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„Ein fatales Zeichen“
„Ein fatales Zeichen“
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21:04 22.06.2021
Trägt auch heute Abend die Spielführerbinde in Regenbogenfarben: Nationaltorhüter Manuel Neuer.
Trägt auch heute Abend die Spielführerbinde in Regenbogenfarben: Nationaltorhüter Manuel Neuer. Quelle: Foto: Federico Gambarini/dpa
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Marburg

Manuel Neuer darf auch heute Abend im EM-Spiel gegen Ungarn mit einer Kapitänsbinde in Regenbogenfarben auflaufen – die Fassade der Münchner Arena wird hingegen nicht bunt erleuchten. Die Uefa will es so. Genauer gesagt: Sie will nicht, dass damit ein Statement gegen Homophobie, insgesamt für Toleranz, damit gegen die Politik der ungarischen Regierung gesetzt wird. Begründung: Sie sei „aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage – eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt – muss die Uefa diese Anfrage ablehnen“, hat der Kontinentalverband gestern mitgeteilt.

Ein „fatales Zeichen“ sei das, sagt Clemens Drescher. Der Trainer des VfB Wetter – einer, der stets über den Tellerrand hinausschaut – sieht die Entscheidung als „symptomatisch für eine Organisation, die nur den Profit vor Augen hat“ und der „trotz aller Bekundungen“ das „wirklich Wichtige völlig egal“ sei. „Es passt ins Bild“, meint er, bezeichnet die inzwischen eingestellten Ermittlungen wegen Neuers Kapitänsbinde als „Treppenwitz schlechthin“.

Auch Laura Schmied ist „entsetzt“, wie sie sagt, denn: „Die Uefa behauptet, für Toleranz zu stehen. Aber wenn ein Zeichen gegen die Intoleranz der ungarischen Regierung gesetzt werden soll, unterstützt sie das nicht, sie boykottiert es sogar.“ Die Gladenbacherin bezieht sich dabei auf ein in der vergangenen Woche vom ungarischen Parlament verabschiedeten Gesetz, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität, Transsexualität und die „LGBTQ+“-Community einschränkt.

Julia Urban ist selbst Mitglied der „LGBTQ+“-Community. Sie findet die Uefa-Entscheidung ebenfalls erschreckend. „Es ist schon schockierend, wie viel Gegenwind – auch gerade auf Social Media – herrscht“, sagt sie. „Da merkt man mal wieder, wie viel Homophobie in der heutigen Gesellschaft noch zu finden ist, vor allem in einem Sport wie Fußball.“ Dass Torwart Neuer in den Spielen eine Regenbogen-Kapitänsbinde als Zeichen der Solidarität gegenüber der queeren Community trägt, findet sie „absolut klasse“.

Für Drag-Künstlerin „Miss Hyde“ ist das Argument der Uefa, man solle Politik und Sport trennen, hingegen nachvollziehbar: „Das hat viel mit Marketing zu tun, dass viele große Firmen die Regenbogenflagge als Zeichen der Solidarität nutzen“, erklärt die Gießenerin, die am kommenden Samstag beim Christopher Street Day in Marburg dabei sein will.

Marvin Scheider ist zwiegespalten: Einerseits sei es richtig, Politik aus dem Sport herauszuhalten, andererseits „bekundet die Uefa ja selbst immer wieder, dass sie für Toleranz steht, genau darum sollte es ja gehen“. Er meint: „Vielleicht ist das Ziel auch so erreicht worden. Ich bin mir nicht sicher, ob so viel über das bunte Stadion gesprochen worden wäre, wie nun darüber gesprochen wird, dass es nicht in Regenbogenfarben leuchten darf.“

Von Larissa Pitzen und Stefan Weisbrod