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Lokalsport Nicht nur auf Schalke brodelt es
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10:10 25.06.2020
Clemens Tönnies (Dritter von links), Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04, und andere Vorstandsmitglieder stehen mit Mundschutz auf der Tribüne. Quelle: Martin Meissner
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Marburg

Egon Vaupel versteht den Unmut vieler Fans. Auf Bannern, die auf dem Vereinsgelände aufgehängt wurden, ist etwa „Keine Ausbeuter bei S04 – Tönnies raus“ oder „Leitbild leben – statt Werte schlachten“ zu lesen. „Da wird deutlich Position bezogen“, sagt der frühere Marburger Oberbürgermeister, bekennender Anhänger der Schalker. Vor allem mit Blick auf das Leitbild des Vereins unter dem Motto „Wir leben dich“ kritisiert er das Verhalten Clemens Tönnies’, der für die Bedingungen in seinen Betrieben wie dem Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück verantwortlich sei.

„Schalke ist ein Club der Kumpel und Malocher, in dem viel Wert auf solidarisches Handeln gelegt wird“, sagt Vaupel, der Vorsitzender der Fußballabteilung der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg ist. Tönnies habe sich bereits im Sommer vergangenen Jahren mit seinen rassistischen Aussagen über Afrikaner „außerhalb der Werte von Schalke 04“ gestellt. „Er hätte sich danach klarer positionieren und entschuldigen müssen“, meint Vaupel, der aber keine klare Rücktrittsforderung ausspricht. Es liege an Tönnies, sagt der 69-Jährige, „jetzt die Entscheidungen zu treffen und einen anderen Weg als Unternehmer zu gehen. Er muss deutlich machen, wie sein künftiges Verhalten mit den Werten des Vereins vereinbar ist.“ Sprich: Die Bedingungen für Arbeiter müssten sich nachhaltig verbessern, auch auf das Tierwohl müsse mehr Wert gelegt werden. „Die Entscheidung über seine Zukunft im Verein treffen dann die Mitglieder bei der nächsten Versammlung.”

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Clubführung unter Tönnies unter Druck

Aufgebracht durch die sportliche Talfahrt des Teams von Trainer David Wagner nehmen die Fans jetzt die Clubführung des Fußball-Bundesligisten um den Aufsichtratsvorsitzenden Clemens Tönnies ins Visier. Der 64 Jahre alte Fleisch-Fabrikant aus Rheda-Wiedenbrück, der wegen der massenhaften Corona-Infektionen in seinem Unternehmen den am Dienstag verordneten Lockdown in den Kreisen Gütersloh und Warendorf mit zu verantworten hat, steht im Fokus der Attacken der Anhänger.

Bei den Fans ist eine explosive Mischung entstanden aus Ärger über die sportliche Dauerkrise und Wut auf die misslungene Corona-Politik der Clubführung, von der sie sich missachtet fühlen. In den Fan-Organisationen des Traditionsclubs laufen die Planungen für Proteste auf Hochtouren. Da die Anhänger seit dem Wiederbeginn der Bundesliga wegen des DFL-Hygienekonzepts nicht mehr in die Arena durften, um ihrem Ärger Luft zu machen, entlädt sich der Unmut vor allem im Netz. Und sogar an der Kultstätte des Vereins. Am Eingang der ehrwürdigen Glückaufkampfbahn prangt ein Banner mit der Aufschrift: „Keine Ausbeuter bei S04 - Tönnies Raus!“ Und an einer Brücke und am Bauzaun des alten Parkstadions gab es Plakate mit gleichlautenden Rücktrittsforderungen.

von unserer Agentur

Christian Schneider hat bereits seine Entscheidung gefällt. Der Vorsitzende des Schalke-Fanclubs Beltershausen fordert, dass Tönnies seinen Hut bei den „Königsblauen“ nimmt – die Mehrheit der Fanclubs in der Region denke genauso. „Die Corona-Fälle bei Tönnies werfen ein schlechtes Licht auf seine Arbeit“, sagt Schneider, den die Entwicklung des Clubs in den vergangenen Jahren ärgert – angefangen mit der Schuldenlast von immer noch knapp 200 Millionen Euro. „Übel nehme ich Tönnies, dass er während der jüngsten Serie von 15 Spielen in Folge ohne Sieg forderte, dass man nun ernsthaft über die Ausgliederung der Profi-Abteilung nachdenken müsse. Vor Kurzem sagte er noch, dass man alles dafür tun werde, dass Schalke ein eingetragener Verein bleibt. Für richtige Schalke-Fans gibt es nur den e.V. Anderenfalls würde Schalke mindestens die Hälfte seiner Mitglieder verlieren“, meint Schneider.

Eine Rücktrittsforderung an Tönnies kommt für Walter Jugel nicht infrage – im Gegenteil. „Ohne Tönnies wäre Schalke 04 ganz oft in Existenzängste gekommen“, begründet der Stadtverordnete der Marburger CDU und Schalke-Anhänger. „Die Fan-Szene, die nun seinen Rücktritt fordert, ist jene Opposition, die ohnehin die Tönnies-Opposition ist“, meint Jugel. Insofern seien die Corona-Fälle nun nur ein weiterer Anlass, Forderungen nach seinem Abgang zu forcieren. Sowohl in sportlicher Hinsicht als auch in Bezug auf Vereinsbelange bei Schalke 04, aber auch bei den Tönnies-Fleischfabriken beziehungsweise in der Fleischindustrie generell könne man einiges kritisieren – etwa das System der Werks- und Leiharbeiter. „Aber die Situation auf Schalke mit den Tönnies-Fleischfabriken in Verbindung zu setzen, sehe ich problematisch“, sagt Jugel.

Werner Löber, 2. Vorsitzender des SV Großseelheim und eingefleischter Schalke-Fan, hat Tönnies mal in Marburg getroffen: „So wie ich ihn kennengelernt habe, schätze ich ihn ein, dass er für das, was in seinem Unternehmen passiert ist, auch einsteht und haftet.“

Seinen Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 fordert Löber nicht: „Derzeit ist die Situation schwer zu bewerten, auch rechtlich kompliziert. Es sind noch zu viele Fragen offen: Wo ist das Vergehen passiert? Im Werk, in der Kantine, in den Unterkünften? All dies muss erst aufgeklärt werden. Danach kann man das Ganze erst richtig beurteilen.“ Dennoch glaubt Werner Löber, dass die Luft für Clemens Tönnis auf Schalke immer dünner wird: „Es wird eng für ihn. Ich gehe davon aus, dass der Druck der Schalke-Fans immer größer und irgendwann zu groß wird und Tönnies von sich aus das Handtuch wirf.“

Von Stefan Weisbrod, Marcello Di Cicco und Michael E. Schmidt

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