Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Neue Football-Liga soll 2021 starten
Sport Lokalsport Lokalsport Neue Football-Liga soll 2021 starten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:27 10.11.2020
Die Marburg Mercenaries (hier Merlin Detroy, vorn) und die Schwäbisch Hall Unicorns (Simon Brenner) spielen auch künftig in der GFL – andere Clubs gehen möglicherweise einen anderen Weg. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
Anzeige
Marburg

Die German Football League (GFL) um die Marburg Mercenaries erhält wohl Konkurrenz. Acht Mannschaften sollen ab Juni 2021 in einer neuen American-Football-Liga antreten, im September soll der erste Champion der European League of Football (ELF) ermittelt werden – so der Plan der Initiatoren um den bekannten Football-Trainer und Fernsehkommentator Patrick Esume.

Ziel sei es, „den größten Talenten eine Bühne zu bieten mit professionellen Strukturen“, wird der 46-Jährige in einer Pressemitteilung zitiert. Einen großen Aufschlag hatte die inzwischen formal gegründete Liga nicht. Bislang keine Website, kein Logo, aktuell ist auch das Teilnehmerfeld noch nicht komplett.

Anzeige

Fest steht laut Mitteilung, dass 2021 Teams aus Hamburg, Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Ingolstadt sowie aus dem polnischen Breslau teilnehmen, dazu eine Mannschaft mit Hildesheim und Hannover als Doppelstandort. Mit potenziellen Kandidaten für den achten Startplatz werde „intensiv verhandelt“. Mittelfristig solle die Liga, in der nach den Regeln der National Football League (NFL) gespielt werden soll, 20 Teams aus bis zu zehn Ländern umfassen.

Mercenaries-Präsident sieht Vorhaben kritisch

Carsten Dalkowski ist über das Vorhaben alles andere erfreut, wie der Präsident der Mercenaries und GFL-Ligavorstand im Gespräch mit der OP deutlich macht: „Da wird eine Konkurrenzsituation geschaffen, die wir alles andere als witzig finden.“ Die Verantwortlichen des Vereins wie auch der GFL sähen die Entwicklung „sehr kritisch“, denn: „Die Popularität unseres Sports steigt zwar seit Jahren, damit die Zahl der Mitglieder und der Fans. Trotzdem ist American Football in Deutschland eine Randsportart.“ Er spricht von „knappen Ressourcen“ – Mannschaften, Spieler, Trainer, Sponsoren und Fans –, die auf zwei Ligen auf sportlich wohl ähnlichem Niveau verteilt würden.

Auch wenn die ELF-Verantwortlichen um Esume und Zeljko Karajica (früherer Geschäftsführer von ProSiebenSat.1 und Sport 1), der als CEO fungieren sollen, das Ziel ausgeben, „professionelle Strukturen“ schaffen zu wollen, eine Liga mit ausschließlich bezahlten Sportlern ist nicht vorgesehen. Die Zahl sogenannter „Importspieler“, meist Vollprofis aus den USA, soll beschränkt werden, um deutschen beziehungsweise europäischen Spielern die meiste Einsatzzeit zu garantieren – exakt so ist es in der GFL derzeit auch.

Zweitligisten könnten Nachrücken

In Berlin, Frankfurt, Stuttgart, Ingolstadt und Hildesheim existieren aktuell GFL-Mannschaften. Gibt es dort dann zwei Teams auf ähnlichem Niveau in unterschiedlichen Ligen? Oder nur eines in der ELF? Dalkowski in seiner Funktion als GFL-Ligavorstand hat dazu noch keine Informationen. Sollten tatsächlich Clubs nicht mehr für die höchste nationale Spielklasse melden – Lizenzantragsschluss für die Saison 2021 ist am 15. November –, könnten Zweitligisten nachrücken.

„Das wäre also nicht das Problem“, sagt der Mercenaries-Präsident, räumt aber ein: „Fallen Standorte wie etwa Frankfurt oder Stuttgart weg, wäre das eine Schwächung für die GFL.“ Zumindest seitens der Stuttgart Scorpions ist jedoch mitgeteilt worden, dass sowohl in der ELF als auch in der GFL gespielt werden soll – ohne Angaben, wie die Prioritäten gesetzt werden sollen. Weitere deutsche Football-Traditionsstandorte, zu denen neben Marburg etwa Braunschweig, Kiel, Schwäbisch Hall und München zählen, bleiben der GFL nach aktuellem Stand sicher erhalten.

ELF steht außerhalb des organisierten Sports

Dalkowski zeigt sich skeptisch, dass sich die ELF – geht sie tatsächlich an den Start – finanziell tragen könnte, zumal sie eine reine „Privatveranstaltung“ ist und nicht Teil des organisierten Sportsystems unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbunds. „Dort würden formal keine Vereine mitmachen, sondern Firmen.“ Dadurch stelle sich auch die Frage, wie die Sportler versichert wären.

Er erinnert an frühere Versuche, neben der durch die nordamerikanische NFL getragenen und 2007 eingestellten NFL Europe länderübergreifende Football-Ligen zu etablieren, etwa die Football League of Europe (FLE) und die American Football League of Europe (AFLE), die in den 1990er-Jahren nach jeweils nur einem Jahr aus finanziellen Gründen wieder verschwanden. Dalkowskis Befürchtung: „Am Ende könnte es nur Verlierer geben.

Dalkowski sieht „Fortschritte in der Breite“

Ex-Spieler Esume gilt als Kritiker der Spitze des nationalen American-Football-Verbands AFVD um dessen Präsident Robert Huber sowie der Führung der GFL. Die Liga werde „dem Sport und seiner Fanbasis nicht gerecht“, beklagt Esume – ein Vorwurf, den Dalkowski nicht unwidersprochen lässt: „Vielleicht wachsen wir manchen Leuten nicht schnell genug.

Aber die Etats der GFL-Clubs sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, die Zuschauerzahlen auch und die mediale Aufmerksamkeit hat zugenommen.“ Zudem gebe es „gute Fortschritte in der Breite“: Die Zahl der Mitglieder habe sich innerhalb von gut zehn Jahren verdoppelt.

„Als Verein hat man Rechte und Pflichten. Zu den Pflichten gehört etwa die Jugendarbeit“, betont Dalkowski und sagt über die ELF-Initiatoren: „Ich habe den Eindruck, da will jemand die Rechte haben, nicht aber die Pflichten übernehmen. Das kann nicht im Interesse unseres Sports sein.“

Von Stefan Weisbrod