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Für Miss geht’s endlich wieder um Medaillen
Für Miss geht’s endlich wieder um Medaillen
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14:59 07.01.2022
Marcel Miss spielt für den RSC Frankfurt in der Rollstuhl-Regionalliga, im Training misst sich der 28-Jährige aber auch mit Sportlern und Sportlerinnen des TTV Stadtallendorf.
Marcel Miss spielt für den RSC Frankfurt in der Rollstuhl-Regionalliga, im Training misst sich der 28-Jährige aber auch mit Sportlern und Sportlerinnen des TTV Stadtallendorf. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

An diesem Samstag zieht es Marcel Miss wieder an die Tischtennis-Platte. Bei einer Meisterschaft wohlgemerkt, was zunächst trivial klingt, aber nicht ist. Denn knapp zwei Jahre ist es inzwischen her, dass zuletzt jene Wettkämpfe für den gebürtigen Stadtallendorfer stattfanden. Die Corona-Pandemie machte auch den ambitionierten Rollstuhl-Tischtennisspielern, zu denen der 28-jährige Miss zählt, einen Strich durch die Rechnung.

In Heuchelheim endet am Samstag (8. Januar) für Miss und Co. unter Pandemie-Bedingungen eine lange Durststrecke, die Hessenmeisterschaften bilden gewissermaßen den sportlichen Jahresauftakt – auch für den heimischen Rollstuhlsportler, der jedoch keineswegs unvorbereitet in den ersten Wettkampf des Jahres geht. „Zwischendurch bestand die Möglichkeit, unter Corona-Bedingungen zu trainieren“, erzählt Miss, den es regelmäßig zum Training in der Bärenbachhalle zieht. Dort sucht er sich Spieler und Spielerinnen vom TTV Stadtallendorf, dem er ebenfalls angehört, um zu üben.

Nach der Auflösung seines Teams beim Rollstuhl-Sport-Club (RSC) Bad Wildungen, mit dem Miss in der 2. Rollstuhl-Bundesliga vor einigen Jahren den Aufstieg ins deutsche Tischtennis-Oberhaus schaffte, wechselte der gelernte Informationstechnische Assistent vor etwa fünf Jahren zum größten hessischen Rollstuhl-Sport-Club, dem RSC Frankfurt. Bei den Mainstädtern startete Miss mit dem Team in der 2. Liga. „Aktuell spiele ich in einer Regionalliga-Mannschaft, helfe aber auch in der 2. Bundesliga aus“, erzählt der Tischtennisspieler. Seit seinem vierten Lebensjahr sitzt Miss im Rollstuhl, schon gut 20 Jahre lang geht er dem schnellsten Rückschlagspiel der Welt nach – und fährt an diesem Wochenende nicht ohne Ambitionen in die Gießener Vorstadt.

Sportlicher Erfolg steht nicht über allem

„Ich würde gerne etwas aus Metall mit nach Hause bringen. Die Farbe ist mir relativ wurscht“, sagt Miss vor den „Hessischen“, räumt aber ein, dass der sportliche Erfolg – ob im Einzel oder mit Doppelpartnerin Laurence Taburet (RSC Frankfurt) – nicht über allem steht: „Bei mir geht es darum, gut zu spielen, mich wohlzufühlen – das wäre schon der größte Erfolg“, sagt Miss, wohlwissend, dass das Teilnehmerfeld „sehr stark“ ist. Schließlich sind arrivierte Top-Athleten wie Nationalspieler und Miss’ Vereinskollege Jörg Didion und dessen junger Doppelpartner, der frühere Deutsche Jugendmeister Maximilian Zuber, mit von der Partie.

„Beide sind klare Favoriten – im Doppel wie im Einzel. Insofern ist der Bronzerang für mich das realistische Ziel“, meint Miss, der in den vergangenen etwas mehr als anderthalb Jahren einen differenzierteren Blick auf den Amateursport wirft. „In der Pandemie haben wir gelernt, dass es wichtigere Dinge gibt, als vor solchen Wettkämpfen nervös zu sein – etwa dass es bedeutend ist, sich manchmal zu entschleunigen oder für andere Menschen da zu sein.“

DM im April ist ein Highlight

Gleichwohl blickt der Stadtallendorfer auch mit Vorfreude auf das hinaus, was das Sportjahr für ihn noch zu bieten hat. „Ich plane, meine Trainer-C-Lizenz zu machen“, verrät Miss, der überdies den April farblich in seinem Kalender markiert hat. Dann stehen im Raum Stuttgart die Deutschen Meisterschaften an, für die sich Miss in den vergangenen fünf Jahren immer qualifiziert und mit Rang neun sein bestes Ergebnis vorzuweisen hat. Mit seinem in der Regionalliga Mitte bisher noch ungeschlagenen Team „wollen wir in die 2. Bundesliga aufsteigen“, sagt Miss forsch.

Sollte das nicht klappen, wäre es aber sicher kein Beinbruch. Schließlich hat ihn die Pandemie gelehrt: Es gibt wichtigere Dinge als sportlichen Erfolg.

„Edel-Fan“ von Fußball-Hessenligist Eintracht Stadtallendorf

Nicht nur unter den Tischtennisspielern hat sich Marcel Miss einen Namen gemacht, vielen dürfte der 28-Jährige vom Fußball bekannt sein. Denn Miss ist großer Anhänger des Hessenligisten TSV Eintracht Stadtallendorf, verfolgt die Spiele der Herrenwälder regelmäßig mit großer Begeisterung – egal, ob im Herrenwaldstadion oder schon mal im Mannheimer Carl-Benz-Stadion, wohin es Miss vor einigen Jahren zu Regional­liga-Zeiten der Eintracht zog, um sein Lieblingsteam vor Ort zu unterstützen.

„Die Heimspiele besuche ich schon, seit ich sechs Jahre alt bin. Es fing damit an, dass mein Vater bei den Spielen oft den Sanitätsdienst machte. Daraus wurde unser Ding: samstags auf den Sportplatz gehen und Fußball schauen“, plaudert Miss aus dem Nähkästchen.

Der im Frühjahr beginnenden Hessenliga-Aufstiegsrunde fiebert Miss bereits entgegen. „Ich sehe die Eintracht als ein Topteam der Hessenliga mit dem Potenzial, längerfristig eine gute Mannschaft für das Tabellenmittelfeld der Regionalliga zu werden. Das sollte der Anspruch sein, denn die Qualität dafür hat sie“, meint der „Edel-Fan“, der hofft, dass der Elf von Trainer Dragan Sicaja bereits in diesem Sommer der dritte Aufstieg in die vierte Liga gelingt.

Von Marcello Di Cicco