Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Ristau reist mit gutem Gefühl nach Peking
Sport Lokalsport Lokalsport Ristau reist mit gutem Gefühl nach Peking
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 23.02.2022
Hoffen auf eine Paralympics-Medaille: Noemi Ristau (oben) und Paula Brenzel.
Hoffen auf eine Paralympics-Medaille: Noemi Ristau (oben) und Paula Brenzel. Quelle: Foto: Luc Percival
Anzeige
Marburg

Noemi Ristau ist bestens vorbereitet. Im Trainingslager in Watles in Südtirol hat sich die sehgeschädigte Skirennfahrerin aus Marburg in der vergangenen Woche den Feinschliff für die am 4. März startenden Paralympics geholt. Und vorgesorgt für die bis zum 13. März andauernden Winterspiele in China hat Ristau ebenfalls. Mit Temperaturen von bis zu minus 15 Grad Celsius rechnet sie. „Dafür habe ich mich ganz gut gewappnet, indem ich mir Heizsocken gekauft habe“, verrät Ristau, lacht – und erklärt: „In meinen Skischuhen habe ich eine Sohle mit Heizkabel.“ Kalte Füße sollte die 30-Jährige also nicht bekommen.

Trainingslager sorgt bei Ristau für sehr gutes Gefühl

Der lockeren Stimmung dürfte schon in einigen Tagen Anspannung hinzukommen, schließlich sind die Paralympischen Winterspiele für Ristau und ihre Begleitläuferin Paula Brenzel (Bad Hersfeld) nicht weniger als das sportliche Highlight schlechthin, der Höhepunkt, auf den sich das Duo seit den vergangenen Spielen 2018 in Pyeongchang akribisch vorbereitet. In Südkorea war Lucien Gerkau noch Ristaus Guide. Mit vierten Plätzen in der Abfahrt und im Riesenslalom verpasste Ristau bei ihrer Paralympics-Premiere noch knapp die Podest-Ränge. Diesmal soll es klappen mit Edelmetall.

Nach einem Kreuzbandriss im Knie Ende September konnte sich Ristau erst spät Wettkampfpraxis holen. Gerade in den Speed-Disziplinen trat sie kürzer, um nicht Gefahr zu laufen, sich erneut zu verletzen (die OP berichtete). „Ich fühle mich top vorbereitet“, sagt Ristau nach dem siebentägigen Trainingslager in Italien, wo „Topbedingungen“ geherrscht hätten. Der Schwerpunkt der Trainingsarbeit lag zuletzt auf den Bereichen Slalom und Riesenslalom sowie auf ihrer Paradedisziplin Super-G.

„Gerade das Speedtraining hat mir extrem viel gebracht. Nach dem Umstieg von Speedtraining auf den Riesenslalom dachte ich mir: Boah, ist das langsam“, erzählt Ristau.

Ernster wird ihr Ton, wenn es darum geht, welche Medaillenchancen sie sich in Peking einräumt. „Ich glaube, dass ich im Super-G und in der Super-Kombination recht gute Chancen habe“, meint die Para-Skisportlerin.

Dies hänge damit zusammen, dass sie wegen ihrer Verletzung gezwungenermaßen viel Slalom statt Speeddisziplinen trainiert habe. Gegenüber der im Speedbereich starken Britin Millie Knight, die im Januar im norwegischen Lillehammer Weltmeisterin in der Super-Kombination wurde, sieht Ristau für sich klare Vorteile im Slalom. „Insofern kann mir vorstellen, dass ich auch Medaillenchancen habe.“

Los geht es für Ristau und Brenzel im alpinen Ski-Zentrum in Yanqing am Samstag, 5. März (ab 10 Uhr/Ortszeit), mit der Abfahrt. „Die Abfahrt werden wir uns vor Ort erst anschauen. Wenn sie zu steil und gefährlich ist, werden wir sie nicht fahren“, sagt Ristau, die zum Auftakt der Spiele und angesichts ihrer gerade erst auskurierten Knieverletzung kein Risiko eingehen will. Nach der Abfahrt folgen der Super-G (So., 6. März, ab 10 Uhr), die Super-Kombination (Di., 8. März, ab 10 Uhr), der Riesenslalom (Fr., 11. März, ab 9.30 Uhr) und der Slalom am Abschlusstag der Spiele am 13. März (ab 9.30 Uhr).

Für den Saisonhöhepunkt hat sich Ristau seit einigen Tagen isoliert, um sich nicht noch auf den letzten Drücker mit dem Coronavirus zu infizieren. Seit ihrer Rückkehr aus Italien bis zum Abflug nach Peking an diesem Freitag um 17.50 Uhr mit dem Lufthansa-Flug LH 724 von Frankfurt nach Peking verzichtet sie auf Treffen mit anderen Personen. Um nicht ins Fitnessstudio zu müssen, hat sie sich zu Hause mit Kettlebells-Hanteln und einem Fahrrad-Ergometer ihren eigenen Fitnessbereich eingerichtet. Schon im Trainingslager zogen sich Ristau und Brenzel in einen eigenen Essensbereich zurück, machten jeden Tag Schnelltests. Gestern und heute kamen und kommen erforderliche PCR-Testungen hinzu.

Strenge Regeln auch für paralympische Athleten

Generell, erläutert Kevin Müller, Pressesprecher beim Deutschen Behindertensportverband, gelten für Athletinnen und Athleten der Paralympics „identische Regeln“ wie für die Sportlerinnen und Sportler der Olympischen Winterspiele. Auch sie bewegen sich – abgeschottet von der einheimischen Bevölkerung – in einer Blase, wohnen in denselben Dörfern und werden täglich PCR-getestet. Bereits seit knapp anderthalb Wochen müssen Athletinnen und Athleten eine spezielle Gesundheitsapp nutzen.

Dies gilt auch für die sechs Guides im deutschen Paralympics-Team (siehe Infobox), zu denen Paula Brenzel zählt. Die 22-Jährige fährt während des Wettkampfes voran und gibt via Headset Kommandos, unterstützt damit Ristau entscheidend. Denn die gebürtige Großostheimerin verfügt über eine Restsehstärke von lediglich zwei Prozent, sieht noch etwas in den Außenbereichen des Sehfeldes, insbesondere Farben und Umrisse. Beide Sportlerinnen, Ristau und Brenzel, eint ein Traum: eine Medaille bei den Peking-Spielen. Als Team wollen sie ihn sich erfüllen.

Von Marcello Di Cicco

Neun Debütanten im deutschen Paralympics-Team

Mit nur 18 Sportlerinnen, Sportlern und sechs Guides reist der Deutsche Behindertensportverband (DBS) zu den Paralympics in Peking. Im Aufgebot fehlt aufgrund anhaltender körperlicher Probleme die achtmalige Paralympics-Siegerin Andrea Eskau aus Magdeburg. Zusammen mit Personen aus dem Funktionsteam – Trainern, Ärzten und Betreuern – wird die deutsche Delegation aus 63 Personen bestehen. Neun deutsche Athleten und damit die Hälfte des deutschen Kaders wird in Peking ihr Paralympics-Debüt geben. 2018 hatte Deutschland Rang fünf im Medaillenspiegel belegt.

Das deutsche Aufgebot für die Paralympics in Peking, Ski alpin: Anna-Lena Forster (Radolfzell), Christoph Glötzner (Neumarkt), Leander Kress (Friedberg), Anna-Maria Rieder (Murnau), Noemi Ristau (Marburg), Andrea Rothfuss (Mitteltal-Obertal). Ski nordisch: Alexander Ehler, Marco Maier (beide Kirchzarten), Martin Fleig, Nico Messinger, (beide Freiburg), Linn Kazmaier (Römerstein), Clara Klug (München), Johanna Recktenwald (St. Wendel), Leonie Walter (St. Peter), Anja Wicker (Stuttgart).
Snowboard: Matthias Keller (Offenburg), Manuel Neß, Christian Schmiedt (beide Germering). dpa