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Lokalsport Der, der alle nass macht!
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10:57 06.06.2020
Für einen Spaß mit dem Nass – wie hier Mitte der 1990er-Jahre – ist Schwimmtrainer Manfred Hellmann immer zu haben. Quelle: privat
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Marburg

Für Manfred Hellmann ist der Schwimmsport eine Art Berufung. Er selbst war in seiner aktiven Zeit zwar „nur“, wie er sagt, Bezirksmeister über 100 Meter Kraul geworden.

Dennoch wurde das Schwimmbad sein zweites Zuhause. Begonnen hat alles im Jahr 1958. Ein Freund hatte ihn heiß gemacht auf das kühle Nass und so landete er beim Schwimmen.

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Der inzwischen 70-jährige Hellmann erinnert sich noch ganz genau: „Es war ein Donnerstagabend, 20 Uhr, im Luisabad Marburg. Der Vorraum voller Leute, Alt und Jung sprachen laut durcheinander. Kassierer Heinz Maus saß gegenüber des Treppenaufgangs zur Verwaltungsetage an einem kleinen Tisch. Mit einer dicken Zigarre im Mund kontrollierte er die Ausweise.“

Im ersten Stock lag die Umkleide, dort sorgte Abteilungsleiter Heinz Fischer für Ordnung. Schnell aus den Klamotten und ab unter die Dusche. „Da wartete der Bademeister und kontrollierte, ob wir alle Seife dabei hatten. Ohne Seife hatte man keine Chance, am Training teilzunehmen.“

Das Marburger Luisabad in der Biegenstraße ist inzwischen Geschichte. Archivfoto

Der Trainingsbetrieb lief streng geordnet ab. Die Bahnen 1 und 2 teilten sich Frauen und Mädchen. Die anderen beiden Bahnen waren dem männlichen Geschlecht vorbehalten. „Na ja, so ging es dann zur Sache.“ Das Training auf den Mittelbahnen war eher als „Baden“ als ein Training einzuordnen.

Das „Jungvolk“ bestand aus 15 bis 20 Aktiven, die Bahn war also „knüppelvoll“. Doch es wurde trainiert, „wenn auch nicht mit der heutigen Intensität“, sagt Hellmann. Nach rund einer Stunde war das Training zu Ende und die Cracks kamen und übernahmen die Bahn. „Man ließ uns deutlich merken, dass wir noch ,Frischlinge’ waren.“

Von der Brücke in die Lahn

Nach dem Training traf man sich im Vorraum oder man zog an die Lahn, „wo es gelegentlich eine Fortsetzung des Trainings – jetzt allerdings der anderen Art – gab. Die Brücken waren begehrte Ziele, sprang man doch von dort in die Lahn.“

Manfred Hellmann könnte noch stundenlang erzählen. Die Erinnerung zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht.

Heute, mehr als 60 Jahre später, geht es ihm immer noch um ein Lächeln – um das „seiner“ unzähligen Kinder und Jugendlichen, die er exakt seit nunmehr 40 Jahren trainiert. „Man ist nicht nur der Schwimmtrainer, der Trainingspläne erarbeitet, Wettkämpfe vor- und nachbereitet, am Beckenrand Ratschläge gibt, wie man besser Delphin, Brust, Rücken oder Kraul schwimmt. Man ist auch Sozialarbeiter. Denn die Kinder kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen“, sagt der ehemalige Polizeibeamte und jetzige Pensionär.

Seit Mittwoch wieder im „Dienst“

Allerdings konnte er „seinen“ zahlreichen Kindern und Jugendlichen zuletzt nicht beistehen, sie nicht ins kühle Nass schicken. Der Grund: Die Coronavirus-Pandemie hatte und hat auch für den Schwimmsport gravierende Auswirkungen, und plötzlich ist sein Lächeln verschwunden: „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir uns mit so etwas auseinandersetzen müssen“, sagt er.

Wochenlang waren die Hallenbäder geschlossen, der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen so gut wie abgebrochen. Doch am 3. Juni stieg der VfL Marburg wieder ins Training ein – im Hallenbad Wehrda mit strengen, aber notwendigen Abstands- und Hygieneregeln.

Im Jahr 2018 wurde Manfred Hellmann bei der Sportlerehrung von Stadt und Kreis für sein langjähriges ehrenamtliches Engagement die Sportmedaille in Gold verliehen. Foto: Thorsten Richter

500 Mitglieder hat die Schwimmabteilung des VfL 1860 Marburg, darunter mehr als 100 aktive Kinder und Jugendliche. Dem VfL steht ein Trainingstag zur Verfügung – wie den anderen Vereinen auch. Schwierig für Hellmann, alles unter einen Hut oder besser gesagt, ins kühle Nass zu bekommen. „Auch das muss bestens vorbereitet und organisiert werden“, sagt Hellmann.

Zahlreiche Regeln sind dabei einzuhalten: Bevor die Kinder das Bad betreten, müssen sie ihre Hände waschen und desinfizieren. Jedes Kind trägt sich mit einem eigens mitgebrachten Kugelschreiber in eine Liste ein. Lediglich drei Kinder dürfen in eine Sammelumkleide. Jedes Kind hat seinen eigenen Haken für die Anziehsachen. Zwei Bahnen werden zu einer gemacht. Dort dürfen maximal acht Kinder schwimmen, ohne sich einzuholen oder gar zu überholen. Sprünge ins Becken sind nicht erlaubt.

Das Lächeln kehrt zurück

Da bleibt doch der Spaß auf der Strecke, oder? „Zugegeben ist dies eine äußerst schwierige Situation. So macht es auf den ersten Blick keinen Spaß mehr“, sagt Hellmann zu den auch aus seiner Sicht notwendigen Maßnahmen.

Er hat es derzeit mehr mit Regularien zu tun als mit einem normalen Trainingsbetrieb. „Wichtig ist, das dies der erste kleine Schritt ist zurück zur Normalität. Deshalb bin ich froh, dass die gute Zusammenarbeit mit der Bäderdirektion dazu geführt hat.“

Das Wichtigste für ihn ist, dass die vielen Kinder ihren Spaß im kühlen Nass endlich wieder erleben dürfen. Und wenn Manfred Hellmann dann die Kinder anschaut und deren strahlende Gesichter sieht, kehrt trotz aller widrigen Umstände das Lächeln auch bei ihm wieder zurück.

Von Michael E. Schmidt

Zur Person

Manfred Hellmann wurde am 25. Februar 1950 in Marburg geboren. Vor 62 Jahren hat er die Liebe zum kühlen Nass entdeckt – 1958 im Marburger Luisabad. 22 Jahre später wurde er Schwimmtrainer beim VfL 1860 Marburg – kümmerte sich fortan um die Kinder und Jugendlichen.

Seine aktive Zeit als Schwimmer endete 1967, danach spielte er Wasserball beim Marburger SV, schwamm noch ein paar Jährchen für die Polizei, ehe er 1977 neben seiner Trainertätigkeit beim VfL Marburg „Mädchen für alles“ wurde. Hobbykegeln bei Brudersinn 1971 und organisatorische Aufgaben für den Marburger Polizeichor füllen seine Freizeit mehr als aus.

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