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13:58 14.10.2020
Asad Asadi (links) bei der Eragon Fight Night in Groß Bieberau im April 2019. Quelle: privatfoto
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Kirchvers

Traditionell asiatische Musik ist aus dem Dorfgemeinschaftshaus in Kirchvers zu hören. Beim Kampfsportverein Kirchvers wird der Nationalsport Thailands, Muay Thai, ausgeübt.

Vor jedem Kampf und jedem Training wird eine sogenannte „WaiKru-Zeremonie“ abgehalten. Dabei verneigt sich jeder dreimal. „Die erste Verbeugung steht für den Dank und den Respekt gegenüber allen Lehrern. Die zweite Verneigung symbolisiert den Dank an das Elternhaus, und die letzte Verbeugung steht für alles, was einem selbst Kraft und Hoffnung gibt – also beispielsweise der Glaube“, erklärt Trainer und Vorstand Roman Butz. Gekämpft wird beim Muay Thai mit Boxhandschuhen, wobei der ganze Körper samt Knien, Ellenbogen und Füßen eingesetzt werden darf.

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Sprachprobleme werden durch den Sport gelöst

Einer dieser Muay-Thai-Kämpfer ist Asad Asadi, der in seinem Leben schon viel durchgemacht hat. Und doch hat er seine Lebensfreude niemals verloren. Geboren ist der 21-Jährige in Afghanistan. Doch schon in seiner Kindheit flüchtete seine Familie aufgrund des Krieges in den benachbarten Iran. Vor fünf Jahren verließ er seine Familie und den Iran. „Das war kein leichter Schritt für mich. Wir waren als Familie immer zusammen, weil mein Vater auch von zu Hause aus gearbeitet hat“, sagt Asadi.

An die Tage, die sein Leben für immer verändert haben, erinnert sich der 21-Jährige ganz genau. „Am 4. Oktober bin ich hierher nach Kirchvers gekommen.“ In den ersten Wochen in Deutschland hatte Asadi Probleme, sich in seiner Wohngruppe zu verständigen. Mit seinem Umzug nach Kirchvers entdeckte er das Muay Thai für sich.

„Ich war schon in meiner Kindheit immer kampfsportinteressiert. Aber mein Vater wollte nicht, dass ich Kampfsport ausübe“, berichtet Asadi. Mithilfe des Sports lernte der gelernte Maurer die deutsche Sprache. Durch seine Liebe zum Sport gründete Asadi mit 13 anderen Personen den Kampfsportverein Kirchvers.

Muay Thai lehrt Asadi für das Leben

„Asad ist einer unserer besten Kämpfer. Er hat eine einmalige Persönlichkeit und immer ein Lächeln im Gesicht, beschwert sich nie und sieht in allen Sachen nur das Positive“, sagt Butz über seinen Jugendtrainer. Wegen seiner Ausbildung zum Maurer lernte der 21-Jährige in den vergangenen Monaten mehr, als dass er trainieren konnte. „Ich brauche den Sport aber einfach, um den Kopf frei zu bekommen. Das Muay Thai gibt mir aber unheimlich viel. Das Gemeinschaftsgefühl hier im Verein ist einfach wundervoll. Die Leute hier sind zu meiner zweiten Familie geworden“, sagt Asadi.

Eine wichtige Eigenschaft hat das Muay Thai ihm schon vor der Ausbildung gelehrt: Disziplin. „Ich habe immer versucht, einmal wöchentlich zum Training zu gehen. Jetzt kann ich zum Glück aber wieder Vollgas geben“, sagt Asadi. Trotzdem ist seine Familie im Iran immer noch ein wichtiger Teil seines Lebens. „Vor jedem Kampf telefoniere ich mit meiner Mutter in der Heimat. Sie gibt mir immer Kraft und beruhigt mich, bevor ich in den Ring steige“, sagt der 21-Jährige.

Ein konkretes sportliches Ziel hat Asadi nicht. „Die Deutschen Meisterschaften oder Weltmeisterschaften zu gewinnen, ist zwar schön. Aber was kommt danach? Mir ist der Ausgang des Kampfes zweitrangig. Ich kann auch aus Niederlagen sehr viel lernen“, stellt Asadi fest.

Von Leonie Rink