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Lokalsport Rasiejewski will gestalten
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10:56 06.11.2020
4. Februar 2018: Der gebürtige Erfurtshäuser Jens Rasiejewski steht als Trainer des VfL Bochum beim Auswärtsspiel gegen Dynamo Dresden an der Seitenlinie. Es sollte sein letztes Spiel mit dem Zweitligisten sein. Drei Tage nach der 0:2-Niederlage trennte sich der VfL von Rasiejewski, der seither ohne Verein ist.
4. Februar 2018: Der gebürtige Erfurtshäuser Jens Rasiejewski steht als Trainer des VfL Bochum beim Auswärtsspiel gegen Dynamo Dresden an der Seitenlinie. Es sollte sein letztes Spiel mit dem Zweitligisten sein. Drei Tage nach der 0:2-Niederlage trennte sich der VfL von Rasiejewski, der seither ohne Verein ist. Quelle: Sebastian Kahnert
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Marburg

Um Jens Rasiejewski ist es in den vergangenen zweieinhalb Jahren ruhig geworden – genauer gesagt: Seitdem der heute 45-Jährige Anfang Februar 2018 von seinen Aufgaben als Cheftrainer des Fußball-Zweitligisten VfL Bochum entbunden wurde (siehe Infokasten). „Nach zuvor acht Jahren am Stück, in denen ich gewissermaßen rund um die Uhr gearbeitet habe, war ab da an erst einmal Durchschnaufen angesagt – und dann kam Corona“, erzählt der gebürtige Erfurtshäuser im OP-Gespräch.

Im Juli 2015 übernahm der ehemalige Bundesliga-Profi der Frankfurter Eintracht als Leiter die Nachwuchsabteilung des VfL, von Januar bis Dezember 2016 gehörte er parallel als Assistent von Gertjan Verbeek zum Trainerstab des Profiteams, ehe er im Juli 2017 die A-Junioren des Ruhrpott-Klubs übernahm. „Ich blicke nur positiv auf die Zeit in Bochum zurück“, sagt Rasiejewski, „denn ich durfte eine Menge Erfahrung sammeln, was auch daran lag, dass man viel Vertrauen in mich hatte. Es herrschte ein enges Verhältnis mit den Verantwortlichen.“ Ganz offensichtlich.

Angebote ohne Perspektive

Denn im Oktober 2017 übernahm er nach der Freistellung des damaligen Cheftrainers Ismail Atalan in einem unruhigen Vereinsumfeld zunächst als Interimscoach das Profiteam. Rasiejewskis Bilanz: Zwei Siege, vier Unentschieden, zwei Niederlagen. „Blickt man auf die Entwicklung der Mannschaft und die Ergebnisse, hat es funktioniert“, bilanziert der 107-fache frühere Zweitliga-Profi – auch noch für die Zeit danach. Im Dezember desselben Jahres wurde der Erfurtshäuser zum Cheftrainer befördert und mit einem Vertrag bis zum 30. Juni 2019 ausgestattet.

Einem 1:0-Sieg gegen Jahn Regensburg zum offiziellen Einstand folgten vier Niederlagen und der Fall auf Tabellenplatz 14, was die Vereinsführung des Zweitligisten veranlasste, nach weiteren knapp zwei Monaten die Reißleine zu ziehen und Rasiejewski zu entlassen – ebenso Sportvorstand Christian Hochstätter. Mit dem VfL ist der Trainer dennoch im Reinen. „Alles in Ordnung“, sagt der 45-Jährige, „damit habe ich schon abgeschlossen, als ich raus war.“ Rasiejewski sieht seine Aufgabe rückblickend vergleichbar mit der von einer Person beim Reinemachen. „Meine erste Aufgabe bestand darin, in einer Situation von großer Unordnung aufzuräumen. Unter diesen Umständen blieben nicht viele andere Möglichkeiten.“ Rasiejewskis Nachfolger, Robin Dutt, führte die Bochumer zum Ende der Spielzeit 2017/18 noch auf den sechsten Rang.

Einen neuen Job hat Rasiejewski seither nicht angenommen – wenngleich durchaus Angebote an ihn herangetragen wurden. „Es gab zwar Gespräche“, verrät der Fußball-Lehrer, „aber die Tätigkeiten wären mit einem Umzug verbunden und außerdem ohne Perspektiven gewesen.“ Seit 2015 lebt er mit seiner Frau sowie seinen zwei Söhnen im Alter von 10 und 4 Jahren in Dortmund, regelmäßig besucht er seine Eltern in Erfurtshausen – und ist hin und wieder auch auf den Sportplätzen der hiesigen Region zu sehen.

Zaungast war er Anfang September beim Verbandsliga-Saisonauftakt der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg in Kinzenbach. Sein Bruder Manuel, bis vor einigen Jahren selbst ambitionierter Ober- und Hessenliga-Kicker, ist als Trainer bei den Marburgern tätig. „Es ist schon bemerkenswert, welche Arbeit an der Basis gemacht wird“, lobt Jens Rasiejewski, der sich besonders darüber freut, dass die Stadtallendorfer Eintracht zum wiederholten Male den Sprung in die Regionalliga Südwest geschafft hat. „Die Entwicklung von Eintracht Stadtallendorf ist toll“, findet der 45-Jährige, der es wichtig findet, in den Herrenwäldern „ein regionales Aushängeschild“ zu haben.

Austausch mit Trainern

Wenngleich der frühere Junioren-Nationalspieler inzwischen mit etwas Abstand auf das Profigeschäft blickt, so ist er noch immer Feuer und Flamme für den ambitionierten Fußball. Seit geraumer Zeit tauscht er sich in einer Gruppe intensiv mit anderen Trainern aus. „Darunter sind auch viele junge Trainer, die sich entwickeln wollen und sich im Aufbruch befinden. Dieser Austausch hat sich in der Corona-Zeit intensiviert“, sagt Rasiejewski. Zusammen mit einem Psychologen hat die Gruppe eine nicht-öffentliche Studie durchgeführt.

Rasiejewski stellt fest, dass landauf, landab „zu ergebnisorientiert“ gearbeitet werde. „Dies lässt wenig Spielraum für andere Dinge“, findet der Übungsleiter, der dafür plädiert, das richtige Maß in der fußballerischen Ausbildung zu finden. „Entwicklung braucht Zeit. Es ist möglich zu entwickeln, ohne dabei völlig die Ergebnisorientierung aus den Augen zu verlieren.“

Zudem spricht er sich dafür aus, Ausbildungskonzepte im Verein strukturell anzuwenden – ohne Trainern die Möglichkeit zu nehmen, individuelle Ideen einzubringen. „Andere Länder machen es schon seit Jahren gut“, findet Rasiejewski. „Es ist kein Zufall, dass etwa Belgien und England als Fußball-Nationen zuletzt erfolgreich waren“, meint der 45-Jährige, der nicht zwingend wieder als Trainer ins Geschäft einsteigen würde. „Ich könnte mir im Moment gut die Arbeit an den Wurzeln vorstellen, da ich dort größere Entwicklungsmöglichkeiten sehe“, sagt Rasiejewski und denkt dabei etwa an Verantwortung für Vereinsentwicklung, Personal und Spielstil.

Von Marcello Di Cicco