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Lokalsport Vom Grillmeister zum Vorsitzenden
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00:16 25.12.2018
Matthias Bingel ist der Vorsitzende der Rugby-Union Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Wir nehmen ­jeden“, sagt Matthias Bingel. Der Satz des Vorsitzenden der Rugby-Union Marburg (RUM) mutet beim ersten Lesen vielleicht etwas verzweifelt an. So aber ist das ganz und gar nicht gemeint. Vielmehr erklärt die Aussage, warum Bingel dem Sport mit dem eiförmigen Spielgerät verfallen ist. Denn ob groß, klein, dick oder dünn – wo beim Fußball ausgesiebt wird, findet sich im Rugby für jeden Typen eine Position, auf der er der Mannschaft helfen kann. „Bei uns sind alle willkommen, egal wie sie aussehen.“

Matthias Bingel weiß, wovon er da redet. Denn als er mit dem knallharten Vollkontaktsport begann, brachte er schwankende 140 bis 150 Kilogramm auf die Waage – bei 1,72 Meter Körpergröße. „Ich war ein propper Kerlchen“, sagt der ­52-Jährige, der im Vergleich zu seinen „besten“ Zeiten mehr als 60 Kilo ­abgespeckt hat. Gebrechen habe er zwar keine gehabt. „Aber ich konnte auch keine 80 Minuten durchhalten.“

Hintergrund

Rugby boomt in Deutschland. Die knapp verpasste WM-Qualifikation wurde bei Pro7 Maxx im frei empfangbaren Fernsehen übertragen. „Wir ­haben dadurch zwei Interessierte ins Training bekommen“, sagt Matthias Bingel, der Vorsitzender der Rugby-Union Marburg.

160 Mitglieder hat die RUM. Die Männermannschaft wird trainiert vom Frankfurter Bundesligaspieler Turgay Tokyay und spielt 15er-Rugby in der Regionalliga Hessen, die Frauen spielen das olympische 7er-Rugby in der Regionalliga Südwest. Zudem hat der Verein Jugendteams in den Alters­klassen U 10, U 12 und U 14. Die Kleinsten in der U 8 spielen Fünf gegen Fünf ohne Tacklings.

Die Wintertrainingszeiten sind: montags (21 Uhr) in der Halle der Sophie-von-Brabant-Schule (Uferstraße), dienstags (20 Uhr) auf dem Kunstrasenplatz des Georg-Gaßmann-Stadions und freitags (20 Uhr) im Georg-Gaßmann-Stadion (Käfig)

Im Gedränge, diesem rugbytypischen Menschenknäuel, setzte er Anfang des Jahrtausends seine Pfunde aber gewinnbringend für sein Team ein. Sein Team, das ist die Rugby-Union Marburg. Seit 2001, als ihn der damalige Vereinsvorsitzende Hans-Jürgen Heck mal zu einem Besuch eines RUM-Spiels überredet hatte. „Zu der Zeit dachte ich noch, dass Rugby und Football das Gleiche ist“, gesteht Bingel.

Es dauerte noch einige Zeit, bis er den Unterschied herausfinden sollte. Denn vom besagten Spiel sah der ­gebürtige Bortshäuser, der seit 25 Jahren in Oberweimar wohnt, nicht viel. „Da stand ein Grill, es ­lagen Würstchen drauf – aber da war keiner.“ Während sich also der Grillmeister lieber Rugby ansah als seiner Aufgabe nachzugehen, stellte sich Matthias Bingel kurzerhand hinter den Rost und verkaufte die Snacks an hungrige Zuschauer. Es war sozusagen ein Vorgriff auf sein späteres zweites berufliches Standbein. Denn Matthias Bingel arbeitet nicht nur als Lkw-
Fahrer bei der Firma Holz-Jung in Kirchhain, sondern wirft im großen Stil auf Hochzeiten, Unternehmensfeiern oder anderen Events als „BBQ XXL“ den Grill an. Am Afföller konnte er dafür üben – zwei Wochen später beim nächsten Heimspiel wiederholte sich das ­Szenario nämlich nochmals. „Ich bin mir nicht zu schade dafür“, sagt ­Bingel, der gerne anpackt.

Wandern, singen, tanzen und Feuer löschen

Er macht das tatsächlich gerne, es ist keine lästige Pflicht für ihn. „Ich bin ein Vereinsmensch. Das liegt mir.“ Und er ist sehr rührig in Oberweimar. Ob bei der Freiwilligen Feuerwehr, beim Wanderklub, beim Singkreis oder bei der Volkstanzgruppe, die derzeit ruht – Matthias Bingel mischt mit, teilweise im Vorstand. Wie eben schon seit 15 Jahren bei der RUM. Dort musste er noch mehr schultern, als der Sportliche Leiter Harald Kühn Anfang des Jahres starb und eine große Lücke hinterließ. Sie haben es gewuppt bei der RUM und einen neuen Vorstand zusammengestellt unter Bingels Vorsitz. Das macht er inzwischen schon seit acht Jahren. Ihm geben die ehrenamtlichen Tätigkeiten auch viel zurück. Gerade bei der Rugby-Union. Nach den ersten Wochen des Brutzelns wendete er nicht mehr nur Würstchen. Er schaute auch nicht nur einfach bei den Spielen zu. Matthias Bingel trainierte tatsächlich mit. „Ich hatte überall Muskelkater“, erinnert er sich.

Und dann kam schon bald die Weihnachtsfeier, zu der der Neuling eingeladen wurde, inklusive Preisverleihung für die Verdienste der Saison. Überraschend für ihn wurde auch er selbst aufge­rufen. „Ich habe eine goldene Grillzange erhalten“, lacht er. Noch überraschender: Er wurde eingeladen zur Vereinsfahrt 2002 nach Irland. „Ich dachte:

Was ist denn das für ein geiler Verein?!?“ Das Hotel bezahlte er trotz der Einladung lieber selbst, er wollte den Studenten nicht zumuten, für ihn zu blechen. Immerhin war er schon Mitte 30 und berufstätig. „Aber daran merkt man, mit wie viel Herzblut die Spieler dabei sind. Da habe ich das lieben gelernt. Ich bin dankbar, in dem Verein zu sein“, schwärmt Bingel.

Gänsehaut bei der schottischen Nationalhymne

So sehr er Fan von der RUM ist, so sehr ist er auch Fan des britischen Rugbys. Allerdings schlägt sein Herz nicht so sehr für Irland, sondern vielmehr für Schottland. Einmal im Jahr fährt er mit seiner Clique nach Edinburgh. Dann schauen sie sich im Murrayfield Stadium die Nationalmannschaft an. „Da ­sitzen alle Fans zusammen, 64 000 Leute. Ich habe da noch nie Gewalt erlebt. Wenn Irland einen Versuch legt, applaudieren alle“, beschreibt Bingel den Fairplay-Charakter, der ihn am Rugby so fasziniert. „Da sollten sich andere Sportarten mal eine Scheibe von abschneiden.“ Außerdem sei „die Atmosphäre gigantisch“, führt er aus. „Wenn die auf Dudelsäcken die Nationalhymne spielen, kriegt man ’ne Gänsehaut.“

Mit dem Beginn seiner Rugby-Zeit hörte der damals schwer­gewichtige Sportler mit dem Motorsport auf. Vorher fuhr er nämlich Motocross-Seitenwagenrennen für den MSV Lahnberge in Wolfshausen. „Die Verletzungsgefahr war mir zu groß“, sagt Bingel, der verheiratet ist und zwei Kinder hat.

Erfolg durch eine Therapie und eine Magen-Operation

Und doch war es eine Verletzung, die ihn ausbremste. 2007 war es, ein Spiel gegen den SC Frankfurt 1880. Ein Hüne, ­„gefühlte drei Meter“, ­überrollte Bingel wie eine Dampfwalze. Die Folge war unter anderem ­eine Schulterverletzung und der Entschluss: „Ich höre auf.“

Hinzu kam ein Problem, das er endlich in den Griff bekommen wollte. „Ich war fresssüchtig“, sagt Bingel schonungslos offen. „Man stopft Sachen in sich rein und merkt es gar nicht.“ In einer Therapieklinik für ­Essgestörte, wo überwiegend ­Bulimiekranke waren, lernte er, was es heißt, sich gesund zu ernähren. Zudem ließ er sich im Jahr 2009 den Magen entfernen – und fing nach ein paar Wochen an zu trainieren. „Alle haben gesagt: ‚Fahr lieber Rad.‘ Aber Laufen hat mir den Kick gegeben“, erzählt Bingel.

Nur ein halbes Jahr später – er hatte schon 40 Kilogramm abgenommen – nahm er den Frühjahrslauf des USC Marburg an der Steinmühle in Angriff. Die 10-Kilometer-Distanz wollte er schaffen. „Megastolz“ erreichte er das Ziel. In weniger als einer Stunde, wie ihm seine Frau signalisierte. Doch damit war der ehrgeizige Bingel noch nicht zufrieden. „Ich habe zu ihr gesagt: Ich laufe weiter.“ Am Ende hatte er den Halbmarathon bewältigt. „Weil ich das wollte“, sagt Bingel.

Das Laufen hat er aufgegeben. Wegen der beiden Jobs und wegen einer Knöchelverletzung, die operiert werden muss. Nach der OP will er aber wieder anfangen, auch mit Rugby. Ganz so knallhart soll es dann nicht mehr zugehen. Bingel will sich den „Bembelschwenkern“ anschließen, einem Ü 35-Team aus Frankfurt. Der RUM wird er selbstverständlich trotzdem die Treue halten. Und wahrscheinlich auch als Spieler aushelfen, wenn Not am Mann sein sollte.

von Holger Schmidt