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Lokalsport Was Bastian in seiner Amtszeit angehen will
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15:00 16.10.2021
Der neue Verbandsfußballwart Thorsten Bastian aus Rockenberg.
Der neue Verbandsfußballwart Thorsten Bastian aus Rockenberg. Quelle: Foto: Jaux
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Marburg

Thorsten Bastian muss einen Moment nachdenken, als er im Gespräch mit der OP gefragt wird, welcher Tag für ihn persönlich schöner war – der 20. Mai 1998 oder der 4. September 2021? „20. Mai“, sagt Bastian, „da war das Champions-League-Finale in Amsterdam, oder?“, fragt der 57-Jährige fast ein bisschen schüchtern. Ja, genau, an jenem Tag vor 23 Jahren kürte sich Real Madrid mit einem 1:0-Sieg gegen Juventus Turin zum Sieger der Fußball­-Königsklasse. Bodo Illgner, Raúl und Co. bezwangen vor 50 000 Zuschauern den italienischen Topclub mit Superstars wie Zinédine Zidane, Alessandro Del Piero und Didier Deschamps. Hautnah dabei: Thorsten Bastian.

Der gebürtig aus Frankfurt-Rödelheim stammende Bastian gehörte seinerzeit zum Gespann des deutschen Schiedsrichters Hellmut Krug, assistierte ihm als Linienrichter. So auch am 20. Mai 1998 in der Amsterdam Arena. „Das war eine tolle Zeit, in der ich viele Städte und Stadien Europas gesehen habe – Manchester, Madrid ...“, zählt Bastian auf und spricht rückblickend von „einer Zeit, die ich nicht missen möchte“. „Die hat einen geprägt“, sagt Bastian, der von 1995 bis 1999 auf der Fifa-Liste stand und von 1990 bis 1999 in der ersten und zweiten Bundesliga zum Einsatz kam.

Mit dem Profi-Zirkus hat der verheiratete Vater von zwei Kindern inzwischen nichts mehr zu tun. Seit dem 4. September ist er als Nachfolger von Jürgen Radeck der neue Verbandsfußballwart. Beim 34. Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) in Frankfurt setzte sich der Rockenberger in einer Kampfabstimmung mit 174 zu 148 Stimmen gegen den früheren stellvertretenden Verbandsfußballwart Matthias Bausch (Waldbrunn) durch (die OP berichtete). „Beide Ereignisse sind nicht unbedingt vergleichbar“, beantwortet Bastian die eingangs gestellte Frage und lässt durchblicken, dass ihm der Amateurfußball nunmehr näher ist als das große Showgeschäft.

„Mein Herz schlägt für den Amateurfußball. Was gibt es Schöneres, als sonntags bei Bratwurst und Pils auf dem Sportplatz ein Fußballspiel zu schauen?“, fragt Bastian in seiner lockeren Art im Frankfurter Dialekt. Nicht nur für Bastian, auch für viele andere Menschen gehört der Gang auf den heimischen Sportplatz zum festen Ritual.

Fluktuation bei Schiris als drängendes Problem

Doch der 57-Jährige, der bei einer großen Landesbehörde beschäftigt ist, lässt gegenüber der OP auch durchblicken, dass er in den kommenden vier Jahren seiner ersten Amtszeit zwei Themenfelder priorisiert angehen möchte. „Zum einen die große Fluktuation im Schiedsrichterbereich“, sagt der frühere Spitzenreferee, „und zum anderen die Überprüfung der Binnenstruktur.“

Dass ihm Ersteres eine Herzensangelegenheit ist, mag angesichts seiner Vita kaum verwundern. Bereits im frühen Jugendalter beendete Bastian seine aktive Spieler-Laufbahn, wurde mit 14 Schiedsrichter. Sechs D-Mark zuzüglich Kilometergeld gab es damals für junge Unparteiische pro Partie. „Von meinem ersten Verdienst habe ich mir irgendwann ein Mofa gekauft. Darauf war ich stolz wie Bolle“, plaudert der neue Fußballchef aus dem Nähkästchen – sein Ton wird aber umso ernster, wenn er über das spricht, was heutzutage auf Sportplätzen immer mal wieder vorkommt.

Unlängst habe ein Schiedsrichter in einem Spiel der C-Liga Friedberg einen Kopfstoß von einem Spieler bekommen. „Sowas ist unbegreiflich“, bringt es Bastian auf den Punkt, verurteilt aber nicht nur jene Attacken, sondern „auch die verbale Gewalt“. Alle Beteiligten seien künftig gefordert, „irgendwas zu finden, um das Schiedsrichterwesen attraktiv zu machen“, fordert Bastian, der jedoch einräumt, „keine Patentlösung“ für diese Enthemmung zu haben. „Es ist ein Problem der Gesellschaft. Dennoch ist wichtig, dass Vereinsmitarbeitende sich dieser Sache bewusst sind und auf jene Leute zugehen, die sich daneben benehmen. Ob das ausreicht?“, sagt Bastian, ohne den Satz zu vollenden.

Bastian: „Stillstand ist Rückschritt“

Das Thema Binnenstruktur im HFV dürfte ein mindestens genauso schwieriges Thema für Bastian und Co. werden. Seit vielen Jahren wird eine Spielklassenreform kontrovers diskutiert. Ob diese, womöglich einhergehend mit einer Neustrukturierung der Fußballkreise, und wenn ja, auf welche Weise, sinnvoll ist, „muss besprochen werden“, sagt Bastian, der diesbezüglich keine Schnellschüsse machen will. Bastian weiß um die verschiedenen Sorgen und Nöte – etwa im Vergleich zum Spielbetrieb auf dem Land und in Ballungszentren, für ihn ist aber auch klar: „Stillstand ist Rückschritt.“ Den möchte Bastian, der bis zu seiner Wahl vier Jahre lang Beauftragter der Region Frankfurt und acht Jahre lang Fußballwart im Kreis Friedberg war, auf keinen Fall.

Entsprechend blickt er auf den Verbandstag zurück, wo der als Formsache angesehene Antrag des Präsidiums, wonach der Verbandsausschuss für Spielbetrieb und Fußballentwicklung neu strukturiert und dem Frauen- und Mädchenbereich die eigenständige Organisation ihres Spielbetriebs zugetragen werden sollte, knapp die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit der Delegiertenstimmen verfehlte.

„Ich will keine Delegiertenschelte betreiben. Wer gegen den Antrag gestimmt hat, hatte sicher seine Gründe“, sagt Bastian zu dem Eklat – doch der Rockenberger lässt zugleich vorsichtig durchblicken, dass man beim nächsten Verbandstag wohl nicht umhin komme, das Thema erneut auf den Tisch zu bringen.

Von Marcello Di Cicco