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Lokalsport Ristau sehnt sich nach Paralympics-Medaille
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14:54 25.11.2021
Skirennläuferin Noemi Ristau.
Skirennläuferin Noemi Ristau. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Für Sporttreibende ist ein Kreuzbandriss eine Horrordiagnose, denn nicht selten zwingt einen diese Art der Verletzung zu einer mehrmonatigen Pause, manchmal sogar zum Ende der Karriere. Erst am 30. September riss sich Noemi Ristau im schweizerischen Saas-Fee das hintere Kreuzband im linken Knie. „Es war kein Sturz, mir ist aber das Knie weggedreht, und es hat ,knack’ gemacht“, erinnert sich die Skirennsportlerin der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg. Doch glücklicherweise muss sie ihre sportliche Laufbahn nicht auf Eis zu legen, auch die aktuelle Saison nicht abhaken.

Dass die Verletzung für sie allerdings zunächst „ein kleiner Schock“ war, mag nicht verwundern, denn dieser Winter ist ein besonderer: Vom 4. bis 13. März finden in Peking die Paralympics statt – für Ristau und ihre Begleitläuferin Paula Brenzel ist es das Highlight schlechthin. „Darauf arbeiten wir seit drei Jahren hin“, sagt die 22-jährige Brenzel. Die gebürtige Bad Hersfelderin ist seit drei Jahren Ristaus Guide, beide haben ein großes Ziel. „Mit einer Medaille wäre ich mehr als zufrieden“, sagt Brenzel. Ristau wird sogar etwas konkreter.

„Mein Ziel ist auf jeden Fall eine Goldmedaille“, sagt die 30-Jährige – betont aber sogleich: „Ich bin auch voll zufrieden, wenn ich Bronze oder Silber hole.“ Nur wiederholen soll sich Geschichte nicht. Denn 2018, bei ihren ersten Teilnahme an Paralympischen Spielen, wurde die gebürtige Großostheimerin im südkoreanischen Pyeongchang zweimal „nur“ Vierte, verpasste um Haaresbreite das Podest. Doch diesmal stehen die Zeichen gut, dass es – womöglich allen voran in ihrer Paradedisziplin Super-G – mit einer Medaille klappen könnte. „Diese Saison ist meine Chance am größten“, meint Ristau, die über ein Restsehvermögen von ein bis zwei Prozent verfügt.

Ihre größte Konkurrentin, die Österreicherin Veronika Aigner, stürzte im vergangenen Januar, riss sich dabei beide Kreuzbänder sowie einen Meniskus. „Wir sind sechs Personen, die sich im Weltcup an der Spitze miteinander konkurrieren, aber sie konnte keine schlagen“, erzählt Ristau. Nach einer langen Verletzungspause Aigners dürfte es nun noch enger zugehen im Kampf um die Medaillen, der für die Marburgerin womöglich der letzte dieser Art ist.

„Ich werde nach den Paralympics entscheiden, in wieweit ich weitermache. Ich kann mir schon vorstellen, noch zwei Jahre weiterzumachen – vier Jahre aber im Moment nicht. Denn ich will meinen Körper nicht ganz kaputtmachen“, gibt Ristau zu bedenken. Letztlich, gibt die Nationalmannschaftsathletin zu bedenken, werde es wohl auch darauf ankommen, „wie viele Stürze noch passieren und wie viele Brüche ich mir noch zuziehe. Wenn die nächsten zwei Jahre noch gut ohne Verletzungen laufen, sage ich wahrscheinlich: ja, warum nicht?“, gibt die sehgeschädigte Skifahrerin einen Einblick in ihre Gedankenwelt.

Noemi Ristau (links) und Paula Brenzel

Doch zunächst zählt das Hier und Jetzt – und selbstverständlich der Traum von der Paralympischen Medaille, der auch nach der Kreuzbandverletzung lebt. Nach einer sechswöchigen Pause inklusive einer Computertomographie und Betreuung durch ihren Mannschaftsarzt steht Ristau seit vorvergangener Woche wieder auf den Skiern. Eine Orthese, die zur Stabilisierung ihres Knies dient, macht dies möglich.

„Mein Mannschaftsarzt hat mir gesagt, dass man das hintere Kreuzband eigentlich nicht braucht, wenn die Muskulatur super aufgebaut ist. Ich habe auch überhaupt keine Schmerzen.“ Nach einem ersten Lehrgang kommt Ristau zu dem Schluss: „Es läuft viel besser als erwartet.“

Ristau und Brenzel können sich fortan also wieder voll aufs Sportliche konzentrieren, die Qualifikation für die Spiele in Peking in Angriff nehmen. Eine Weltcup-Platzierung unter den Top Drei oder zwei Platzierungen unter den besten fünf Sportlerinnen (egal, in welcher Disziplin) sind nötig, um das Ticket für die Paralympischen Spiele zu lösen. „Aufgrund der Ergebnisse der Vorsaison bin ich sehr optimistisch, dass es klappt“, sagt Ristau – und schiebt hinterher: „Es wird klappen.“

Ende Dezember startet in St. Moritz (Schweiz) der Weltcup, im Januar steht die Weltmeisterschaft in Lillehammer (Norwegen) an. „Die WM dient als Generalprobe“, sagt Ristau. Den ganz großen Coup will sie im März landen. In Peking. Bei den Paralympischen Spielen.

Von Marcello Di Cicco