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Lokalsport Nicht das „kleine Mädchen“
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12:58 17.10.2020
Zeigt hier die Gelbe Karte: Schiedsrichterin Carolin Lotz. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Sie kann nicht ohne Fußball. Jedenfalls will sie nicht ohne Fußball. Aber selbst spielen, das geht nicht mehr, wäre nach schweren Knieverletzungen zumindest extrem riskant. Daher steht Carolin Lotz jetzt in anderer Rolle auf dem Platz. Vor mehr als zweieinhalb Jahren ging sie zum Neulingslehrgang, ließ sich zur Schiedsrichterin ausbilden. Die richtige Entscheidung? „Auf jeden Fall!“ Als sie ihren ersten Einsatz bei einem Jugendspiel hatte, war sie gerade wenige Wochen 15. Viele weitere kamen seitdem hinzu. Und einige Aufstiege.

170 aktive Referees zählt die Marburger Schiedsrichtervereinigung aktuell, zwölf davon sind weiblich. Der Anteil an Frauen und Mädchen dürfte gern schneller steigen, findet Carolin Lotz, kann das Hobby nur empfehlen: „Es bringt eine Menge Abwechslung, man hat mit vielen verschiedenen Leuten zutun. Jedes Spiel bringt etwas Neues.“ Sie hat, das ist keine Frage, großen Spaß dabei. Meistens jedenfalls.

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Bis zur C-Jugend hatte die heute 17-Jährige selbst Fußball gespielt, auf ansprechendem Niveau: Beim VfB Marburg kickte sie mit den Jungs. Dann riss ihr Kreuzband, nach einem Jahr Pause ging es sofort wieder kaputt. Sie entschied schweren Herzens, dass es keinen Sinn mehr hat. Sie vermisste den Sport. Ihr Bruder Maximilian hatte bereits 2016 mit der Schiedsrichterei angefangen, sprach mit ihr darüber. „Ich dachte mir, ich probiere es auch mal“, erzählt Carolin Lotz.

Sie meldete sich für den Lehrgang an, bestand die Prüfungen. Bei ihrem ersten Spiel im März 2018 wurde sie von ihrem Bruder unterstützt. Er pfiff die erste Halbzeit einer C-Jugend-Partie in Wetter, sie die zweite. Dieses Tandemmodell sei eine „gute Sache“, sagt sie, fühlte sich dadurch ein Stück weit sicherer. „Supernervös war ich trotzdem.“ Das Spiel lief gut, Probleme gab es keine. Rückblickend weiß sie: „Das war ganz wichtig.“ Nicht wenige Unparteiische hören direkt wieder auf, wenn sie negative Erfahrungen machen.

Carolin Lotz machte weiter, leitete allein Spiele bei den Jüngsten, schnell auch bei älteren Junioren. Paten, erfahrene Schiedsrichter, waren hin und wieder dabei, gaben ihr Tipps. Sie nahm sie an, setzte sie um, stieg auf. Im Frühjahr 2019 pfiff sie erstmals Spiele der Männer in der Kreisliga B, bald auch in der Kreisliga A. Sie überzeugte mit ihrer Leistung, inzwischen ist sie in der Kreisoberliga aktiv, wird als Assistentin in der Verbandsliga eingesetzt.

Ob ein Mann oder eine Frau ein Spiel leitet, sollte egal sein, tatsächlich ist es nicht immer so. Manchen sexistischen Spruch habe sie von außen gehört, berichtet Carolin Lotz, ließ deshalb auch schon Zuschauer vom Sportplatz schicken. Es seien Einzelfälle gewesen. „So was sollte gar nicht sein. Es wird aber zum Glück immer weniger. Ich habe den Eindruck, die Akzeptanz für Schiedsrichterinnen wächst.“

Auf dem Platz versucht die Moischterin, die an der Elisabethschule ihr Abitur gemacht hat und ihr Betriebswirtschaftslehre-Studium an der Philipps-Universität beginnt, zuallererst mit ihrer Spielführung zu überzeugen. „Die Leistung muss stimmen, die Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. Dann haben die Spieler Respekt, egal ob ein Mann pfeift oder eine Frau“, ist sie überzeugt. Wird es brenzlig, setzt sie auf Kommunikation, auch mal auf ein Lächeln, um Aggressivität herauszunehmen. Dabei, weiß sie, „muss man aber auch konsequent bleiben. Es muss klar sein, dass ich nicht das kleine Mädchen bin, dass sich alles gefallen lässt.“

Carolin Lotz überzeugt auf dem Sportplatz – auch die Beobachter und die Mitglieder des Verbandsschiedsrichterausschusses. Die haben sie für die Regionalliga der Frauen nominiert. Beim Derby zwischen den Offenbacher Kickers und Eintracht Frankfurt III (2:1) hatte sie ihren ersten Einsatz in der dritthöchsten Spielklasse – für sie eine „coole Erfahrung“. Und was soll die Zukunft für sie als Schiedsrichterin bringen? Da ist sie eher zurückhaltend: „Ich will dranbleiben und rausholen, was möglich ist.“

Von Stefan Weisbrod