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Lokalsport Selten „abgefeiert“, trotzdem glücklich
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12:00 17.03.2018
Gibt die Richtung vor: Der Cölber Julius Martenstein leitet als Schiedsrichter Spiele in der Regionalliga. Quelle: Roskaritz/imago
Marburg

Der 4. August 2017 war für Julius Martenstein kein Tag wie jeder andere. Der SV Sandhausen und der FC Ingolstadt trafen in der 2. Bundesliga aufeinander – nicht unbedingt ein Spiel, das die Fußballfans landauf, landab elektrisiert. Doch für Martenstein war es eine besondere Partie: seine erste als Zweitliga-Assistent. Dass er es so weit schaffen würde, darauf hatte er zehn Jahre zuvor nicht einmal zu hoffen gewagt. 2007 ging er eher spontan zum Neulingslehrgang der Marburger Schiedsrichtervereinigung, um „mal zu gucken, ob das was für mich ist“. Es war etwas für ihn.

"Einen Draht zu den Spielern aufbauen"

Schnelle Auffassungsgabe, gute körperliche Fitness – für Schiedsrichter im Leistungssportbereich sind das Grundvoraussetzungen. Martenstein sieht seine Stärke darin, auf dem Platz stets authentisch zu sein. „Wenn ich eine Rolle spiele, dann merken das die Spieler, dann werde ich nicht ernst genommen“, meint der 26-Jährige, der sich als „sehr kommunikativ, aber trotzdem verbindlich“ beschreibt. Er sei weniger der autoritäre Typ. Stattdessen setzt er darauf, „einen Draht zu den Spielern aufzubauen“. Besonders wichtig ist ihm: „Ich begegne jeder Person mit dem gleichen Maß an Respekt. Den fordere ich aber auch ein“ – egal ob von Spielern, Trainern oder anderen Beteiligten.

Eigene Spielerfahrung als Vorteil

Seine Art der Spielleitung kommt an – bei den Aktiven,­ wie er hofft, auf jeden Fall bei den Verantwortlichen fürs Schiedsrichterwesen. Mit 15 Jahren absolvierte er den Lehrgang, schnell leitete er Kreisliga-Spiele, mit 18 stand er ­bereits in der Gruppenliga auf dem Feld. Parallel kickte er noch in der A-Jugend seines Heimatvereins FV Cölbe, hatte dann das Gefühl, „dass nur noch eines geht: pfeifen oder spielen“, wie er erzählt. Er entschied sich für die Schiedsrichterei – und hat das seitdem nie bereut. Dass er selbst gespielt hat, sieht er als Vorteil: „Ich denke, dass ich manche Situationen dadurch besser einschätzen kann.“

Wichtig für Entwicklung: Aus Fehlern Schlüsse ziehen

Über Schiedsrichter wird eher dann gesprochen und berichtet, wenn sie mit ihren Entscheidungen daneben gelegen haben.­ Martenstein ist jemand, der Medienberichte über von ihm geleitete Spiele verfolgt – auch wenn er darin nicht immer gut wegkommt. „Wir werden selten abgefeiert, das gehört zum Geschäft“, man müsse „dafür der Typ sein“, sagt er. „Wer für das, was er macht, ständig Bestätigung braucht, ist da an der falschen Stelle.“

„Stillstand ist Rückschritt“, lautet sein Motto

„Fehlentscheidungen passieren leider“, sagt er. Es gelte, „die eigene Leistung zu reflektieren, sich selbst Fehler einzugestehen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen“. Das gehöre zur Entwicklung, die sei wichtig: „Stillstand ist Rückschritt“, lautet sein Motto. Er bezeichnet sich selbst als „sehr selbstkritisch“, sieht darin eine Gemeinsamkeit mit Christof Günsch. Der 31-Jährige, der in Marburg studiert hat und seit vergangenem Jahr in Berlin lebt, pfeift seit 2016 in der 2. Bundesliga.

Zuvor gehörte Martenstein ­bereits in der 3. Liga zu seinem Gespann. Nachdem der Cölber, der inzwischen mit seiner Freundin in Hatzbach wohnt, im vergangenen Jahr als Assistent ins deutsche Profifußball-Unterhaus aufstieg, sind er und Günsch wieder meist gemeinsam im Einsatz. „Wir verstehen uns sehr gut, privat und auf dem Platz. Das passt“, sagt der 26-Jährige, der seinem „Chef“ den Sprung als Schiedsrichter in die höchste Klasse zutraut: „Christof ist aus meiner Sicht ­einer der Besten in der Liga.“

Bereits bei mehr als ein Dutzend Partien in der 2. Bundesliga

Und was ist für ihn selbst möglich? 2012, als 20-Jähriger, stieg Martenstein in die Hessenliga auf, seit 2014 pfeift er Regionalliga-Partien. Aktuell sei es „sekundär, ob es noch höher geht“. Er wolle nicht träumen, sagt dann aber doch: „Wenn es irgendwann mal klappt, wäre das natürlich super.“ Zunächst ist er glücklich, nicht nur in der Regionalliga auf dem Platz, sondern auch in der 2. Bundesliga als Assistent und Vierter Offizieller an der Seitenlinie zu stehen – bereits bei mehr als einem Dutzend Partien. Spielerisch sei das Niveau im Vergleich zur 3. Liga erkennbar höher, vor allem aber sei das Spiel deutlich schneller. „Volle Konzentration“ sei für ihn als Schiedsrichterassistent gefordert, „eine Auszeit darf man sich nicht erlauben“.

Engagiert auch außerhalb des Fußballstadions

Trotzdem bleibt Gelegenheit, die Atmosphäre im Stadion zu genießen. „Es macht wahnsinnig Spaß, wenn richtig Stimmung ist“, sagt Martenstein. Wenn das Spiel läuft, müsse das aber ausgeblendet werden. „Dann ist man ziemlich im Tunnel.“ Ein Höhepunkt für ihn persönlich war das entscheidende Spiel von Arminia Bielefeld um den Aufstieg in die 2. Bundesliga in der vorvergangenen Saison: „Die Alm war voll, die Stimmung war super. Als das Spiel abgepfiffen wurde, sind die Fans auf den Platz geströmt. Wir haben die Beine in die Hand genommen und sind in die
Kabine gesprintet, um nicht in die Jubeltraube zu geraten.“

Mit 15 Jahren erste Spiele bei Junioren geleitet

Julius Martenstein ist jemand, der viel „Spaß im Umgang mit Menschen“ hat, wie er selbst sagt, jemand, der sich nicht sträubt, Verantwortung zu übernehmen. Der Sportstudent an der Marburger Philipps-Universität sieht sich beruflich „später irgendwo in diesem Bereich“, auf dem Fußballplatz hilft ihm seine Menschenkenntnis schon jetzt. Auch abseits davon engagiert er sich: Als stellvertretender Marburger Kreisschiedsrichterobmann unterstützt er junge Referees, er referiert bei den Neulingslehrgängen. Gerade für Jugendliche taugt er, der mit 15 seine ersten Spiele bei den Junioren leitete und inzwischen im Profibereich angekommen ist, als Vorbild; er motiviert sie. „Ich habe eine gute Förderung genossen“, sagt er, „das will ich ein Stück weit zurückgeben.“

von Stefan Weisbrod