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Lokalsport Der Vater pfeift, die Söhne auch
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21:44 27.03.2022
Zeigen auf dem Fußballplatz Gelbe und Rote Karten nur, wenn es nötig ist: Vater Jürgen Komorowski und seine Söhne Kilian (links) und Jan-Luca (rechts).
Zeigen auf dem Fußballplatz Gelbe und Rote Karten nur, wenn es nötig ist: Vater Jürgen Komorowski und seine Söhne Kilian (links) und Jan-Luca (rechts). Quelle: Stefan Weisbrod
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Marburg

Wenn bei Komorowskis in Marburg Fußball geschaut wird, dann drehen sich die Gespräche um etwas andere Themen als in den meisten anderen Familien. „Hättest du das auch gepfiffen?“, ist dann eine der Fragen, über die diskutiert wird. Es ist eben ein bisschen anderer Blick, den Jürgen und seine Söhne Kilian und Jan-Luca haben – weil sie auch selbst als Schiedsrichter aktiv sind. Warum? „Weil es Spaß macht“, sagt Kilian, sein Bruder stimmt zu, sein Vater auch.

Jürgen Komorowski hatte vor 21 Jahren mit der Schiedsrichterei angefangen. Zu behaupten, er hätte es aus Begeisterung getan, wäre nicht korrekt: „Es ging darum, das Pflichtsoll zu erfüllen“, erklärt der heute 51-Jährige, der aus Bürgeln stammt, bei der damaligen SG Bürgeln/Betziesdorf gekickt hatte. Er und ein Mitspieler meldeten sich zum Neulingslehrgang an. „Wir haben uns gesagt, die nötigen 15 Spiele pro Saison reißt man schon irgendwie runter.“ Tatsächlich machte er es nicht irgendwie, sondern mit zunehmender Freude an der Sache – und beim vorgeschriebenen Minimum an Partien blieb es auch nicht. Fehler, weiß er, passieren. „Wichtig ist mir, dass es nichts Spielentscheidendes ist“, sagt er.

Früher selbst Spieler, heute Referee und Jugendtrainer

Bereits seit vielen Jahren gehört der Schreiner, der von 2003 bis 2019 mit seiner Familie in Wenkbach gewohnt hatte, der FSG Südkreis an, auch Jan-Luca ist für den Verein aus Argenstein, Niederwalgern, Roth und Wenkbach aktiv. Kilian pfeift für den JFV Weimar, in dem auch der FSG-Nachwuchs am Ball ist. „Da wurde noch ein Schiedsrichter gebraucht“, erklärt der 20-jährige Einzelhandelskaufmann, der selbst nur wenige Jahre im jüngeren Nachwuchsbereich gespielt hatte. Bruder Jan-Luca hat länger gekickt, hilft in der Weimarer U-19-Mannschaft bei Bedarf hin und wieder aus. Trainer dort: sein Vater. Der coacht die aktuellen A-Junioren bereits, seit die Spieler in der E-Jugend waren.

Als Jürgen Komorowski 2001 mit dem Pfeifen anfing, hat es manche „witzige Situation“ gegeben, erzählt er: „Wenn ich mit Sporttasche an den Sportplatz kam, bin ich nicht nur einmal gefragt worden, was ich da machen würde, ob ich den Verein gewechselt hätte.“ Die Leute kannten ihn als Spieler aus Bürgeln und zuvor vom SV Schönstadt – „aber sie kannten mich nicht als Schiedsrichter“. Mit der Zeit änderte sich das: Eine Zeit lang kickte er noch in der Südkreis-Reserve mit, hörte damit wegen Verletzungen dann ganz auf. Mit dem Pfeifen machte er weiter – immer auf Kreisebene. Höher zu kommen, war für ihn „nie ein Thema“, sagt er. „Ich hatte auch keine Ambitionen.“

Die Söhne wollen in höhere Ligen aufsteigen

Bei seinen Söhnen ist das anders. Mal in der Verbandsliga oder in der Hessenliga, vielleicht sogar in noch höheren Klassen Spiele zu leiten, beide haben nichts dagegen. Sie wissen, sie müssen dafür noch eine Menge lernen, wollen das auch, sind motiviert. Vor drei Jahren ließen sie sich zu Referees ausbilden – weil der Vater gesagt hatte: „Probiert es doch mal“, erzählt Kilian, der aktuelle Partien bis zur Kreisliga A pfeift. Tatsächlich war das eigene Interesse daran aber schon vorher da, berichtet Jan-Luca, der als Mitglied des Marburger U-21-Förderkaders selbst Spiele bis zur Kreisoberliga pfeift und als Assistent auch auf Verbandsebene eingesetzt wird.

Diese Spiele an der Seitenlinie, meint der 18-jährige Schüler, bringen ihn in seiner Entwicklung besonders voran: „Da ist man mit erfahreneren Schiedsrichtern unterwegs, von denen man viel lernen und sich abschauen kann.“ Er nennt die Vorbereitung auf Spiele, die Ansprache von Spielern und überhaupt das Auftreten auf dem Platz. Dass er selbst lange gespielt hat, hin und wieder noch spielt, hilft ihm: „Ich kann mich dadurch besser in die Spieler hineinversetzen“, ist er überzeugt.

Vater Jürgen freut sich, dass seine Söhne sein Hobby teilen – auch wenn es für ihn eine Menge Aufwand bedeutet, hat er in den vergangenen Jahren doch eine Menge Kilometer zurückgelegt, um sie zu Spielen zu fahren. „Aber ich schaue ja auch gern dabei zu, wenn sie pfeifen“, sagt er. Hin und wieder kommt auch danach die Frage auf: „Hättest du das auch gepfiffen?“ Nicht immer lautet die Antwort dann „ja“ – meistens aber schon.

Von Stefan Weisbrod