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In diesem Spiel schlägt sein Herz nicht für Deutschland
In diesem Spiel schlägt sein Herz nicht für Deutschland
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14:58 29.06.2021
Der Engländer Mark Parsons, Jugendtrainer beim JFV Ebsdorfergrund, auf dem Sportplatz in Ebsdorf.
Der Engländer Mark Parsons, Jugendtrainer beim JFV Ebsdorfergrund, auf dem Sportplatz in Ebsdorf. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Er glaubt daran. „Engländer glauben immer daran“, sagt Mark Parsons. Daran, dass die Nationalmannschaft, dass die Three Lions nach 1966 wieder einen Titel gewinnen. „Zum Fußball gehört immer die Hoffnung“, sagt der 59-Jährige, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Deutschland lebt, der in Cölbe sein Zuhause gefunden hat. Favorit aber, nein, Favorit ist die Mannschaft von Gareth Southgate für ihn nicht. Auf seinem Zettel stehen die Italiener ganz oben. Aber die Hoffnung auf den großen Wurf, die hat er. Dafür müssten die Briten aber am Dienstagabend zunächst die deutsche Mannschaft aus dem Turnier werfen.

In Wembley, an dem Ort, wenn auch nicht mehr in dem Stadion, in dem England vor 55 Jahren – auch dank eines Tores, das keines war – mit 4:2 nach Verlängerung gegen Helmut Schöns Mannschaft triumphierte, wird um 18 Uhr der Anpfiff ertönen. „Für uns Engländer sind die Spiele gegen Deutschland die größten“, sagt Parsons in Anbetracht der Historie mit legendären Begegnungen. Ans Finale im Jahr 1966, damals war er vier, „habe ich leider keine eigenen Erinnerungen“, erzählt er, wohl aber an die WM 1970, ans Viertelfinale. „Ich glaube, England hat 2:0 geführt, Deutschland ist aber zurückgekommen und hat nach Verlängerung gewonnen“, sagt er, liegt damit genau richtig: Gerd Müller erzielte das entscheidende Tor.

Trainer der Juniorinnen

1994 kam Parsons, der aus Ilfracombe an der Südwestküste Englands stammt, nach Deutschland, arbeitete für die Europäische Raumfahrtbehörde ESA in Darmstadt. Er blieb nach einem Jobwechsel im Land, heiratete eine Deutsche, wurde Vater einer Tochter. Zoe ist inzwischen 22, kickt in der 2. Bundesliga. Ihr Dad hatte auf der Insel in der „Sunday League“ gespielt, „nur zum Spaß“. Auf dem Fußballplatz steht er noch immer regelmäßig: Gemeinsam mit Solveig Freitag-Sachwitz trainiert er die Juniorinnen des JFV Ebsdorfergrund. „Ein tolles Team“, sagt er über die Mannschaft, die in der Hessenliga mit Teams wie Eintracht Frankfurt auf einem Niveau spielt.

Ein Stück weit fühlt er sich mittlerweile deutsch. Am Dienstagabend jedoch, das macht er deutlich, ist er nur Engländer, schlägt sein Herz für Harry Kane und Co. Der Spurs-Fan hofft, dass beim Tottenham-Angreifer der Knoten platzt. „Bisher ist er nicht so richtig präsent, nicht richtig im Spiel. Aber das ist bei den Spurs auch manchmal so, und dann macht er im nächsten Spiel zwei oder drei Tore.“ Die Mannschaft hat überhaupt erst zwei Treffer erzielt, Kroatien und Tschechien jeweils mit 1:0 besiegt, dazwischen 0:0 im Prestigeduell gegen Schottland gespielt. „Ich habe den Eindruck, die Leidenschaft hat bisher gefehlt, bei den Deutschen aber auch.“ Am Dienstagabend, meint Parsons, dürfte es daran nicht mangeln: „Bei diesem Spiel wird jeder voll motiviert sein.“

So wie es 1996 war, beim bislang letzten Aufeinandertreffen der Nationalteams in einem K.-o.-Spiel bei einer EM. Alan Shearer hatte die Gastgeber in Wembley ganz früh in Führung gebracht, Stefan Kuntz nach einer Viertelstunde ausgeglichen. „Hätte Paul Gascoigne zwei Zentimeter längere Beine gehabt, hätte England vielleicht gewonnen“, hat Parsons eine Großchance vor Augen. Im Elfmeterschießen des Halbfinals vergab dann der heutige Nationaltrainer Southgate, ehe Andreas Möller verwandelte. England war raus, Deutschland bezwang anschließend auch Tschechien, holte den Titel. Er habe gehört, sagt Parsons, „dass seitdem im Training der englischen Mannschaft Elfmeter geübt werden“. Ob das im Ernstfall etwas nutzt? Da ist er skeptisch: „Ich glaube, es wird ein enges Spiel. Vielleicht geht es in die Verlängerung, aber bitte nicht ins Elfmeterschießen. Wenn das passiert, wissen wir alle, wie es ausgeht.“

Von Stefan Weisbrod