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Lokalsport Noemi Ristau greift wieder an
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20:10 18.11.2019
Beim paralympischen Slalom in Pyeongchang belegte Noemi Ristau im vergangenen Jahr den fünften Platz. 2022 in Peking würde sie gerne eine Medaille holen. Quelle: Jan Woitas
Marburg

An die neuen Kommandos hat sich Noemi Ristau schon gewöhnt. Im vergangenen Jahr hörte die blinde Skifahrerin bei den Paralympics noch, wie ihr Guide Lucien Gerkau „uuund... hopp!“ auf das Headset funkte. Jedes „uuund“ bedeutete „Schwung auflösen“, jedes „hopp“ stand für „auf die Kanten gehen“.

In dieser Saison fährt Paula Brenzel ein paar Meter vor der Marburgerin und gibt die Anweisungen durch. Zumindest für den Riesenslalom hat das Duo einen Zwischenschritt eingebaut: „Hoch... vor... drauf!“, heißt es nun. „Das ist präziser, erlaubt mir eine flüssigere Bewegung“, erläutert Noemi Ristau, die bei sich selbst dadurch eine andere Körperhaltung und ein anderes Fahrgefühl festgestellt hat. „Ich bin gespannt, ob das etwas bringt.“

Beim Slalom hat sich nicht ganz so viel geändert. „Uuund... drauf“, lautet das Kommando, das das Team zum Saisonstart im niederländischen Landgraaf unter Wettkampfbedingungen austestete.

Vier Slalomstarts
 als „Super-Übung“

In der dortigen Skihalle, wo die Marburgerin im Jahr 2015 ihr erstes Rennen überhaupt bestritt und den Grundstein für ihre paralympische Karriere legte, standen gleich vier Slalomstarts an vier Tagen auf dem Programm – zunächst zwei Qualifikationsrennen für Neu- und Wiedereinsteiger, dann zwei Europacup-Wettbewerbe. „Das waren die ersten Rennen mit Paula, eine super Übung“, war Ristau zufrieden. Einige Fahrfehler habe sie selbst zwar gemacht unter ungewohnten Hallenbedingungen, nachdem sie seit dem Spätsommer vier Lehrgänge draußen an steileren Hängen absolviert hatte. „Aber das Guiding hätte Paula nicht besser machen können.“

Es passt also zwischen Noemi Ristau und ihrer 20-jährigen „Vorfahrerin“. Beide haben sich für diese Saison zum Ziel gesetzt, bei den Weltcups „öfter unter die ersten Drei zu kommen“. Eine Weltmeisterschaft steht erst 2021 wieder an. „Das nimmt den Druck raus“, sagt die Marburgerin für dieses „Übergangsjahr“, bei dem es darum geht, sich richtig aufeinander einzustellen und miteinander abzustimmen. Klar ist aber jetzt schon: „Paula möchte es drei Jahre weiter machen und zu den Paralympics fahren“, sagt Ristau.

Die Sorge um die Fortsetzung ihrer sportlichen Karriere ist der 28-jährigen Ergotherapeutin also genommen. Schließlich war es nicht klar, ob es damit überhaupt weitergehen konnte, nachdem Lucien Gerkau als Guide aufgehört hatte. Zusammen hatten sie die Qualifikation für die Paralympics in Pyeongchang geschafft. Zu einer Medaille reichte es in Südkorea nicht, in Abfahrt und Riesenslalom wurden Ristau/Gerkau Vierte, im Slalom und der Super-Kombination Fünfte und im Super-G reichte es zu Platz sieben. An der Seite von Paula Brenzel soll es für die WM-Dritte im Slalom von 2017 dann in zweieinhalb Jahren in Peking zu einer Medaille reichen.

Teenager aus Österreich
 setzt ein Ausrufezeichen

Bis dahin soll das Klassifizierungssystem geändert werden und für mehr Gerechtigkeit sorgen (siehe Kasten). Ob Henrieta Farkasova weiterhin eine Hauptkonkurrentin von Ristau sein wird, hängt allerdings nicht allein davon ab. Die Slowakin, die bei den vergangenen drei Paralympics insgesamt neun Goldmedaillen abräumte und die Para-Szene dominiert, fiel seit Jahresbeginn mit einer Knieverletzung aus.

„Ich habe es immer geschafft, auch nach vielen Verletzungen an die Spitze zurückzukehren“, hat der 33-jährige Para-Ski-Star aber Ende Oktober verlauten lassen.

Darüber hinaus wird sich die Marburgerin, die selbst den größten Teil der Vorsaison wegen eines im Januar erlittenen Knöchelbruchs verpasst hatte, wieder mit der Britin Menna Fitzpatrick und der Australierin Melissa Perrine auf der Piste messen müssen. Als neue Rivalin könnte Martina Vozza erwachsen, die bei einem der Slalomrennen in Landgraaf als Zweite ganz knapp vor Ristau landete.

Mit deutlichem Vorsprung setzte allerdings Veronika Aigner Ausrufezeichen in der niederländischen Skihalle. Den Teenager aus Österreich sieht Noemi Ristau in Zukunft als eine ihrer Hauptkonkurrentinnen an.

In Peking klar die Nummer eins

Die Marburgerin, die von der Deutschen Sporthilfe und der Stiftung Sporthilfe Hessen gefördert sowie von der Blista unterstützt wird, schied in Landgraaf einmal aus, belegte zweimal Rang zwei und einmal den dritten Platz.

So richtig los geht die Saison aber erst im Januar mit den ersten Weltcups. Zuvor starten
 Ristau und Brenzel noch im
Europacup vom 11. bis 15. Dezember in Pitztal (Österreich) und vom 18. bis 20. Dezember in St. Moritz (Schweiz). Bis dahin will sich das Duo in den Speed-Disziplinen Abfahrt und Super-G aufeinander abstimmen. „An 20 von 25 Trainingstagen haben wir Riesenslalom trainiert“, verrät Ristau den derzeitigen Stand der Vorbereitung. „Wir haben deutliche Fortschritte gemacht.“

Möglicherweise ist die 28-Jährige bald nicht mehr die einzige Marburgerin im Para-Weltcup. Denn die zehn Jahre jüngere Luisa Grube, die an der Blista ihr Abitur macht, war in Landgraaf auch mit dabei. Für ganz vorne reichte es zwar nicht, ein siebter Rang war die beste Platzierung. Aber Talent hat die Nachwuchsfahrerin aus Nörten-Hardenberg allemal. „Beim Training sind wir Freunde. Aber beim Rennen...“, sagt Ristau augenzwinkernd.

Bei den Paralympics 2022 in Peking dürfte Noemi Ristau klar die deutsche Nummer eins unter den blinden Skifahrerinnen sein. Dafür, dass sie dann auch international zumindest zu den Top drei zählt, hat sie mit Paula Brenzel noch zweieinhalb Jahre, zig Weltcups und eine Weltmeisterschaft Zeit zur Feinabstimmung.

Klassifizierung

Bei den paralympischen Sportarten werden Klassifizierungen vorgenommen, um größtmögliche Chancengleichheit zu gewährleisten. Derzeit umfasst das System für Sehbehinderte drei Klassen: Vollblind (B1), wenig Sehrest (B2) und sehbehindert (B3). B1-Athletinnen gibt es im Para-Ski derzeit nicht. Noemi Ristau fällt mit einem Restsehvermögen von 1,5 bis 2 Prozent in die Kategorie B2 – wenngleich sie vor dem deutschen Gesetz als blind gilt.

„Es gibt einige, die doppelt so viel sehen wie ich“, erklärt Ristau ihren Nachteil. Noch vor der WM 2021 soll die Klassifizierung verfeinert werden, indem eine vierte Klasse eingeführt wird. Das würde die Chancen der Marburgerin deutlich erhöhen.

von Holger Schmidt