Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Fußballkreis braucht mehr David Brauns
Sport Lokalsport Lokalsport Fußballkreis braucht mehr David Brauns
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 26.12.2018
Schiedsrichter Jürgen Komorowski (rechts) pfeift in einem Spiel zwischen Rauischholzhausen und Speckswinkel. Im Fußballkreis Marburg sinkt die Zahl der Referees seit Jahren. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

David Braun will’s machen. Der Cölber, der selbst beim TSV Caldern kickt, möchte Schiedsrichter werden. Der 27-Jährige hat sich für den Neulingslehrgang im Januar angemeldet. Nicht, um einfach mal zu schauen, ob das was für ihn ist. Er ist fest entschlossen: „Ich will Spiele pfeifen.“ Warum? „Weil es zu wenige Schiedsrichter gibt. Ich will dazu beitragen, dass Fußballspiele nicht mehr abgesagt werden müssen, weil niemand da ist, der sie leiten kann.“

Braun kennt das. Bei der Calderner Reserve steht er mal im Tor, agiert mal im Feld – wenn denn überhaupt gespielt wird. „Es sind sowieso schon wenige Spiele angesetzt. Davon fallen manche auch noch aus, teilweise werden sie erst zwei Tage vorher abgesagt.“ Gründe: Absage des Gegners, zuletzt aber auch fehlende Unparteiische.

Als im Herbst deutlich wurde, dass die Ansetzer nicht mehr genügend Schiedsrichter für alle Sonntagsspiele zur Verfügung haben würden, war die Reserveklasse der Kreisliga B Marburg II samt der „Zweiten“ aus Caldern eine der ersten, in der die Partien an Sonntagen abgesetzt wurden. Zwar fand sich später ein Kompromiss, nach denen Teams – auch die der Kreisliga B III sowie der Reserveklasse der Kreisliga B I – sonntags spielen können, wenn sie eigene Leute, beispielsweise Betreuer, für die Spielleitung finden. „Aber das kann ja eigentlich nicht Sinn der Sache sein“, meint Braun (Foto: Stefan Weisbrod).

Julius Martenstein ist gleicher Meinung. Wünschenswert, sagt der stellvertretende Kreisschiedsrichterobmann, wäre es, „wenn wir in Zukunft wieder jedes Spiel mit neutralen Referees besetzten können. Dafür brauchen wir aber eben genügend verfügbare Schiedsrichter.“ Dazu wäre jedoch eine Trendwende nötig, denn in den vergangenen Jahren sank die Zahl deutlich: 2013 führte die Schiedsrichtervereinigung noch 214 Personen auf ihrer Liste, bei der jüngsten Erhebung in diesem Jahr waren es noch 144 (siehe Grafik). Zwar seien vor fünf Jahren noch „ein paar Karteileichen dabei gewesen, die wir aussortiert haben“, erklärt Martenstein, das sei jedoch nur ein kleiner Teil gewesen.

Manche Referees leiten mehrere Spiele pro Woche

Dass Jahr für Jahr einige Schiedsrichter aufhören – meist aus zeitlichen Gründen oder veränderten Interessen –, ist normal. Problematisch jedoch: Es gab zuletzt mehr Abgänge als Zugänge, allein 2017 verließen 42 Unparteiische die Marburger Vereinigung, 15 kamen hinzu. 2018 wurden ebenfalls 15 Zugänge registriert, 21 Abgänge standen ihnen gegenüber.

Die Anzahl ist jedoch nur ein Faktor, ähnlich wichtig ist, wie häufig die Referees eingesetzt werden können: „Manche leiten Wochenende für Wochenende zwei oder drei Partien im Senioren- und im Jugendbereich, andere sind nur alle paar Wochen verfügbar“, erläutert Martenstein. Aber auch Personen, die pro Saison lediglich zwölf Spiele – das ist das Minimum, um auf das Schiedsrichterpflichtsoll des jeweiligen Vereins angerechnet werden zu können – pfeifen, 
„helfen uns“, hebt er hervor.

Lehrgang und erste Spiele

Der nächste Schiedsrichterneulingslehrgang im Fußballkreis Marburg beginnt am 17. Januar 2019, Anmeldungen sind noch bis zum 10. Januar möglich. Für alle Teilnehmer gibt es drei fixe Präsenztermine in Schröck, bei denen über die wichtigsten Regeln – etwa Abseits, Foulspiel und unsportliches Verhalten – gesprochen wird, zwei weitere werden optional angeboten. Darüber hinaus gibt es seit einigen Jahren ein E-Learning-Angebot.

Die Anwärter müssen eine Laufprüfung absolvieren, außerdem am 25. Januar, dem letzten Tag des Lehrgangs, einen Regeltest meistern. Wer besteht, kann bereits im März oder April mit ersten Einsätzen rechnen – Jugendliche beginnen meist bei den E-Junioren, Erwachsene starten teilweise im älteren Nachwuchsbereich, wie der stellvertretende Kreisschiedsrichterobmann Julius­ Martenstein erläutert. Auf Wunsch werden sie im Rahmen des Patenmodells von erfahrenen Referees begleitet. Schon nach kurzer Zeit können durch die Neulinge Partien in den unteren Senioren-Spielklassen geleitet werden.

Weitere Informationen, auch zur Anmeldung für den Lehrgang im Januar, gibt es im Internet unter www.schiedsrichter-marburg.de.     

Wie oft David Braun auf dem Fußballplatz Zweikämpfe bewerten und mögliche Abseitsstellungen beurteilen wird, „muss sich zeigen“, sagt er. Er sei „nicht der Spitzenklasse-Fußballer“, erklärt er mit einem Schmunzeln, dennoch will er das Spielen nicht komplett für die Schiedsrichterei aufgeben.

Zunächst muss er den Lehrgang meistern, er hat Respekt davor: „Natürlich kenne ich die wichtigsten Regeln. Aber es gibt viele Details, die ich lernen muss“, ist ihm bewusst.

„Durchgewunken“ wird niemand. „Meistens gibt es mehrere Anwärter, die nicht bestehen“, erklärt Julius Martenstein. Für den bevorstehenden Neulingslehrgang im Januar in Schröck (siehe Kasten) sind bislang rund 25 Anmeldungen – darunter auch von Brauns Vereinskameraden Turan Söylemez und Nico Cappeller – eingegangen. „Es dürfen gern noch ein paar mehr werden“, sagt Martenstein, der selbst Spiele bis zur Regionalliga pfeift und als Assistent in der 2. Bundesliga eingesetzt wird.

Der 27-Jährige appelliert: „Wer sich für die Schiedsrichterei interessiert, egal ob Mann oder Frau, ob aktiver Spieler oder nicht, soll sich bei uns melden.“ In der Regel sollten Anwärter mindestens 14 Jahre alt sein, wobei in Ausnahmefällen auch 13-Jährige am Lehrgang teilnehmen könnten, informiert der stellvertretende Kreisobmann. „Nach oben“ gebe es keine Altersbeschränkung für den Einstieg. Zusatzanreiz: Aktive Referees erhalten neben Spesen für Einsätze auch gewisse Vergünstigungen wie freien Eintritt zu Fußballspielen bis zur Bundesliga.

Anwärter hat keine 
Angst vor Übergriffen

Anfang November hatte die Vereinigung mit einem Aktionstag für die Schiedsrichterei geworben. „Die Resonanz war positiv“, sagt Martenstein. Zwar sei „schwer messbar“, ob sich unmittelbar aufgrund der Veranstaltungen und der Informationen auf den Sportplätzen mehr Personen für den kommenden Lehrgang angemeldet haben.

„Ganz sicher haben wir damit aber das Problem der fehlenden Schiedsrichter verstärkt ins Bewusstsein gerückt“, ist sich Martenstein sicher. Auch über den Umgang mit den Spielleitern, so hofft er nach verbalen und sogar körperlichen Attacken gegen Unparteiische in den vergangenen Monaten, werde mehr nachgedacht.

David Braun hat keine Angst vor Übergriffen auf dem Sportplatz. „Natürlich habe ich mitbekommen, was passiert ist“, sagt er, „aber darüber mache ich mir keinen Kopf.“ Er wolle „Spiele pfeifen und damit den Fußballern hier in unserer Region helfen. Das ist das, woran ich denke.“

von Stefan Weisbrod