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Lokalsport Mit oder ohne Antriebshilfe – Spaß beim Radfahren
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21:03 25.03.2021
Radfahrer Gerhard Lücker aus Kirchhain.
Radfahrer Gerhard Lücker aus Kirchhain. Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

Aus dem eher beschaulich anmutenden „Ja, mir san mi’m Radl do“, das in früheren Zeiten in und auf Gasthöfen von einer illustren Schar von Radfahrern bei zünftiger Brotzeit und frischem Getränk aus voller Kehle geschmettert wurde, ist eine sogenannte Bikerszene entstanden, die sich als potenter Adressat der Radfahr-Industrie gemausert hat.

„Gegen das Radfahren ist grundsätzlich nichts einzuwenden“, sagt Professor Ralph Beneke, der geschäftsführende Direktor des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg, „es ist wohl die ökonomischste Art, sich per Muskelkraft von A nach B zu bewegen – solange es nicht zu steil wird und man keinen Gegenwind hat.“ Es biete gegenüber dem Laufen den Vorteil, dass man sein Körpergewicht nicht mit sich herumschleppe. Probleme könnten auftreten bei sehr großen Trainingsumfängen von etwa zwölf bis 24 Stunden pro Woche. Es gebe zuweilen negative Sitzeffekte, die bei exzessivem Fahren Rückenprobleme, Vernarbungen der Prostata oder Scheidenbeschwerden verursachen können.

Doch davon sei „Otto Normalverbraucher“ weit entfernt. „Das Radfahren ist sehr gut dosierbar“, betont Beneke. Es falle überdies aufgrund der schier grenzenlosen Übersetzungen der Schaltungen immer leichter. Der Sportmediziner hält es unter den folgenden Gesichtspunkten für bedeutsam: Es fordert und fördert eine koordinative Leistung, es dient als Herz-Kreislauf-Training und je nach Belastung einem Kraft-Ausdauer-Training, es fördert die Gesundheit und ist wenig orthopädisch belastend.

Schließlich betont Beneke auch die integrative Funktion des gemeinsamen Fahrens vor allem mit der elektrischen Unterstützung. „Jetzt können Personen in Gruppen fahren, die vorher aufgrund ihres Leistungsvermögens nicht zusammengepasst haben. Das E-Bike macht eine gemeinsame Tour, etwa zum Edersee, durchaus möglich.“

Allerdings müsse man das Fahren mit dem E-Bike auch erst richtig lernen. „So ein Gefährt startet ziemlich schnell, man muss sich an seine Besonderheiten gewöhnen.“ Aus der Praxis von E- und Bio-Bikern soll im Folgenden die Rede sein. „Jetzt bin ich es leid“, sagt sich der 67-jährige Gerhard Lücker, als er feststellen muss, dass sich sein Rad-Spezi auf gemeinsamer Tour im Landkreis zum wiederholten Male an einer nicht gerade leichten Steigung in Homberg an der Ohm quasi mit links durchsetzt und relativ entspannt auf dem „Gipfel“ seinen Kollegen mit einem Lächeln bedenkt.

Während der keuchende Kirchhainer auf seinem „Normalo-Bike“ oder Bio-Bike, wie es neuerdings heißt, mit dicker Halsschlagader und pfeifender Lunge an der Grenze des von ihm Leistbaren angekommen ist , feixt der andere auf seinem von einem Elektromotor unterstützten Radl.

Die Konsequenz liegt also auf der Hand: So ein E-Bike muss her! Und so geschieht es im Januar im Jahre 2021. Fortan ist für den stattlich gebauten Lücker, der sich sportlich durchaus seine Meriten im Skifahren, Handball, Tauchen und Badminton erworben hat, die Welt wieder in Ordnung. Dass man sich auch auf einem solch modernen Gefährt „schaffen“ kann, lernt der umtriebige Pensionär recht schnell. „Ich fahre jetzt viel längere Strecken, wage mich an Steigungen heran, die ich ansonsten immer peinlichst vermieden hatte“, sagt er. Seit Ende Januar hat er auf den Radwegen der Region immerhin gute 700 Kilometer zurückgelegt. Dabei hat er etliche überflüssige Kilos verloren. „Da fühlst du dich doch gleich wie ein anderer Mensch“, betont er.

Als alter Motorrad-Biker legt er, falls es erforderlich wird, bei Inspektionen schon mal selbst Hand an. „Aber für bestimmte Arbeiten brauchst du Spezialwerkzeug. Dann wende ich mich natürlich an den Fachhändler meines Vertrauens.“ Und sein „analoges“ Fahrrad bleibe nach wie vor als Alternative. Es diene jetzt vor allem als Stadtgefährt.

Robert Römer

Mit E-Bikes hat der Kirchhainer Robert Römer eher weniger am Hut. Der 55-Jährige ist ambitionierter Radler. Auf seinem ausschließlich mit den eigenen Beinen angetriebenen Rennrad spult er im Laufe des Jahres bis zu 8 000 Kilometer runter. Für ihn ist fast ganzjährig Saison. Nur bei Eis und Schnee bleibt er zu Hause. Oder wenn er beruflich im Herbst und Winter auf Märkten unterwegs ist. „Dann bin ich im Wohnzimmer täglich eine Stunde auf der Rolle“, sagt er. Ohne entsprechende Fitness reiche es nicht für seine

Touren, die zum Beispiel an den Edersee und in den Vogelsberg sowie in die Alpenregion führen. „Das Radfahren tut mir gut. Ich merke dies im Arbeitsleben. Aber man sollte dabei nicht über das eigene Limit gehen.“ Das Coronavirus spielt ihm und vielen Gleichgesinnten nicht gerade in die Karten. „Denn in der Regel fahre ich Ende Februar/Anfang März mit ein paar Kumpels zum Training nach Mallorca. Daraus ist diesmal nichts geworden.“ Um die Wartung seines Rennrades kümmert er sich meistens selbst. In schwierigen Fällen wendet er sich an die Fachhändler in Kirchhain und Niederwald.

Philipp Pawlik

Auf den dickeren Reifen ist Philipp Pawlik unterwegs. „Ich fahre das ganze Jahr über mit meinem Mountainbike auf vor allem verkehrsarmen Strecken in den Wäldern im Landkreis und darüber hinaus“, sagt der 31-Jährige aus Kirchhain. Eine Kilometerleistung von 5 000 pro Jahr sei der Durchschnitt. „2020 allerdings war ich eine gewisse Zeit krank und hatte auch wegen Corona weniger Gelegenheiten.“

Aber wenn das Wetter jetzt besser wird, geht es wieder los, sagt er. Er fährt gerne auch in Kleingruppen. Die Mountainbiker seien wie eine große Familie. „Wir treffen uns im Wald und fahren dann gemeinsam.“ Auch er hat sich ein gewisses technisches Wissen und Fertigkeiten angeeignet, sodass er den Fahrrad-Check überwiegend selbst leisten kann. „Aber wenn es Probleme gibt, wende ich mich an einen Fachmann.“

Das ist beim Fahrrad-Check zu beachten

Zu Beginn jeder neuen Saison sollten Beschaffenheit und Funktion von Reifen, Lichtanlage, Bremsen überprüft werden. Zunächst steht eine sorgfältige Reinigung des Fahrrades an. Grober Dreck kann mit einer harten Bürste entfernt werden, ehe ein mildes Reinigungsmittel (es gibt auch spezielle Fahrradreiniger) aufgetragen und nach einer gewissen Einwirkzeit abgewischt wird. Gegebenenfalls sollte man mit einer Spül- oder Zahnbürste den hartnäckigen Schmutz entfernen.

Zur weiteren Bearbeitung sollte das Fahrrad gut abgetrocknet sein. Die Zwischenräume der Kette können mit Bürste oder Pinsel gereinigt werden, ehe die Kette selbst mit Kettenöl gefettet wird. Überschüssiges Öl sollte man mit einem Tuch entfernen.

Auch die Kettenschaltung sollte gereinigt und gefettet werden. Eine Überprüfung des Schaltsystems ist anzuraten. Wenn die Schaltung stark verzögert, ist es ratsam, einen Fachmann zu Rate zu ziehen. Vor der ersten Ausfahrt sind unbedingt die Bremsen auf Funktion zu überprüfen. Sollten sie erst verzögert greifen, sind vermutlich die Bremsbeläge verschlissen. Diese müssten dann erneuert werden.

Die Reifen müssen den ausgewiesen Druck haben. Andernfalls ist Luft nachzufüllen. Sind die Reifen beschädigt, rissig oder porös, sollten sie ersetzt werden. Die Speichen sollen fest sitzen und nicht verbogen sein.

Alle Schrauben sollten auf festen Sitz überprüft werden, vor allem bei Sattel, Lenker, Kettenblättern und Kurbeln. Klingel, Luftpumpe und Beleuchtung sollten einsatzbereit und funktionsfähig sein. Handliches Fahrradwerkzeug sollte stets mitgeführt werden.

Von Bodo Ganswindt