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„Erschütternd“, „peinlich“, „katastrophal“
„Erschütternd“, „peinlich“, „katastrophal“
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17:51 18.11.2020
Sahen von der Bank aus die 0:6-Niederlage ihres Teams: Bundestrainer Joachim Löw (links) und Assistenzcoach Marcus Sorg.
Sahen von der Bank aus die 0:6-Niederlage ihres Teams: Bundestrainer Joachim Löw (links) und Assistenzcoach Marcus Sorg. Quelle: Fran Santiago/Getty Images/DPA
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Marburg

„Erschütternd“ nennt ihn Ex-Nationaltorhüter Eike Immel, für Torfrau Theresa Goy von den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg war er einfach nur „peinlich“, für Schröck-Trainer Maurice Jauernick „katastrophal“ und für Biedenkopfs Kreisfußballwart Diether Achenbach „leblos“ – die Rede ist vom Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beim 0:6 in der Nations League gegen Spanien. Es war eine der höchsten Niederlagen aller Zeiten der DFB-Elf (siehe Infobox) – und eine, nach der Rufe nach personellen Veränderungen wieder lauter werden.

„Es ist normal, dass nach so langer Zeit Abnutzungserscheinungen auftreten – Klopp ging es in Dortmund ähnlich“, vergleicht Dominik Völk. Der Co-Spielertrainer des Verbandsligisten VfB Marburg sieht nicht nur auf der Position des Bundestrainers die Notwendigkeit eines Neuanfangs. „Der ganze Führungsstab müsste erneuert werden“, meint Völk, der zudem für die Rückkehr von Abwehrspieler Mats Hummels und Offensivkraft Thomas Müller plädiert. „Beide bringen Qualität, Erfahrung und Charakter mit“, sagt Völk und merkt an: „Grundsätzlich sollten die besten Spieler in der Nationalmannschaft spielen, die zur Verfügung stehen.“

Genau das ist auch für Theresa Goy das grundlegende Problem: „Auf dem Platz fehlt die Leidenschaft“, sagt die Marburgerin. „Es wirkt manchmal so, als dass möglichst viele Spieler auf dem Platz stehen müssten, von denen einige keine Lust haben.“ Verlieren dürfe man, „aber so wie gegen Spanien dürfen sich auch junge Spieler nicht besiegen lassen“, sagt Goy, die sich ebenfalls für eine neue Trainerlösung ausspricht – ohne konkrete Namen nennen zu können. „Irgendwann tut es jeder Mannschaft mal gut, den Trainer zu wechseln“, gibt Goy zu bedenken und beklagt das zusehends schwindende öffentliche Interesse an der DFB-Auswahl – genau wie Eike Immel.

„Die Nationalmannschaft hat an Glanz und Ausstrahlung verloren. Es ist kein Festtag mehr, wenn das Team spielt“, sagt der frühere Profi und führt dies nicht allein auf die vieldiskutierte Frage um die Wertigkeit der Nations League zurück. „Man hat nicht das Gefühl, dass gerade die Besten für die Nationalmannschaft spielen, sondern die, die gerade reinpassen“, beklagt der 59-Jährige.

Maurice Jauernick hat als Fan der Nationalmannschaft bereits viele Spiele live im Stadion gesehen, die Partie am Dienstagabend vor dem Fernseher verfolgt, sich „das Elend angesehen“. Löw habe in den vergangenen Jahren „einige unglückliche Entscheidungen getroffen“, meint der Coach von Gruppenligist FSV Schröck, geht vor allem auf die Ausbootung von Hummels, Müller und Jérôme Boateng ein: „Das sind Spieler, die nicht nur eine Menge Qualität haben, sondern in solch einer Partie auch die Ruhe behalten und die Mannschaft führen.“ Statt ihnen lade Löw Spieler ein, „die in ihren Vereinen höchstens eingewechselt werden“, kritisiert Jauernick, der sich „spätestens nach der EM einen Cut“ wünscht: „Ein neuer Bundestrainer würde frischen Wind bringen.“ Vorstellbar sei aus seiner Sicht, Stefan Kuntz, derzeit Coach der deutschen U 21, zu befördern. „Über Jürgen Klopp wird häufig gesprochen. Aber ich glaube nicht, dass er nächstes Jahr Liverpool verlassen würde.“

Geht es nach Diether Achenbach, ist der von Löw eingeschlagene Weg richtig. „Wer sagt denn, dass es mit den alten Hasen wie Hummels, Müller oder Boateng besser wird. Der Generationenwechsel muss kommen. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, diese Spieler zurückzuholen“, sagt der Kreisfußballwart aus Wiesenbach – und stellt sich vor den Bundestrainer, an dessen Verdienste der 59-Jährige erinnert. „Und ich bin auch sicher, dass Löw alles dafür getan hat, um die Spieler bestmöglich auf diese Partie vorzubereiten“, sagt Achenbach, der nach der zuletzt schwachen Vorstellung vielmehr an die Einstellung der Akteure appelliert. „Kämpfen und laufen – diese Grundtugenden muss man immer erwarten dürfen.“

Eine Analyse und weitere Stimmen zur aktuellem Lage der deutschen Nationalmannschaft lesen Sie auf

Von Marcello Di Cicco und Stefan Weisbrod