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Nachfrage nach Schwimmkursen explodiert
Nachfrage nach Schwimmkursen explodiert
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09:00 15.01.2022
Ein Mädchen mit Schwimmbrett in der Schwimmausbildung.
Ein Mädchen mit Schwimmbrett in der Schwimmausbildung. Quelle: Susanne Mey
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Marburg

Wegen des Lockdowns hat es bundesweit zwischen Anfang 2020 und Mitte 2021 nur wenig Anfängerschwimmunterricht gegeben. Laut DLRG-Zahlen gab es im vergangenen Jahr rund 50 Prozent weniger Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Anfängerkursen – und 70 Prozent weniger Prüfungen für die Schwimmabzeichen. Erschwerend kommt hinzu, dass bereits vor der Corona-Pandemie rund 40 Prozent der Kinder am Ende der Grundschule keine sicheren Schwimmer gewesen seien, teilte die DLRG mit.

Dirk Bamberger, Vorsitzender der DLRG Marburg, sagt: „Wegen Corona liegt derzeit alles auf Eis.“ Denn es gebe eine Einsatz-Mannschaft für den Rettungsdienst und Katastrophenschutz, „die eine strikte Sperre für Ausbildungs- und Übungstätigkeiten hat“ – die Kräfte sind Teil der kritischen Infrastruktur und müssen vor einer Ansteckung mit der Omikron-Variante geschützt werden.

Diese Regelung solle zunächst bis Ende Januar gelten. „Also haben wir uns entschlossen, bis Ende Januar den Schwimmbad-Betrieb stillzulegen", sagt Bamberger. Denn: „Viele unserer Leute, die im Schwimmbad tätig sind, sind parallel auch im Katastrophenschutz und im Rettungsdienst tätig.“

Doch sobald sich die Situation entspanne „werden wir mit dem Übungsbetrieb im Schwimmbad loslegen“. Die Kurse seien immens nachgefragt, und auch vonseiten der Stadt erfahre man „eine riesen Unterstützung“, sagt Bamberger. Das sei auch immens wichtig, denn durch die Corona-Pandemie gebe es jetzt quasi einen ganzen Jahrgang Nichtschwimmer. Es müsse also viel getan werden, um auch diese Kinder noch zu schulen. Dazu gebe es auch vonseiten der Politik Ansätze, indem die DLRG beispielsweise verstärkt auch in die Schulen gehe, um Schulschwimmen wieder voranzubringen. Doch bis diese Konzepte auch Früchte tragen könnten, dauere es noch.

Für Dirk Bamberger steht fest: „Wenn sich die Situation entspannt und wir Hallenzeiten in den Schwimmbädern bekommen, legen wir sofort wieder los.“ Immerhin sei der Landkreis in der glücklichen Situation, noch Schwimmbäder zu haben – „das sieht in anderen Regionen ganz anders aus“.

Mitgliederschwund beim VfL Marburg

Die Schwimmabteilung des VfL Marburg leidet wegen Corona unter Mitgliederschwund – vor allem bei den Schwimmanfängern. Vor der Pandemie waren es rund 550 Mitglieder, aktuell sind es rund 400. Trotzdem scheint es erst mal keinen Grund zur Sorge zu geben, weil die Nachfrage nach Schwimmkursen explodiert. Aus Sicht des Vereins läuft es jetzt „hervorragend“, sagt Manfred Hellmann. 2022 will der Verein „250-260 Kinder ins Wasser bringen – ohne Seepferdchengarantie“. Vor der Pandemie gab es kein Zeitlimit für die Schwimmer. Doch aktuell gelten diverse Einschränkungen: Nur acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer können zusammen am Schwimmunterricht teilnehmen. Deshalb hat der Verein sich etwas Neues überlegt und ein Kurssystem eingeführt. Während der Sommerferien gab es einen Probelauf, der gut geklappt hat.

Angeboten werden: Wassergewöhnung, Vorbereitung auf des Seepferdchen, das Vielseitigkeitsabzeichen „Seehund Trixi“ sowie die Schwimmabzeichen in Bronze, Silber und Gold. „Wir haben Anfragen ohne Ende“, sagt Hellmann.

Nach der Winterpause beginnt am Samstag, 15. Januar, auch im Gladenbacher Freizeitbad Nautilust wieder die Schwimmausbildung für Kinder und Jugendliche. Unter den sogenannten Fröschen, den Teilnehmern des Anfängerschwimmens, wird es ein paar Neulinge geben. „Vor der Pandemie mussten die Nichtschwimmer – nach Anmeldung – etwa ein halbes Jahr warten, bis wir sie aufnehmen konnten. Jetzt sind es zwei Jahre“, berichtet Sandra Schieferstein. Sie ist technische Leiterin in der DLRG-Ortsgruppe Gladenbach und zuständig für die Ausbildung. Der Grund für die lange Warteliste: Während der Teil-Lockdowns ruhte der Ausbildungsbetrieb komplett, und er kam später nur schleppend wieder in Gang. Gleichwohl freut sich Schieferstein, dass die Verantwortlichen der stadteigenen Gesellschaft Stadtmarketing-Energie-Bäder (SEB) sehr kooperativ seien und alles Erlaubte möglich machen würden.

Michael Kirch, Vorsitzender der Gladenbacher DLRG, hebt den Zusammenhalt in der Ortsgruppe hervor. Trotz der vielen Monate des Nichtstuns sei niemand abgesprungen. So stehen nach wie vor samstags und dienstags 15 meist jugendliche Ausbilder zur Verfügung.

Kirch ist auch stellvertretender DLRG-Bezirksvorsitzender. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Bernd Buss habe er überschlagen, dass in den beiden vergangenen Jahren im Landkreis Marburg-Biedenkopf wegen der Pandemie 4 000 Nichtschwimmer nicht zu Schwimmern ausgebildet werden konnten, betont er.

Sandra Schieferstein macht keinen Hehl daraus, dass die Belastung für die DLRG immens gestiegen sei. Zur Mehrarbeit zählt die Verteilung der Kinder und Jugendlichen. So gehen samstagnachmittags vier Gruppen, verteilt auf zwei Stunden, an den Start.

Die Weitershäuserin ist samstags gegen 15.15 Uhr mit die Erste im Nautilust und verlässt gegen 18.30 Uhr mit als Letzte das Bad. Das ist aber bei Weitem nicht alles, was sie leistet: „Sieben bis acht Stunden brauche ich wöchentlich, um die Verwaltungsarbeit zu leisten, die es vor Corona nicht gab“, sagt sie.

Für jede Gruppe müssen die Eltern ihre Kinder anmelden. Ist ein Kind wegen der Kapazitätsgrenzen auf der Warteliste für einen Ausbildungstermin, kann es aber bis zum Samstag durchaus nachrücken. Und immer wieder gibt es Fragen der Eltern zu dem nicht ganz unkomplizierten Prozedere. „Testnachweise müssen überprüft werden und, und, und …“, bedauert die technische Leiterin. Einen Teil dieser Arbeit abzugeben sei schwierig, sagt sie und nennt als Gründe den Datenschutz und dass dann die Gefahr bestehe, den Überblick zu verlieren.

So ist das Notebook Sandra Schiefersteins ständiger Begleiter, außer im Wasser.

Und wenn es um Wartelisten geht, dann setzt die Weitershäuserin noch einen drauf: 120 Interessenten stehen auf einer anderen Warteliste. Sie wollen bei der DLRG in Gladenbach dienstags die Prüfung für den Rettungsschwimmschein absolvieren. Ab Ende Januar soll das dienstags wieder möglich sein. Aber auch da ist Geduld gefragt.

„Unter anderem brauchen Sportstudenten und die Ausbilder der DLRG diesen Rettungsschwimmschein, der alle vier Jahre erneuert werden muss“, sagt Vorsitzender Michael Kirch und erklärt: „Diese Ausbildung und Prüfung ist durch die Kontaktbeschränkungen besonders betroffen, weil dazu auch ein theoretischer Teil gehört, bei dem zahlreiche Menschen in einem Raum zusammensitzen. Da auch wir Ausbilder alle noch ‚Hobbys‘ haben, wie Familie und Beruf, wird auch diese Warteliste zurzeit nicht kleiner.“

Eine Warteliste und zusätzlich noch das Problem, dass der Trainer- und Trainerassistentennachwuchs fehlen, hat die Schwimmabteilung des TSV Kirchhain. Zurzeit wird Trainer Benedict Hausmann nur von einem Trainerassistenten unterstützt. Wenn der Schwimmsport wieder so richtig anläuft, wären aus sicherer Sicht zwei weitere Trainer sowie zwei bis drei Trainerassistenten notwendig, um die Schwimmer zu betreuen. Allerdings werde es immer schwieriger, Nachwuchs auszubilden. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass durch die Pandemie andere Schwerpunkt im Privatleben gesetzt werden und dass junge Menschen nach der Ausbildung oder im Studium die Region verlassen. Hausmann ist bereits seit mehr als zehn Jahren Trainer im Schwimmsport und kümmert sich in seinem Verein darum, dass Schwimmer ihre Kenntnisse vertiefen können. Anfänger betreut er eigentlich nicht, allerdings hat er festgestellt, dass nach zwei Jahren Pandemie immer mehr Kinder das Schwimmen wieder neu lernen müssen.

Von Hartmut Berge, Silke Pfeifer-Sternke und Andreas Schmidt