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13:00 09.05.2022
Immer voll in Aktion: Patrick Unger am Spielfeldrand. Nach zwei Jahren kehrt er zurück zum BC Marburg, wo er bereits von 2013 bis 2020 Chefcoach war. Sein neuer Vertrag ist übrigens unbefristet.
Immer voll in Aktion: Patrick Unger am Spielfeldrand. Nach zwei Jahren kehrt er zurück zum BC Marburg, wo er bereits von 2013 bis 2020 Chefcoach war. Sein neuer Vertrag ist übrigens unbefristet. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

2020 ging er – auch, weil er das Gefühl hatte, nicht das bewegen zu können, was er gern bewegen wollte. Jetzt kommt er zurück – mit dem Empfinden, den Basketball in Marburg, den Verein voranbringen, dazu jedenfalls seinen Beitrag leisten zu können. Patrick Unger wird wieder Cheftrainer beim BC Pharmaserv. Seine erste Aufgabe ist keine leichte: gemeinsam mit dem Vorstand ein in weiten Teilen neues Team zusammenzustellen.

Mehr als sieben Jahre lang hatte Unger ab Anfang 2013 die sportliche Verantwortung bei den Blue Dolphins, führte sie zweimal in der Meisterschaft und einmal im nationalen Pokal zu Bronze, dazu einmal ins Endspiel eines Europapokal-Wettbewerbs. Vor allem aber machte er es sich zur Aufgabe, Talente zu entdecken, Spielerinnen zu entwickeln. Alex Wilke etwa kam als 19-Jährige aus Berlin, wurde unter ihm zu einer der besten Spielmacherinnen Deutschlands. Sie wird aber in der nächsten Saison nur als Gegnerin im Trikot von Ex-Meister Keltern in Marburg auflaufen.

An der Lahn bleiben hingegen Marie Bertholdt und Theresa Simon, ebenfalls in Ungers erster Amtszeit in den Verein gekommen. Um die beiden Nationalspielerinnen, mit 27 beziehungsweise 23 Jahren alles andere als alt, soll nun das neue Team mit überwiegend jungen, hungrigen Sportlerinnen aufgebaut werden – solchen, die schon da sind, und solchen, die davon überzeugt werden können, dass Marburg für sie die beste Wahl ist. Unger spricht von einem „Puzzle“.

Wo er nach der „Nadel im Heuhaufen“ sucht

Die Arbeit hat er längst aufgenommen, neben seinem Job beim Männer-Bundesligist Gießen 46ers. Dort ist er für die Drittliga-Mannschaft, die „Rackelos“, verantwortlich gewesen, hat sie zum Klassenerhalt in der ProB geführt. Das Erstliga-Team hingegen verpasste den Verbleib in der Liga, in dem Unger Chefcoach Pete Strobl als Assistent unterstützte. Am Sonntag gab es eine 71:88-Niederlage im letzten Saisonspiel in Ulm, der Abstieg in die Pro A stand schon zuvor fest.

In seiner Freizeit führte Unger bereits unzählige Gespräche mit aktuellen BC-Spielerinnen, potenziellen Zugängen und Agenten, befasste sich mit Statistiken, schaute Videos. Zu Hause hat er ein Whiteboard, erzählt er: „Da stehen viele Namen drauf. Jeden Tag werden ein paar weggewischt, dafür kommen andere dazu.“ Der Fokus liegt zunächst darauf, deutsche Spielerinnen mit Potenzial zu entdecken. Aber wo sind sie zu finden? In unteren Ligen? Ja, da fahndet er, ebenso im Nachwuchsbereich, auch in der US-College-Liga. Diese „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“ scheut er nicht.

Das sagt der Vorstand

Auch BC-Präsident Oliver Pohland freut sich über die Verpflichtung von Patrick Unger. Nach dessen Wechsel nach Gießen habe es immer einen „losen Kontakt“ zwischen dem BC Marburg und Unger gegeben. „Die Gespräche waren aber nie darauf ausgerichtet, dass Patrick Unger zurückkommt. Sondern es war eher so, dass wir uns nach seinem Wohlbefinden erkundigt haben“, sagt Pohland. Eine Besonderheit – wie auch der Präsident anmerkt – ist der unbefristete Vertrag. „Es gab dafür zwei Gründe. Erstens wissen wir bereits, was Patrick Unger für ein erfolgreicher Trainer ist, und zweitens wollten wir ihm unser Vertrauen signalisieren. Wir waren uns über den unbefristeten Vertrag schnell wechselseitig einig“, erklärt Pohland. Zudem fügt er an: „Uns ist wichtig, dass wir eine perspektivische Konstanz auf der Trainerposition haben.“ Dies sei auch im Hinblick auf die Spielerinnen wichtig. „Wir haben mit Marie (Bertholdt, Anm. d. Red.) und Theresa (Simon, Anm. d. Red.) zwei wichtige und erfahrene Spielerinnen halten können. Beide haben ihren Verbleib an die Personalie geknüpft. Das sind gute Voraussetzungen, zumal sie nun die Brücke zwischen Mannschaft und Trainer bauen können“, sagt der Präsident.

Der Marburger Verein, meint Unger, müsse „eine Nische besetzen“, wolle er in einer Liga mit finanziell potenterer Konkurrenz bestehen, „sonst“, sagt er, „rennen uns die anderen weg“. Welche Nische das sein soll? Die genaue Definition steht noch nicht. Ganz sicher aber eine, in der es darum geht, das Team besser zu machen, in dem die einzelnen Spielerinnen besser gemacht werden. Das hat er auch in seiner ersten Zeit als BC-Cheftrainer als seine wichtigste Aufgabe angesehen, fühlt sich nach zwei Jahren in Gießen – zunächst als Jugendkoordinator, dann als Coach von überwiegend jungen Basketballern – „darin noch mehr bestärkt“.

Wer gut ist, wer nicht auf den schnellen Euro aus ist, sondern noch besser werden will, möglicherweise parallel mit einem Studium an der Philipps-Universität oder einer anderen Hochschule in der Region den Grundstein fürs spätere Berufsleben legen will – so lässt es sich wohl zusammenfassen –, soll Marburg als erste Option sehen.

Er wolle „das Gefühl haben, wir bewegen etwas in eine Richtung“. Das, sagt er offen, habe er „auch in Marburg nicht immer gehabt“. Dieser empfundene Stillstand war es, weshalb er – immerhin zu dieser Zeit auch Frauen-Bundestrainer – unbedingt in den Männerbereich wechseln wollte. Ihm sei wichtig, dass ihm zugehört werde, seine Ideen ernst genommen werden. „Das heißt nicht, dass ich immer richtig liege mit dem, was ich denke und vorschlage“, betont er. „Ich bin nicht der große Zampano.“ Aber er ist einer, der Einfluss nehmen will – mehr, als es in Gießen möglich war, wie er andeutet.

Welche Themen er beim BC noch angehen möchte

Das war einer der Gründe, dort nach zwei Jahren zu kündigen, künftig wieder in Marburg zu arbeiten. Er hätte auch andere berufliche Perspektiven gehabt, stand mit zwei ProA-Clubs in Kontakt. Cheftrainer in der zweithöchsten Männer-Spielklasse zu werden, habe „natürlich auch seinen Reiz“. Seine Entscheidung dagegen war vor allem „eine Entscheidung für die Familie“, sagt er; für den gebürtigen Berliner, seine Frau Jenny und die drei Töchter ist Marburg der Lebensmittelpunkt.

Jetzt wird die Stadt auch wieder zu Ungers Arbeitsort – bei einem Arbeitgeber, mit dessen Entwicklung er in der Vergangenheit nicht immer zufrieden war. Und nun? Im organisatorischen Bereich habe sich in den vergangenen zwei Jahren „schon einiges getan“, hat er beobachtet, macht das auch an Kleinigkeiten fest: „Bei Auswärtsspielen muss ich nicht mehr selbst einen Bus fahren.“

Patrick Unger (BC Marburg 2019). Quelle: Thorsten Richter

In andere Bereiche will er sich hingegen verstärkt einbringen, dazu beitragen, dass sich strukturell mehr tut. Er nennt die Trainerausbildung, die auf „ein neues Level gehoben“ werden soll. Er will auch mithelfen, dass Team und Verein in der Stadt und in der Umgebung stärker wahrgenommen werden, mehr Menschen zu den Spielen kommen, damit auch die Attraktivität für aktuelle und potenzielle Sponsoren steigt. Das alles mit dem Ziel, den Bundesliga-Standort Marburg nicht nur kurzfristig irgendwie, sondern langfristig erfolgreich zu erhalten.

Unger will seinen Teil dazu leisten. Das spiegelt sich auch im Vertrag wider, den der 39-Jährige unterzeichnet hat: Er läuft – für einen Trainer eines professionellen Teams alles andere als üblich – unbefristet.

Von Stefan Weisbrod