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Lokalsport Kein Verständnis für den Djoker
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15:00 20.01.2022
Novak Djokovic trainierte zwar vor den Australian Open in der Rod Laver Arena in Melbourne, noch vor dem Grand-Slam-Turnier musste der Titelverteidiger aus Serbien jedoch das Land verlassen, weil er nach langem juristischem Tauziehen kein Visum erhielt.
Novak Djokovic trainierte zwar vor den Australian Open in der Rod Laver Arena in Melbourne, noch vor dem Grand-Slam-Turnier musste der Titelverteidiger aus Serbien jedoch das Land verlassen, weil er nach langem juristischem Tauziehen kein Visum erhielt. Quelle: Foto: Mark Baker
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Marburg

Seit Montag geht es in Australien um Tennis. Endlich. Nach knapp zweiwöchigem juristischem Tauziehen war Titelverteidiger Novak Djokovic kurz vor Beginn der Australian Open aus Melborne abgereist, nachdem das Bundesgericht Australiens seinen Einspruch gegen die Annullierung des Visums abgelehnt hatte. Der nicht gegen das Coronavirus geimpfte Tennisstar wollte mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung am Grand-Slam-Turnier teilnehmen, die Behörden hatten ihm aber die Einreise verweigert (die OP berichtete ausführlich).

Stefan Backhaus ist nicht nur Vorsitzender des Sportkreises Marburg-Biedenkopf, der Hatzbacher ist auch Tennistrainer der Verbandsliga-Frauen des TSV Kirchhain, spielt selbst für die Ohmstädter und den Marburger TC in der Gruppenliga. Auch wenn das Fehlen des derzeit besten Spielers der Welt „sportlich ein herber Verlust“ für das Turnier sei, hat er eine klare Meinung zu dem, was sich da jüngst in Down Under abgespielt hat. „Das hat mich richtig aufgeregt. Djokovic hat es übertrieben“, findet Backhaus. Auch der Weltranglistenerste dürfe in einer Pandemie „keine Sonderbehandlung“ bekommen, müsse sich stattdessen genauso an Regularien halten wie jeder andere – „und das länderübergreifend“, sagt Backhaus.

Der Funktionär steht mit dieser Meinung nicht alleine da – im Gegenteil. Bei einer stichprobenartigen Umfrage der OP unter Aktiven und Verantwortlichen aus dem Tenniskreis Marburg ist der Tenor gleich. So kritisiert Peter Zimmermann, früherer Sportwart des TV Marburg und ehemaliger Turnierdirektor der Marburg Open, den Djoker für seine „Hinhaltetaktik“ und dafür, dass er „monatelang Zeit gehabt“ habe, seine Teilnahme sicherzustellen. Zimmermann kommt zu dem Schluss: „Seiner Vorbildfunktion ist Djokovic nicht gerecht geworden.“

Klaus Reese unterstreicht dies. Der ehemalige Vorsitzende des Turngaus Oberlahn-Eder geht schon seit einigen Jahrzehnten dem Weißen Sport nach, spielt aktuell bei den Tennis-Oldies des TSV Kirchhain und bemängelt, dass Djokovic eine Gelegenheit verpasst habe, indem er sich nicht habe impfen lassen. „Er könnte doch etwas bewirken“, bedauert Reese. Auch wenn es nach Backhaus geht, müsse die Nummer eins der Welt als Vorbild fungieren. „Das ist er der Sportjugend, seinen Fans, aber auch seiner Familie schuldig“, meint der Sportkreis-Chef.

Reese bringt ein weiteres Argument in die Diskussion ein, warum er die Entscheidung für die verweigerte Teilnahme Djokovics an den Australian Open für berechtigt hält. „Man kann ihm doch keine Sonderrechte gewähren, während die australische Bevölkerung über längere Zeit Entbehrungen hinnehmen muss“, sagt der Kirchhainer und spielt damit etwa auf bisweilen harte Reise- oder Ausgangsbeschränkungen auf dem Kontinent während der Pandemie an. Auch Laura Kautetzky, Vorsitzende des TC Stadtallendorf, kommt deshalb zu dem Schluss: „Wer nicht geimpft ist, muss dann halt zuschauen.“

Die Entscheidung der australischen Regierung kann Thomas Demuth umso mehr nachvollziehen, „weil die Umstände von Djokovics Ausnahmegenehmigung recht fraglich“ seien. Der Vorsitzende des Tennisvereins Wehrda spielt damit auf Medienberichte an, wonach es Ungereimtheiten bei einem positiven PCR-Test gegeben habe – auch weil Djokovic direkt nach dem Test öffentliche Termine wahrgenommen habe.

Für Demuth ist klar, dass sich Djokovic mit dem Streit „keinen Gefallen“ getan habe. „Das hat ihm viel geschadet, auch wenn er vorher schon nicht der Beliebteste war“, sagt der Spieler der Wehrdaer Gruppenliga-Mannschaft.

Hans-Jürgen Schneider findet die Zurückweisung Djokovics „absolut richtig“, befürchtet jedoch, dass die Auseinandersetzung dem Tennis geschadet hat, was ärgerlich sei, weil landauf, landab viel dafür getan werde, um das Rückschlagspiel beliebt zu machen. „Fürs Tennis tut mir das leid, weil Djokovic die Sportart mit seinem Verhalten in Schieflage bringt. Damit wird Tennis in eine Schiene gerückt, die nicht in Ordnung ist. Solch ein blödsinniges Verhalten sorgt nur für Negativschlagzeilen“, meint der Vorsitzende des Tenniskreises Marburg. Backhaus stimmt dem zu: „Auf der Welt gibt es zahlreiche Krisenherde, Kinderarmut, Hungerprobleme – und diskutiert wird über Djokovic. Der Sportart hat er damit sicher keinen guten Dienst erwiesen.“

Von Marcello Di Cicco

20.01.2022
19.01.2022