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13:58 11.09.2021
Victoria Bieneck erlebte am Timmendorfer Strand einen emotionalen Abschied. Sie beendete ihre Karriere.
Victoria Bieneck erlebte am Timmendorfer Strand einen emotionalen Abschied. Sie beendete ihre Karriere. Quelle: Justus Stegemann
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Timmendorf

Irgendwann fließen dann doch Tränen und Victoria Bieneck gesteht, dass sie sich zusammenreißen musste an diesem besonderen Abend am Timmendorfer Strand. Diese Flutlicht-Atmosphäre in der Ahmann-Hager-Arena, die „Danke“-Transparente, die „Tori Bieneck“-Rufe und dann das Spiel, bei dem ausgerechnet der Angriff von Chantal Laboureur an ihrem Block vorbei das Ende ihrer Karriere bedeutete. Jener Spielerin, mit der sie 2010 nicht nur ein erfolgreiches Beachvolleyball-Team bildete, das bei der U 21-Weltmeisterschaft Platz vier belegte, sondern mit der sie gemeinsam beim VC Olympia Berlin in der ersten Bundesliga spielte und im dort angegliederten Internat 2009 das Abitur ablegte.

1:2 im Tie-Break verloren, das Aus im Viertelfinale bei der Deutschen Meisterschaft und das Ende ihrer Beachvolleyball-Karriere. Wenige Tage zuvor hatte die 30-Jährige bekannt gegeben, dass sie Schluss macht, dass das Turnier am Timmendorfer Strand ihr letztes sein wird.

Gefühle in Worte fassen

Kurz nach dem Spiel fehlten ihr noch die Worte, nahm sie erst Laboureur, dann ihre Partnerin der letzten fünf Jahre, Isabel Schneider, in den Arm. Nun am Mikrofon stehend, versucht Bieneck dann ihre Gefühle in Worte zu packen: „Ich weiß gar nicht, wem ich anfangen soll zu danken. Meinem Team, meiner Familie, Isas Familie und den ganzen Freunden“, sagt sie mit bewegter Stimme.

„Das ist wirklich besonders, ich habe richtig Herzklopfen – dass Familie, Freunde und Weggefährten da sind, macht es nochmal etwas schwerer.“ Am allermeisten müsse sie „ihrer” Isa (Schneider) danken. „Ich glaube, wir haben bewiesen, was ‚Team’ heißt.“ Sie hätte sich keine bessere an ihrer Seite vorstellen können.

Mit der Schwester die ersten Turniere gespielt

Ihre Familie, das sind Mutter Marion und Vater Hubertus, angereist aus dem heimischen Schweinsberg. Zwei Volleyballverrückte, die nicht nur selbst gespielt haben, sondern ihre drei Töchter bei deren Karrieren unterstützt haben, wo sie nur konnten. „In einem Jahr habe ich mal Buch geführt, da bin ich 30.000 Kilometer gefahren, um die Kinder zum Training und zu den Spielen zu bringen“, blickt Marion Bieneck zurück.

Ihre Familie, das sind auch die beiden Schwestern Constanze und Felicitas, die ebenfalls Volleyballkarriere gemacht haben, und Bruder Conrad. Mit Schwester Felicitas hat Victoria Bieneck übrigens nicht nur ihr erstes Spiel im Sand bestritten, sondern anfänglich auch nationale Turniere.

Platz neun bei der World Tour

Bieneck ist im heimischen Schweinsberg aufgewachsen und spielte unter anderem beim TV Wetter. 2006 kam sie ins Juniorinnen-Nachwuchsteam des VC Olympia Berlin, wo sie ab 2007 in der ersten Bundesliga spielte. Mit der Nationalmannschaft gewann sie 2007 die U 18-Europameisterschaft. 2009 wechselte Victoria Bieneck zum Ligakonkurrenten Köpenicker SC. Die Außenangreiferin war dort bis 2011 aktiv, um sich dann auf den Beachvolleyball zu konzentrieren.

Bei der World Tour in diesem Jahr erreichten Bieneck/Schneider mehrmals Platz neun. Im August wurden sie bei der Europameisterschaft in Wien Fünfte. Anschließend erreichten sie beim nationalen „King oft the Court“-Turnier in Hamburg Platz zwei.

Abstand vom Sport

„Aber man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagt Bieneck. Wie lange sie wirklich die Finger vom Volleyball lassen könne, das sei wirklich eine gute Frage. „Ich brauche erst einmal Abstand, werde dem Volleyballsport aber weiter verbunden bleiben und in irgendeiner Art und Weise zurückkommen.“ Sie werde nicht in einem Verein spielen, aber gerne aus Spaß: „Wenn meine Freunde, die zum Teil schon aufgehört haben, mal nachfragen, ob ich mit dabei sein möchte.“

Zunächst möchte sie sich Projekten außerhalb des Volleyballs widmen: „Nun werde ich meinen Master in Wirtschaftsingenieurwesen beenden, mir mehr Zeit für mein Privatleben nehmen und mich darüber freuen, an Familienfeiern und Hochzeiten teilnehmen zu können.“

Drei Weltmeisterschafts-Teilnahmen

Bieneck absolvierte eine Karriere, die sie zu unzähligen Deutschen Meisterschaften inklusive eines Titels geführt hat. Sie hat an drei Welt- und sieben Europameisterschaften teilgenommen. Höhepunkt war der Gewinn der Deutschen Meisterschaft am Timmendorfer Strand 2018. Im gleichen Jahr kletterte das HSV-Duo Bieneck/Schneider, das von Beginn an am zentralen Beachvolleyball-Stützpunkt in Hamburg trainierte, bis in die Top-Zehn der Weltrangliste und qualifizierte sich für das World Tour Final.

Bereits ein Jahr zuvor hatte sie ihre erste gemeinsame World-Tour-Medaille in Xiamen (Bronze, China) gewonnen und damit den Grundstein für die erfolgreichsten Jahre im Sand gelegt.In Victoria Bieneck verlässt eine große Persönlichkeit die Beachvolleyball-Bühne, die sich hinter den Kulissen als ehemalige Spielervertreterin viele Jahre für nationale Athletinnen und Athleten eingesetzt und diese mit Leidenschaft vertreten hat.

Kindheitstraum von Olympia

„Mit 15 Jahren und vor 15 Jahren bin ich nach Berlin auf das Internat gezogen, um meinem Kindheitstraum von Olympia nachzueifern“, blickte sie Tage zuvor zurück, als sie ihren Abschied angekündigt hatte: „Ich habe alles gegeben, was ich habe, um mir diesen Traum zu erfüllen. Dafür hat es leider nicht ganz gereicht, aber ich durfte Deutschland gegen die besten Teams der Welt vertreten und habe unglaubliche Erfahrungen auf der World Tour gemacht.“

Von Manfred Günther