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Lokalsport Touchieren erlaubt, Barren verboten
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16:53 26.01.2022
Weltcup Springreiten 2016 auf der Messe Leipzig: Ludger Beerbaum überwindet auf Casello ein Hindernis.
Weltcup Springreiten 2016 auf der Messe Leipzig: Ludger Beerbaum überwindet auf Casello ein Hindernis. Quelle: Jan Woitas
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Warendorf

Der Pferdesport erlebte nach der Barr-Affäre 1990 ein historisches Tief: Im Stall von Paul Schockemöhle waren Verkaufspferde „präpariert“ worden, indem ihnen beim Springen Holzstangen an die Beine geschlagen wurden, das sogenannte Barren. Mehr als 30 Jahre später spitzt sich die Affäre um die unerlaubte Trainingsmethode zu. Im Mittelpunkt steht der viermalige Olympiasieger Ludger Beerbaum. RTL wirft dem Weltklasse-Springreiter in einem Beitrag bei „RTL Extra“ Tierquälerei vor. Der 58-Jährige soll mutmaßlich auf seiner Anlage in Riesenbeck das verbotene Barren bei seinen Springpferden angewandt haben.

Wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) am Dienstag mitteilte, hat der TV-Sender RTL ihr nun einen mehrminütigen Zusammenschnitt verschiedener Videosequenzen zur Verfügung gestellt. „In einer ersten Bewertung der Szenen kommen wir zu dem Ergebnis, dass Teile der dokumentierten Vorgänge eindeutig nicht unserer Beschreibung des Touchierens entsprechen. Zum Beispiel ist eine Ausholbewegung zu sehen, bevor die Touchierstange die Pferdebeine berührt“, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach in einem Statement.

Für Pferdezüchter und Parcoursbauer Ludwig Nau steht fest, dass sich die zuständigen Gremien mit dem Fall befassen werden. Für ihn sei es elementar, dass der Pferdesport laut der FN-Richtlinien auf eine tiergerechte Ausbildung der Trainer sowie der Parcoursbauer ausgelegt ist. „Das Tierwohl steht immer im Vordergrund“, sagt Nau. Fair Play sei ein wesentlicher Grundsatz bei der umfangreichen Ausbildung.

„Zu dem laufenden Verfahren kann ich keine Stellung beziehen, da ich das veröffentlichte Videomaterial aufgrund der Qualität nicht bewerten kann. Aber schwarze Schafe gibt es in jeder Sportart. Aber die breite Masse ist darauf bedacht, einen sauberen Sport zu betreiben“, sagt Ludwig Nau. Dass es sich um eine Ausnahme handelt, ein trauriger Vorfall ist, davon ist Thorsten Engelbach, Vorsitzender des Kreisreiterbundes Marburg-Biedenkopf, überzeugt. Da die Barr-Affäre unter Schockemöhle vor drei Jahrzehnten so hochgekocht ist, wundert ihn, dass dies erneut Thema bei einem Weltklasse-Springreiter ist. „Unter Reitern – egal ob jung oder alt – weiß man, dass Barren verboten ist“, sagt Engelbach.

Gegen die Anschuldigung in dem RTL-Beitrag hatte sich Beerbaum vehement gewehrt. „Der Beitrag von ‚RTL extra’ ist in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend“, schrieb er am vorigen Mittwoch und kündigte juristische Schritte an. RTL hat auf Drängen der FN verschiedene Videosequenzen zu den mutmaßlichen Vorgängen auf der Reitanlage von Ludger Beerbaum zur Verfügung gestellt.

Peta stellt Strafanzeigewegen Tiermisshandlung

Zuvor waren der FN nur wenige Sekunden kurzer und verpixelter Szenen vorgeführt worden. Ort und beteiligte Personen waren nicht zu erkennen. Den längeren unverpixelten Zusammenschnitt hat die FN nun überprüft, um festzustellen ob die gezeigten Szenen der Beschreibung des Touchierens entsprechen, die nach den Richtlinien für Reiten und Fahren zulässig sind. Es wird untersucht, ob ordnungswidrige Handlungen vorliegen und wer die handelnden Personen sind. Für Ordnungsverfahren ist die Disziplinarkommission der FN zuständig. Ordnungsmaßnahmen können zum Beispiel eine Geldstrafe oder eine Sperre – der Ausschluss von der Teilnahme an Turnieren – sein.

Die FN hat die Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche auf den Fernsehbeitrag hingewiesen. Es geht um die Frage einer möglichen Verletzung des Tierschutzgesetzes. Die Staatsanwaltschaft Münster hält nach dem RTL-Beitrag Ermittlungen im Fall Ludger Beerbaum nicht für ausgeschlossen. „Wir haben ein Auge drauf“, erklärte ein Sprecher vergangene Woche. Die Tierrechtsorganisation Peta hatte zeitgleich angekündigt, Strafanzeige wegen quälerischer Tiermisshandlung gegen Beerbaum und eine weitere, derzeit noch unbekannte Person zu erstatten. Die Tierrechtsorganisation betrachtet die Aufnahmen als weiteren Beleg dafür, dass tierquälerische Methoden zur Leistungssteigerung in der Branche zur Tagesordnung gehören. Peta fordert von der Bundesregierung Maßnahmen, um die Ausbeutung von Pferden für den „Reitsport“ zu beenden. Marburgs bekanntester Tierschützer, der Ex-Boxer Wolfgang Penzler, zeigte sich bestürzt über die im RTL-Video dokumentierte verbotene Trainingsmethode.

In dem von RTL zur Verfügung gestellten Videomaterial sind auch Szenen von einem ländlichen Reitturnier zu sehen. Auch diese werden derzeit von der FN überprüft, um festzustellen, ob Ordnungsverfahren einzuleiten sind.

Barren

Das Barren ist eine Ausbildungsmethode, die verboten ist. Durch das provozierte Anschlagen an die Stange beim Überspringen des Hindernisses erleidet das Pferd massive Schmerzen. Beim aktiven Barren steht eine Person hinter dem Hindernis – meist versteckt – und schlägt mit einer Metall- oder Holzstange beim Überspringen von unten an die Beine des Pferdes. Beim passiven Barren wird eine dünnere zweite Stange, meist aus Metall, zusätzlich über die oberste Stange gelegt. Stößt das Pferd gegen die Metallstange, ist dies nicht nur schmerzhaft, sondern führt auch zu Angst, da beim Herabfallen der Stange laute Geräusche entstehen.

Das Pferd lernt daraus, dass es beim nächsten Mal, wenn es an einen Sprung herangeritten wird, vorsichtiger ist, höher zu springen und die Beine noch enger an den Körper zu ziehen. Durch die Methode des Barrens wird das Pferd also durch das bewusste Zufügen von Schmerzen zu höheren Leistungen gezwungen. Der Lerneffekt der Tiere beruht auf dem Zufügen von Schmerzen.

Touchieren

Das Touchieren bestimmter Beinpartien während des Sprunges dient dazu, dass das Pferd die Karpal- und Tarsalgelenke im Sprung vermehrt beugt, also die Beine stärker anwinkelt, um einen Stangenkontakt zu vermeiden. Beim Touchieren handelt es sich um ein Sensibilisieren des Pferdes durch gezieltes Berühren der Pferdebeine im Sprungablauf. Dabei dürfen dem Pferd jedoch keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden.

Diese Trainingshilfe muss sehr dosiert angewandt werden und ersetzt nicht das eigentliche Training des Springpferdes. Sämtliche Trainingsmethoden müssen stets fach- und pferdegerecht eingesetzt werden. Es dürfen ausschließlich Touchierstangen verwendet werden, die ein maximales Gewicht von 2.000 Gramm bei drei Metern Länge nicht übersteigen. Die Beschaffenheit der Stange muss rund sein, mit glatter Oberfläche aus nicht splitterndem Material. Sie darf nicht aus Metall sein. 

Von Silke Pfeifer-Sternke und Ralf Jarkowski