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Obaida Al Aassaf ist endlich angekommen
Obaida Al Aassaf ist endlich angekommen
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13:58 27.06.2021
In Syrien war Obaida Al Aassaf (links) Profi, für Eintracht Stadtallendorf II spielte er in der Kreisliga A – hier gegen Luca Studenroth von der FSG Südkreis.
In Syrien war Obaida Al Aassaf (links) Profi, für Eintracht Stadtallendorf II spielte er in der Kreisliga A – hier gegen Luca Studenroth von der FSG Südkreis. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Stadtallendorf

Es sind Bilder, die sich bei Obaida Al Aassaf tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. Bilder, die er nicht los wird – auch wenn sie schon knapp zehn Jahre zurückliegen. „Ich war fast tot“, erzählt der 29-Jährige, dreht seinen Kopf zur Seite und zeigt eine Narbe, die von einem Streifschuss zeugt. Sie wird ihn immer an den Tag Ende 2011 erinnern, an dem er mit seiner Familie erstmals aus seiner Heimatstadt Deir ez-Zor im Osten Syriens fliehen wollte und dabei unter Beschuss eines Scharfschützen mutmaßlich von der syrischen Armee geriet. „Wir fuhren im Lkw an einen Kreisverkehr heran, mein zweijähriger Cousin saß auf meinen Oberschenkeln, weitere Kinder waren im Fahrzeug“, erzählt Al Aassaf, der sich erinnert, wie plötzlich mehrere Schüsse fielen – einer davon traf nicht nur seinen Cousin, den Fahrer, sondern auch seine Tante. „Direkt unter dem linken Auge“, sagt er, „sie war sofort tot.“

Al Aassaf wurde hingegen in einem Militärkrankenhaus behandelt. Mehr schlecht als recht, aber zumindest blieb ihm das Leben – und die traumatischen Erinnerungen an einen völlig zerstörten Lkw und dessen mit Blut überströmten Sitze. „Es war katastrophal“, sagt der Geflüchtete, dem während der medizinischen Versorgung von der Armee fast alles gestohlen worden sei: Geld, Handy, sogar Zigaretten. Wenn der Fußballer davon erzählt, lächelt er, hin und wieder lacht er sogar kurz. Er weiß, wie surreal sich seine Geschichte für Außenstehende anhört. Und er gibt zu, dass er noch nicht alles verarbeitet hat. „Manchmal sitze ich alleine zu Hause und weine“, gesteht Al Aassaf – und schiebt hinterher: „Viel.“

Noch kurz vor dem Angriff auf ihn und seine Familie war er auf eine aussichtsreiche Laufbahn als Profifußballer zugesteuert. Als Jugendlicher spielte er für den Stadtclub al-Futowa in der ersten Liga, verdiente damit sein Geld. „Der Trainer der ersten Senioren-Mannschaft sagte zu mir: ,Wenn du so weitermachst, spielst du im Pokal.’ Da war ich erst 18, in der A-Jugend.“

Doch mit der Zuspitzung des Bürgerkriegs in seiner Heimatstadt, die inzwischen vom Islamischen Staat (IS) eingenommen war, machte er sich samt seinen Fußballschuhen im Gepäck im Oktober 2015 mit seinem jüngeren Bruder, Freunden und Nachbarn zu sechst erneut auf die Flucht – mit der Türkei als Ziel. „Unterwegs kamen wir an eine Station des IS, bei der uns Haus, Frauen und Geld angeboten wurden, wenn wir bleiben.“ Al Aassaf lehnte ab, begab sich stattdessen auf eine Odyssee quer durch Südosteuropa. Sein Ziel: Deutschland. Denn in Cottbus lebte bereits sein älterer Bruder.

Der 29-Jährige erinnert sich an vier Monate in der Türkei, wo er für einen Hungerlohn auf Plantagen arbeitete und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen untergebracht war. Er erinnert sich an knapp zwei Jahre Aufenthalt in Griechenland, wo er zwischenzeitlich obdachlos war, wo seine Durchreise auf der Balkanroute nach Mazedonien verhindert wurde und wo er über Monate etliche Gespräche mit Behörden führen musste, um schließlich zu erfahren, dass er nicht in Deutschland, dafür aber in Frankreich aufgenommen wird.

Lediglich vier Tage hielt es ihn dort, als er im Oktober 2017 ankam. Dann zog es ihn weiter über Frankfurt nach Gießen, wo er sich anmeldete. Untergebracht wurde Al Aassaf schließlich in der Flüchtlingsunterkunft in Neustadt. „Nach zwei Tagen habe ich dort zu Mitarbeitern gesagt: ,Ich brauche ein Heft und einen Kuli, damit ich Deutsch lerne.’ Denn die Sprache ist der Schlüssel in jedem Land“, weiß der Syrer. Ein weiterer Schlüssel: soziale Kontakte, die er über das Fußballspielen im Sportverein knüpfte. „Das ist wichtig, denn so lernt man andere Menschen und deren Kultur erst kennen“, unterstreicht der 29-Jährige.

In der von Karl-Heinz Jarosch trainierten Flüchtlingsmannschaft in Stadtallendorf ragte das Talent des Offensivspielers schnell heraus, der Schritt in die zu diesem Zeitpunkt von Marco Jarosch und später von Ex-Nationaltorhüter Eike Immel gecoachte zweite Mannschaft des TSV Eintracht Stadtallendorf war die logische Konsequenz.

Die Bemühungen des Syrers, auch beruflich Fuß zu fassen und eine Ausbildung zu beginnen, erlitten aber einen herben Dämpfer, als er zwischenzeitlich im Zuge des Dublin-Verfahrens nach Frankreich rückgeführt wurde und dort wieder auf der Straße leben musste.

Denn in Frankreich galt er formal als untergetaucht, hatte so weder Anspruch auf eine Unterkunft noch auf finanzielle Unterstützung. „Ich habe eine Mülltüte als Schlafsack genutzt“, erzählt er, „konnte wegen der Kälte aber nicht schlafen.“ Der Winter stand vor der Tür. Zurück in Deutschland kämpfte Al Aassaf mit Nino Reitmeier, den er bei der Eintracht kennengelernt hatte und der ihn mit Rat und Tat unterstützte, dafür, dass er bleiben darf.

Heute geht es dem in Stadtallendorf wohnhaften Syrer gut, er fühlt sich hierzulande wohl. „Ich habe Deutsch gelernt, besuche die Abendschule in Marburg und habe schon gearbeitet“, erzählt der Fußballer. Andererseits bedauert er, dass vier seiner Brüder – wie einst er – noch immer unter schwierigsten Umständen in der Türkei leben müssen, dass weitere drei Geschwister und seine Mutter noch in Syrien sind. „Dort ist es gefährlich“, weiß Al Aassaf, der nur gelegentlich Kontakt zu ihnen halten kann. Das belastet ihn sehr, denn: „Wir leben hier in Frieden, sie dort im Krieg.“ Vor sechs Jahren hat er sie zuletzt gesehen.

Nach vielen Monaten des Corona-Lockdowns hat Al Aassaf eine neue sportliche Bleibe gefunden – in der sechstklassigen Thüringen­liga, bei Wacker Teistungen, wohin es ihn seit Kurzem immer am Wochenende zum Training zieht. Ein wenig Erfahrung im höherklassigen deutschen Amateurfußball bringt er mit ins hessische Nachbarbundesland, gehörte er bei der Eintracht vor zwei Jahren doch kurzzeitig zum Hessenligakader, kam in der Vorbereitung zum Einsatz, saß gegen Hessen Kassel und den SV Steinbach auf der Ersatzbank.

Zum Profi wird es der Syrer hierzulande nicht mehr bringen. Das weiß er. Doch für ihn geht es inzwischen um weit mehr als darum, mit seinem Sport Geld zu verdienen. Es geht ihm darum, seine Leidenschaft überhaupt ausüben zu können. Zwar fernab seiner Heimat – dafür aber in Frieden.

Von Marcello Di Cicco