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Lokalsport „Schimmelreiter“ wollen umsatteln
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00:16 26.01.2019
Marburgs Sanjo Lehr (links) in einem Spiel der A-Junioren- Verbandsliga gegen Louis Wickenhöfer vom FC Ederbergland.  Der VfB will im Seniorenbereich künftig mehr auf Spieler aus der eigenen Nachwuchsabteilung setzen (Archiv). Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Der VfB Marburg will umdenken. Beschluss des Vorstands. Denn die „Schimmel­reiter“ sehen die höherklassigen Teams im Fußballkreis mit einem Problem konfrontiert: Für Uwe Müller, Manager des VfB, steht fest, dass das Angebot an Talenten die Nachfrage nicht mehr deckt. „Die Zahl an Fußballern nimmt ohnehin ab und wir haben allein vier Verbandsligisten in der Region. Wo sollen denn die ganzen Spieler mit Verbands- oder Hessenliga-Format herkommen?“, fragt er und erwartet keine Antwort.

Mehrere Leistungsträger im Marburger Seniorenkader kommen aus dem Gießener Raum. Gestandene und dement­sprechend kostspielige Spieler ­haben dem Nachwuchs in den vergangenen Jahren mehrfach den Weg versperrt. Natürlich betrieb der Verein diese Transferpolitik nicht aus Jux, sondern weil die sportlichen Ziele hohe Ansprüche an das Spieler­material erforderten.

Müller fiel aber bereits in der Sommer­pause 2017, aber noch deutlicher ein Jahr später, auf, dass die aufgerufenen Gehälter der begehrten Spieler „teilweise völlig irre“ gewesen seien. Diese Leistungsträger sind kostspielig.

„Wir wollen bei dieser Entwicklung nicht mehr mitmachen und mehr auf unsere Jugend setzen. Und wenn man ein Budget zur Verfügung hat und sich vornimmt, mehr in die Jugend zu investieren, muss an anderer Stelle gekürzt werden“, unterstreicht Rolph Limbacher, Zweiter Vorsitzender. Wer also darauf gehofft haben sollte, dass der Verein mit Geld-aus-dem-Fenster-Werfen in die Hessenliga drängen will, kann diese Gedanken höchstwahrscheinlich verwerfen.

Neue Posten entstehen

Der Nachwuchs soll weiter nach oben. „Alle unsere oberen Jugendmannschaften sind gute Verbandsliga-Mannschaften. Aber wir wollen versuchen, uns in den Hessenligen zu etablieren“, sagt Vereinsvorsitzender Thomas Pfeiffer. Das wäre natürlich ein vielversprechender Unterbau für einen Verein, der mit den Senioren langfristig in die Hessenliga aufsteigen will. Und das ist laut Pfeiffer nach wie vor das langfristige Ziel.

Bei seinen Überlegungen hat der Verein den Blick auch 20 Kilo­meter nach Osten und 25 Kilo­meter nach Süden gerichtet. Zwar drückt Pfeiffer der Stadtallendorfer Eintracht die Daumen für den Verbleib in der Regionalliga, doch für den Fall eines Abstiegs müsse Blau-Weiß vorbereitet sein. Gleiches gelte für den finanzkräftigen FC Gießen, der schwere Geschütze in der Jugendarbeit auffahre. „Wir vermuten bei einem Abstieg Stadtallendorfs, dass wir im Seniorenbereich um die gleichen Spieler konkurrieren. Gleiches gilt für den FC Gießen im Nachwuchsbereich“, meint ­Pfeiffer. Diesem möglichen Wettrüsten will sich der VfB nicht ausliefern.

Das Umdenken soll sich auch im Umbau der Funktionärsebene manifestieren. Pfeiffer, seines Zeichens Ingenieur, ist der Baumeister. Er spricht von einer „Teamlösung mit drei bis vier Personen“.

Neu ist das bereits geschaffene Amt des Managers, das Uwe Müller, im vergangenen Jahr noch Sportlicher ­Leiter, bekleidet. Er soll die Finanzen des gesamten Vereins überblicken. Auf der sportlichen Ebene sollen mehrere Koordinatoren die Zügel in der Hand haben. Derzeit ist Hartmut Drescher Jugendkoordinator. Ihm soll laut OP-Informationen ein entscheidender Posten zukommen.

Ganz festgezurrt ist die Struktur wohl noch nicht, doch könnte ein weiterer Posten den mittleren Jugendbereich abdecken, während der Dritte im Bunde als Bindeglied zwischen oberem Jugendbereich und Senioren fungiert. Namen will Pfeiffer noch nicht nennen. Die sind frühestens Ende dieser Woche zu erwarten.

Allerdings serviert er ­folgende Info: „Die Posten sollen mit ­Leuten besetzt werden, die dem Verein nahe stehen und sich mit ihm identifizieren. Sie müssen ja den Weg, den wir gehen wollen, mit beschreiten.“ Fußballsachverstand und Erfahrung im Geschäft seien weitere Krite­rien. Pfeiffer schließt des Weiteren aus, dass es Trainer und Koordinator in Personalunion geben wird.

Das koordinierende Team soll in ständigem Austausch stehen. Die Koordinatoren sollen auch Spielergespräche führen und gemeinsam beurteilen, welcher Junior bei den Senioren mit trainieren sollte, um den Sprung von der A-Jugend zur Ersten Mannschaft zu erleichtern. Das ist laut Pfeiffer, Limbacher und Müller ein Hauptziel des Wandels.

Sprung ist groß

Doch nicht nur Eigengewächse sollen mehr zum Zug kommen. Auch auf talentierte junge Senioren aus der Umgebung will der VfB den Lichtkegel richten. „Wir wollen sowohl bei den Senioren als auch bei den Junioren mehr im Bereich Scouting tun. Das ist eine der Aufgaben der Koordinatoren. Es gibt ja auch in anderen Seniorenspielklassen interessante Spieler für uns“, erklärt Limbacher.

Zieht der Club seine Philosophie durch, muss die Seniorenmannschaft ­wahrscheinlich kurz- und mittelfristig stagnieren oder gar Rückschritte in Kauf nehmen. Denn mit den Senioren in die Hessenliga zu drängen und gleichzeitig auf den Nachwuchs zu setzen, geht kaum. Spieler brauchen Zeit, um zu Leistungsträgern heranzureifen. Denn selbst für talentierte A-Junioren ist der Sprung in die Verbandsliga der Senioren ein Quantensprung. Und da der Club vor einigen Jahren seine zweite Seniorenmannschaft abgemeldet hat, kann er dem Nachwuchs keine Brücke zur Ersten Mannschaft bauen.

„Wenn wir jedes Jahr ungefähr drei Spieler hochziehen können, die den Senioren helfen, dann ist in einigen Jahren das Ziel erreicht. Natürlich werden wir weiterhin gestandene Leistungsträger wie ­beispielsweise Kevin Kaguah benötigen, um in dieser Liga zu bestehen“, sagt Müller. Doch der Grundgedanke ist, teure Spieler aus der Fremde weitgehend durch Eigengewächse ersetzen zu können.

von Benjamin Kaiser