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Lokalsport „Ich blicke mit Zufriedenheit zurück“
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13:57 13.11.2021
Jürgen Hertlein lächelt in die Kamera. Er hatte viele Ehrenämter inne.
Jürgen Hertlein lächelt in die Kamera. Er hatte viele Ehrenämter inne. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der silbergraue Backenbart! Er trägt ihn noch! Ein wenig aus der Zeit gefallen? Keineswegs! Was Kaiser Wilhelm und Fürst Bismarck im 19. Jahrhundert recht war, fand unter anderem in Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister selig eine spektakuläre Fortsetzung in der Heavy-Metal-Gegenwart und ist dem in Ehren ergrauten Jürgen Hertlein natürlich längst billig.

Der aus Eichstädt bei Ingolstadt stammende Hertlein zählt inzwischen 79 Lenze, in denen er sich keineswegs in der Rockszene tummelte. Aber der Bart ziert ihn seit mehr als vier Jahrzehnten.

„Den habe ich mir nach meiner Zeit in Würzburg zugelegt“, sagt er. Dort leitete er in den 70er Jahren die Blindeninstitutsstiftung für mehrfach behinderte Blinde und Sehbehinderte, ehe er 1978 Chef der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg wird, und zwar 30 Jahre lang bis zum Eintritt in den Ruhestand.

Hertlein führt nicht nur ein hochoffizielles und anspruchsvolles Berufsleben, sondern verdient sich Meriten auch als jemand, der sich dem Ehrenamt mit Hingabe widmet. „Schon in Würzburg habe ich mich bei den Jusos im Stadtteil Sanderau als deren Vorsitzender engagiert“, betont der Sozialdemokrat.

15 Jahre im Magistrat

In seiner späteren Wahlheimat Marburg schließt er sich der örtlichen SPD an, aber vorerst nur als passives Mitglied. Erst 2006 – kurz vor seinem Ruhestand – wird er gefragt, ob er Mitglied des Magistrates werden wolle. Er sagt zu und versieht dieses Ehrenamt für 15 Jahre.

„2020 bin ich auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Ich habe bis jetzt immer den Zeitpunkt bestimmt, wann ich mit etwas Schluss mache, ehe mich andere fragen, wann ich denn aufhöre.“ Ähnliches gilt auch für ein weiteres Territorium, auf dem sich Hertlein mit Verve tummelt. Er entdeckt seine Begeisterung für den Basketballsport, insbesondere für den der Frauen, die seit 1992 der Bundesliga angehören. 1998 wird er Präsident des BC Marburg. „Das ist eigentlich ein Fulltime-Job“, sagt er.

Viele schöne und auch schwere Momente

Er hat es alle Jahre wieder zu tun mit der Sponsorensuche für den Liga-Dino, mit dem Aquirieren von Spielerinnen und schwierigen Personalentscheidungen. Das habe ihm manches graue Haar eingebracht und auch gekostet.

Gleichwohl fallen in die Ära Hertlein die bislang größten Erfolge der Basketballerinnen: In der Saison 2002/2003 wird der BC Marburg Deutscher Meister und Pokalsieger. Außerdem holen die Marburger Frauen mehrere Male den dritten Platz. Hertlein verpasst kaum eines der Heimspiele, die er mit Feuer und Flamme mit den euphorischen Fans vom Spielfeldrand aus verfolgt. Manches Mal kann er sein Temperament kaum zügeln.

Der Alltag ist vollgepackt

„Es ist halt ein sagenhaft schöner Sport, der schon längst kein körperloses Spiel mehr ist.“ Über all die Jahre sei es ihm ein Anliegen gewesen, einen kollegialen Führungsstil walten zu lassen. 2018 übergibt er sein Amt an Oliver Pohland. Er wird zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Hertlein ist noch immer unruhig genug, sich anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten zu widmen. 2012 übernimmt den Vorsitz des Sportkreises Marburg-Biedenkopf mit seinen 390 Vereinen mit etwa 80.000 Sportlerinnen und Sportlern. „Ich war viel unterwegs zur Auszeichnung von Jubilaren, zu Versammlungen der Sportvereine, als Mitglied in zahlreichen Kommissionen.“

Sein Alltag ist vollgepackt. Häufig ist er außer Haus. Allerdings braucht Ehefrau Christel Derreth-Hertlein über Langeweile nicht klagen. Sie hat sich mit 50 Jahren noch einmal einer Ausbildung unterzogen und führt seit dem eine Praxis als Heilpraktikerin.

Er erwägt, seine Memoiren zu schreiben

Zwei ihrer drei Kinder arbeiten ebenfalls ehrenamtlich: Tochter Katharina bei der Marburger Tafel und Tochter Johanna im Vorstand des Sportkreises, der seit diesem Jahr ​unter neuer Führung steht. „Ich blicke mit Zufriedenheit zurück und freue mich, dass Stefan Backhaus mein Nachfolger ist.“

Jetzt hält Hertlein seine Füße erst einmal still. „Ich kann mir den Tagesablauf in Ruhe einteilen und die Dinge auf mich zukommen lassen.“ Der Träger des Bundesverdienstkreuzes und zahlreicher weiterer Auszeichnungen erwägt, seine Memoiren zu schreiben. „Es gibt genug zu erzählen.“

Von Bodo Ganswindt