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19:17 02.08.2022
Schiedsrichter Julius Martenstein aus Cölbe zeigt Dimitrios Diamantakos vom FC St. Pauli die Rote Karte.
Schiedsrichter Julius Martenstein aus Cölbe zeigt Dimitrios Diamantakos vom FC St. Pauli die Rote Karte. Quelle: Jan Huebner/Bremes/imago
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Marburg

Er war damals 15. Julius Martenstein spielte selbst Fußball, das reichte dem Cölber aber nicht. „Ich wollte auch mal die andere Perspektive haben“, blickt der heute 30-Jährige zurück. Also meldete er sich zum Neulingslehrgang an, bestand die Prüfungen, pfiff bald erste Spiele im Jugendbereich, hatte Spaß daran, entschied sich bald für den Job als Unparteiischer und gegen eine eigene Fußballer-Laufbahn.

Sein halbes bisheriges Leben ist Martenstein nun Referee. Hat er es jemals bereut? Er antwortet mit einem entschiedenen „Nein“. Ein negatives Erlebnis fällt ihm dann doch ein: „Ich habe als ganz junger Schiedsrichter beim Mitternachtsturnier in Cölbe gepfiffen. Ich musste einem Spieler die Rote Karte zeigen. Auf einmal standen ganz viele Leute um mich herum.“ Es war für ihn eine einmalige Erfahrung – „zum Glück“. Und sie habe ihn „offenbar auch nicht nachhaltig beeinträchtigt“, sagt er, jedenfalls nicht im Negativen.

Ein Bekannter, erzählt Martenstein, habe ihn später auf diese Situation angesprochen: „Er hat mir gesagt, ihm sei damals aufgefallen, wie ich mich durchgesetzt habe, und dass er sich deshalb sicher gewesen sei, dass ich es mal in höhere Ligen schaffen würde.“ Schaffte er: Als Schiedsrichterassistent ist Martenstein seit 2017 in der 2. Bundesliga im Einsatz.

Als Schiedsrichter einen Beitrag für den Verein leisten

Sergej Kohanov hatte seit 2013 Baseball bei den Gießen Busters gespielt, ein Jahr später ließ er sich zum Schiedsrichter ausbilden. Warum? „Irgendjemand muss es machen. Ich leiste damit meinen Beitrag für den Verein“, sagt der 36-Jährige, der mittlerweile nicht mehr als Spieler, aber weiterhin als Umpire, so der Fachbegriff im Baseball, aktiv ist.

Bei Baseball-Spielen in Ligen in Hessen sind immer zwei Umpires im Einsatz; einer kümmert sich um Würfe, Schläge und die Homebase, der andere um den äußeren Bereich. Wer welche Aufgabe übernimmt, wird jeweils vor dem Spiel festgelegt. „Wir unterstützen uns gegenseitig, vor allem wenn es knappe Entscheidungen sind oder sich Spieler beschweren“, berichtet Kohanov.

Mit Beschwerden muss sich auch Florian Portsteffen hin und wieder auseinandersetzen – aber nur selten von Aktiven: „Meistens sind es bei Jugendspielen die Eltern, die etwas an unseren Entscheidungen auszusetzen haben“, erzählt der Basketball-Schiedsrichter, der früher bis zu 25 Partien pro Saison geleitet hatte, im Nachwuchsbereich bis zur höchsten hessischen Klasse.

Warten auf den ersten Einsatz beim Football

Mittlerweile leitet er aus zeitlichen Gründen deutlich seltener Partien: Der 25-Jährige spielt beim BC Marburg selbst in der zweiten Männer-Mannschaft, ist als Trainer unter anderem für die Oberliga-Frauen verantwortlich und fungiert im Verein als Schiedsrichterwart, wirbt darum, dass andere zur „Pfeife“ werden, argumentiert mit seinen eigenen Erfahrungen: „Ich habe es ausprobiert und habe Spaß daran gehabt, sonst hätte ich nicht weitergemacht. Es ist schön, Anerkennung zu bekommen, das stärkt das Selbstvertrauen.“

Maik Decker muss noch auf seinen ersten Einsatz als American-Football-Referee warten, beim Erstligisten Marburg Mercenaries gehört er aber bereits zur Chain Crew, also zu den Helfern der fünf Unparteiischen auf dem Feld. Aufgabe ist es, die Zehn-Yard-Kette und die Downmarker zu bewegen.

Deshalb, auch aufgrund seines allgemeinen Interesses am Football, kennt Decker sich mit den Regeln recht gut aus – mit denen, die regelmäßig zur Anwendung kommen, aber längst nicht mit allen: „Das Regelwerk ist extrem umfangreich. Ich glaube, alle Eventualitäten hat kaum jemand im Kopf.“

Das verdienen Schiedsrichter

Die allermeisten Refereeswerden mit dem Sport nicht reich. „Das Geld sollte nicht die Hauptmotivation sein, um Schiedsrichter zu werden“, sagt Florian Portsteffen, räumt zugleich ein: „Gerade als Jugendlicher freut man sich, wenn man etwas dafür bekommt, dass man seinem Hobby nachgeht.“ Wie in anderen Sportarten gibt es auch beim Basketball im Nachwuchsbereich und in unteren Klassen lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung, Portsteffen spricht von einem „Taschengeld“. Je höher die Liga, umso mehr wird gezahlt. Im Fußball erhalten Bundesliga-Schiedsrichter sowohl ein jährliches Grundgehalt als auch ein Honorar pro Partie, kommen die Topleute aus der ersten Liga auf insgesamt sechsstellige Beträge pro Saison. In der zweiten Liga sind die Summen ein gutes Stück geringer.

Julius Martenstein etwa erhält als Zweitliga-Assistent neben einem Grundgehalt im vierstelligen Bereich 1 400 Euro pro Spiel.

Von Stefan Weisbrod