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Der Franzose aus der Kittmühle
Der Franzose aus der Kittmühle
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16:58 15.06.2021
Michel Costi steht am Vereinsgelände des FC Kombach, für den er sich im Vorstand engagiert.
Michel Costi steht am Vereinsgelände des FC Kombach, für den er sich im Vorstand engagiert. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Kombach

Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute (21 Uhr/ZDF) bei der Europameisterschaft den amtierenden Weltmeister Frankreich fordert, dann sitzt auch Michel Costi vor dem Fernseher – auch wenn der in Kombach bei Biedenkopf wohnhafte Franzose gesteht: „Ich bin zwar Fußballfan, diese EM interessiert mich aber nicht so sehr.“ Nicht nur, weil die Stadien wegen der Corona-Pandemie nicht ausgelastet sind, deshalb das gewisse Flair fehle, auch sind ihm die französischen Spieler zu selbstsicher, was die eigene Stärke angeht.

„Frankreich ist für mich einer der Favoriten, nicht der Topfavorit“, sagt der Vater von drei erwachsenen Kindern, „Belgien, Portugal oder England gehören für mich ebenfalls dazu. Deutschland nicht unbedingt – wobei die Deutschen bei Turnieren stark sind und sich steigern können.“ Dass der 74-Jährige der Équipe Tricolore die Daumen drückt – „darüber gibt es keine Diskussion“, sagt Costi augenzwinkernd und tippt auf einen 3:1-Sieg der Franzosen. Dabei lebt der Rentner weitaus länger hierzulande als in seiner Heimat, was angesichts seiner Familiengeschichte durchaus besonders ist.

„Mein Vater war zu jung für den Krieg“, fängt Costi an zu erzählen, „hat sich dann 1940 bei den Widerstandskräften gemeldet. An der spanischen Grenze wurde er sofort erwischt, woraufhin er für zweieinhalb Jahre ins Konzentrationslager Oranienburg kam“, erzählt er weiter. Im Zuge der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich Anfang der 1960er-Jahre ermöglichte sein Vater – bei allem zuvor erfahrenen Leid – Michel Costi die Teilnahme an einem deutsch-französischen Schüleraustausch. „Dabei kam ich 1963 zufällig nach Marburg und habe Deutsch gelernt.“ Dies öffnete dem aus Épinal in den Vogesen stammenden Costi berufliche Türen. Für einen französischen Chemiekonzern arbeitete Costi, damals 27 Jahre alt, in Frankfurt – ab Juni 1974, kurz vor dem Start der Heim-WM.

„Bei der berühmten Wasserschlacht von Frankfurt (Zwischenrundenspiel Deutschland – Polen, Anmerkung der Redaktion) war ich mittendrin, was ein Riesenerlebnis war, weil es Spiele vor so vielen Zuschauern nicht gab in Frankreich“, erzählt Costi, der in seiner Heimat zwei Jahre in der vierten Liga gespielt hatte und sich zunächst einem Frankfurter Verein anschloss.

„Das war aber grauenhaft, weil wir auf Ascheplätzen spielen mussten. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass so etwas existiert“, erzählt Costi mit seiner charmant trocken-humorigen Art. Dank seines Vornamens und seiner Freistoßtechnik verdiente er sich bei Mitspielern schnell den Spitznamen „Platini“.

Auch wenn Costi schon weitaus länger in Deutschland lebt als in Frankreich, fühlt er sich eher als Franzose – „aber komplett integriert“, betont der 74-Jährige. Verwundern mag dies nicht. Mit Frau Sabine ist er inzwischen im Besitz der Kittmühle in Kombach, mit anderen Rentnern des Dorfes spielt er regelmäßig die in Frankreich weit verbreitete Kugelsportart Boule – und er ist rege im Vereinsleben aktiv.

Im Vorstand des FC Kombach kümmert er sich um Kommunikation, Sponsoring und Marketing, für die Dorfgemeinschaft um die Medienarbeit. „Die Leute hier haben mich davon überzeugt, dass ich Platt lernen sollte“, erzählt Costi, der mit seinem eigenen kleinen Gewerbe Internetseiten gestaltet, bei aller Integration dennoch feststellt: „Man bleibt schon ein bisschen der Exot.“ Die deutsche Staatsbürgerschaft will er dennoch nicht beantragen. „Du kannst deine Wurzeln nicht einfach vergessen“, sagt der Fußballfan, der seit Renteneintritt 2002 im Hinterland lebt und den es immer wieder nach Frankreich zieht, um Familie zu besuchen und um einzukaufen.

Für die EM hat Costi einen großen Wunsch: dass sich Les Bleus und die DFB-Elf im Finale wiedersehen. Dann nämlich „würden wir wohl eine Riesenfeier organisieren“, erzählt Costi. „Seit Jahren warte ich darauf, dass wir bei mir in der Mühle eine Feier im Freien mit 50 Leuten, zur Hälfte Franzosen, zur Hälfte Deutsche, machen können.“ Denn bei allem Mitfiebern und Daumen drücken, bei aller sportlichen Konkurrenz ist Costi vor allem eines wichtig: die deutsch-französische Freundschaft, für die seine Lebensgeschichte exemplarisch steht.

Von Marcello Di Cicco