Kontakt zu seinen Sportlern zu halten und zu sie motivieren“, sagt Schüddemage. Je besser beides gelingt, desto größer sind die Chancen, dass irgendwann alles schnell genauso ist wie vorher. So lange heißt es: durchhalten. Und den Hut ziehen: vor jenen, die ihr großes Ziel trotz heftiger Widerstände nicht aus den Augen verlieren und einen neuen Angriff starten.

Und vor heimischen Schwimmtrainern wie Wolfgang Schüddemage, Manfred Hellmann, Benedict Hausmann oder Nathalie Richter. Auch sie gehören zu den stillen Helden des Alltags, stehen sie doch in einer schwierigen Zeit jenen bei, die noch viel erreichen wollen: jungen, ambitionierten Sportlern.

Von Marcello Di Cicco

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