Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Erst Ockershausen, dann die große Welt
Sport Lokalsport Lokalsport Erst Ockershausen, dann die große Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:59 04.05.2020
Rhönradturnerin Laura Stullich mit ihrem Sohn Nino. Quelle: Privatfotos
Anzeige
Amsterdam/Marburg

„Sie kommt, sie kommt“, rufen Mitglieder, Freunde und Fans des TSV Marburg-Ockershausen vor der Sporthalle am Zwetschenweg, als ein Bus in die Einfahrt fährt. Plötzlich biegt noch ein Wagen in die Einfahrt. Jetzt ist es soweit. „Ach, das ist ja nur der Oberbürgermeister“, sagt einer.

Auch Egon Vaupel ist da

In der Tat – auch Egon Vaupel ist gekommen. Wenige Minuten später. Die „Hauptdarstellerin“ trifft ein. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, kann sie sich kaum retten vor ausgebreiteten Armen. Sie genießt es, lächelt ohne Pause und ist „einfach nur happy“. Gold mit der Nationalmannschaft, Gold im Einzel-Mehrkampf, Gold im Geradeturnen, Silber im Spiraleturnen – was für eine Bilanz für die 1987 in Marburg geborene Laura Stullich. Und dies alles in der Erwachsenen-Klasse, nachdem sie bereits in den Jahren zuvor in der Juniorinnen-Klasse WM-Titel abgeräumt hatte.

Anzeige

Leidenschaft ist geblieben

All dies geschah am 5. Juni 2011. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Laura Stullichs Leben hat sich verändert. Die Leidenschaft für das Rhönradturnen ist geblieben. Sie lebt inzwischen in Amsterdam, wurde am vergangenen Donnerstag 33 Jahre alt und blickt im OP-Interview zurück auf die „wunderschöne Zeit in Marburg“, erzählt, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf ihr Leben hat und wagt einen Blick in die Zukunft. Begonnen hat alles vor 23 Jahren. Sie war zehn, als sie mit ersten Übungen im und am Rhönrad begann. Danach ging es steil bergauf. Nach nur vier Jahren Training war sie unter den besten der Welt, 2003 wurde sie Vize-Weltmeisterin. Zwei Jahre später gewann sie vier Mal WM-Gold bei den Juniorinnen. Es folgten einige Jahre im Ausland, in denen sie als Artistin und Trainerin arbeitete. 2010 setze sie ihre Karriere fort, fünf weitere WM-Titel in den Jahren 2011 und 2013 (in Chicago) folgten. 2014 gewann sie zudem Silber beim World Team Cup in Berlin.

Im Jahr 2011 lernte Laura Stullich während der WM den niederländischen Sportler Boy Looijen kennen. Schnell kamen die beiden zusammen und starteten eine Karriere als Artisten im Rhönrad. Gemeinsam gründeten sie ihre eigene Firma „Wheel Sensation“.

Inzwischen steht Stullich seit mehr als zehn Jahren mit dem Rhönrad auf der Bühne und zeigt Shows unter anderem im Zirkus und Varieté, bei Business Events, Sport-Galas, auf Kreuzfahrtschiffen und bei privaten Veranstaltungen. Zusätzlich war sie als Coach aktiv, gibt ihr Wissen an junge Sportler im In- und Ausland weiter. Vor vier Jahren haben Looijen und Stullich ihr eigenes Trainingsstudio in Zaandam, 20 Kilometer von Amsterdam entfernt, gekauft. In den vergangenen zwei Jahren standen sie mehr als 400 Mal auf der Bühne, bei rund 150 Veranstaltungen in zahlreichen Ländern Europas, Asiens und Amerikas.

OP: Sie denken sicherlich noch oft an die erfolgreiche Zeit beim TSV Marburg-Ockershausen zurück. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Laura Stullich: Es war eine wunderbare Zeit, von der ich noch heute viel profitiere und immer gerne daran zurückdenke. Das Leistungstraining im Verein des TSV Marburg-Ockershausen hat mich nachhaltig geprägt, und ich habe unglaublich viel gelernt, nicht nur technisch im Rhönrad, sondern auch besonders Gruppen- und Gemeinschaftsgefühl, Disziplin, Ehrgeiz und Spaß am Sport. Natürlich stehen die vielen nationalen und WM-Titel immer an erster Stelle, und ich bin sehr stolz auf meine Leistung, aber genauso gut in Erinnerung sind alle Erlebnisse, die ich mit meiner Gruppe erfahren habe. Zahlreiche Trainingscamps, internationale Reisen, hartes Training und auch gemeinsame Feiern haben uns zusammengeschweißt, so dass wir bis heute eine enge Freundschaft haben.

Wie gehen Sie, wie geht Ihre Sportart Rhönradturnen mit der derzeitigen Coronavirus-Pandemie um?

Stullich: Ich selbst bin nicht mehr aktiv beim Rhönradtraining im Verein dabei. Aber von Freunden weiß ich, dass alle Hallen zu sind, kein Training stattfinden darf und alle Wettkämpfe für diese Saison abgesagt wurden. Sogar die Weltmeisterschaft, die diesen Sommer in den USA stattfinden sollte, wurde auf den Sommer 2021 verlegt. Da wir – mein Mann und ich – unser eigenes Trainingsstudio haben, können wir weiterhin trainieren, uns fit und gesund halten. Leider sind alle unsere Showbuchungen und Auftritte bis September abgesagt. Dies ist sehr frustrierend und eine unsichere Lage für uns als selbstständige Artisten. Wir wissen nicht, wann es weiter geht und wann wir wieder auf der Bühne stehen dürfen. Wir bleiben aber positiv und nutzen die Zeit für andere Projekte und vor allem auch für unseren acht Monate alten Sohn Nino, der sich umso mehr freut, dass wir jetzt so viel Zeit für ihn haben.

Wie lange werden Sie den Sport noch aktiv ausüben, und was machen Sie danach?

Stullich: Momentan fühle ich mich superfit! Die Schwangerschaft und Geburt von Nino verliefen sehr gut, und ich stand schnell wieder auf der Bühne. Jetzt will ich gerne so viel wie möglich auftreten und Nino teilhaben lassen an unserem Leben als Artisten. Da ich sehr viele verschiedenen akrobatische Disziplinen beherrsche, kann ich meinem Körper viel Abwechselung bieten und eine einseitige Beanspruchung verhindern. Somit hoffe ich, dass ich noch lange gesund bleibe und Freude an den Auftritten und am Reisen habe. Einen genauen Zeitplan habe ich dabei nicht vor Augen. Solange es Spaß macht, ich Buchungen bekomme und die Zuschauer begeistert sind, mache ich weiter. Und danach will ich Unterricht geben bei uns im Studio, privates Training und Workshops. Zusätzlich vermittele ich anderen Artisten Auftritte. Diese Agenturarbeit will ich in der Zukunft weiter ausbauen.

Kommen Sie noch oft in Ihre Heimat nach Marburg zurück?

Stullich: Ja, natürlich, ich komme sehr gerne und oft nach Marburg. Meine Eltern wohnen weiterhin dort, besonders jetzt, wo unser kleiner Sohn so schnell wächst, sind wir oft bei Oma und Opa zu Besuch. Viele meiner Auftritte sind in Deutschland bei Firmenevents und Sportveranstaltungen, oft kombinieren wir die Reise mit einem Zwischenstopp in Marburg. Dann besuchen wir natürlich auch Freunde, und oft schauen wir gerne in der Halle beim Rhönradtraining vorbei. Ganz besonders hat es mich auch gefreut, dass ich im Sommer 2018 in der Waggonhalle in Marburg auf der Bühne stehen durfte! Es würde mich freuen, in der Zukunft noch mal in Marburg aufzutreten, beim Varieté oder bei anderen Veranstaltungen wie Sportlerehrungen oder Firmenveranstaltungen.

Von Michael E. Schmidt