Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
2.069 Kilometer in einem Monat – zu Fuß!
2.069 Kilometer in einem Monat – zu Fuß!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:48 13.06.2021
Auf den letzten Metern mit Begleitung: Mario Euker hat im Mai mehr als 2 000 Kilometer zurückgelegt – zu Fuß.
Auf den letzten Metern mit Begleitung: Mario Euker hat im Mai mehr als 2 000 Kilometer zurückgelegt – zu Fuß. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Wittelsberg

42,195 Kilometer – das ist die Distanz eines normalen Marathons, wie ihn die allermeisten Menschen nie in ihrem Leben absolvieren. Mario Euker hat gut 49 Marathon-Distanzen zurückgelegt. Und das nicht in seinem bisherigen Sportlerleben, auch nicht in einem Jahr – sondern allein im Mai. 2.069 Kilometer ist der Wittelsberger im vergangenen Monat zu Fuß unterwegs gewesen, überwiegend im Laufschritt, nur einen kleinen Teil davon im schnellen Gang. Und eigentlich, erzählt er im Gespräch mit der OP, „hätte ich auch weitermachen können“.

Er meint damit, dass er sich körperlich richtig gut fühlte – trotz der mehr als zwei Millionen Meter in den Beinen. Vorher, auch am Anfang seines „Herzlaufs“ – seine Strecke durch Deutschland erinnert von oben betrachtet an ein Herz – habe er sich „den Sommer als Poolparty vorgestellt, bei der ich nur noch abhänge und mich möglichst wenig bewege“, sagt er und lacht.

Mario Euker hat's geschafft. Quelle: Nadine Weigel

Dass es dazu nicht kommen würde, war ihm klar – es wäre auch gefährlich geworden, „von hundert auf null“ zu gehen. „Ich fahre jetzt jeden Tag die Herzfrequenz hoch, am besten geht das mit Schwimmen“, erzählt der 42-Jährige. Dazu kommt gezieltes Training für die Muskelpartien, die bei seinem rekordverdächtigen Lauf nicht oder nur wenig beansprucht wurden – zum Beispiel: „Ich habe mir quasi meinen Hintern weggelaufen, ich muss die Po-Muskulatur erst wieder aufbauen.“

Probleme zu Beginn, dann im „regelrechten Flow“

Am 1. Mai war Euker in Wittelsberg, wo er mit seiner Frau und seinen Kindern wohnt, in sein Abenteuer gestartet. Am zweiten Tag hatte er erste Probleme: Seine Route nach Soest führte ihn über Stock und Stein, dabei ging es auch noch bergab. Das linke Knie wurde dick. Er ging unbeabsichtigt in eine Schonhaltung, verursachte damit neue Probleme, sein Schienbein entzündete sich. Eine Behandlung brachte teilweise Besserung, doch nun war Wasser in den Beinen. Mit seinen Füßen kam er kaum mehr in die Schuhe. Er nahm Kontakt zu seinem Heilpraktiker Martin Müller auf, ließ sich eine Tape-Technik erklären, die zum Abfluss des Wassers durch die Bewegung führen sollte – es klappte.

Am zehnten Tag jedoch stellte dann sein Körper „komplett auf null“. Er legte einen Ruhetag ein, es sollte der einzige bleiben. Aufzugeben war für ihn kein Thema – nicht nur, aber auch weil er viel Zuspruch bekam: von Personen, die er zufällig traf, von Verwandten und Bekannten, die ihn kontaktierten, auch von Sportprofis wie Jan Fitschen und Ruben Welsch.

„Einfach laufen“ Podcast

Fitschen, 10.000-Meter-Europameister von 2006, unterhielt sich gleich zweimal für seinen Podcast „Einfach laufen“ mit dem Wittelsberger über dessen Projekt, der zweite Teil wird an diesem Samstag veröffentlicht. Ultra-Läufer Welsch drückte nicht nur seinen Respekt aus, sondern bot auch eine Spende an. „Das hat mich stolz gemacht“, sagt Euker.

Sein „Herz-“ wurde für ihn zunehmend zum „Genusslauf“, er kam in einen „regelrechten Flow“, erzählt er. Seinen „Chari“ getauften Babyjogger, in dem er Proviant und anderes Material transportierte, schob er durch den Osten Deutschlands, dann in Richtung Süden, genoss die Landschaft – anders als zu Beginn: „Als alles wehgetan hatte, habe ich nur auf den Weg geschaut, drumherum kaum etwas wahrgenommen.“

Rund 25.000 Euro sind aktuell auf dem Konto

In und um München, wo er 13 Jahre lang gelebt hatte, fühlte sich der 42-Jährige dann „ein bisschen wie Forrest Gump“. Freunde und Arbeitskollegen begleiteten ihn zu Fuß oder mit dem Fahrrad. „Das war sehr emotional“ – ebenso wie die Rückkehr in die Heimat einige Tage später: „Damit hatte ich absolut nicht gerechnet“, sagt er zum Empfang, die ihm seine Familie und einige Bekannte bereiteten.

2.069 Kilometer bedeuten auch 2.069 Euro, die Euker selbst in seinen Spendentopf gibt – und etwas mehr: Seinen versprochenen Betrag rundet er auf, zudem ergänzt er Einzelspenden, die er unterwegs erhalten hat – etwa von einem Jungen, der fünf Euro seines Taschengelds gab, oder von einer 90-jährigen Dame, die ihm einen 20-Euro-Schein überreichte, nachdem beide ins Gespräch gekommen waren und sich darüber unterhalten hatten, was Euker warum macht. 2.800 Euro kommen von ihm, insgesamt sind inzwischen mehr als 150 Spenden eingegangen, der Kontostand liegt bei rund 25.000 Euro – was kein End-, sondern ein Zwischenstand ist.

Mario Euker hat's geschafft. Quelle: Nadine Weigel

Im Juli will Euker einen „Strich ziehen“, schauen, was zusammengekommen ist, das Geld auf verschiedene Organisationen verteilen, insbesondere solche, die sich um kranke Kinder kümmern, ihnen das Leben schöner machen. Spendenziele sind etwa die Klinikclowns, der Verein „Die Clown Doktoren“, die Deutsche Kinderkrebsstiftung und die Deutsche Kinderhospizstiftung. Wobei sein Projekt auch dann nicht zu Ende sein soll: Er selbst will weiter für jeden Kilometer, den er zurücklegt – egal ob radelnd, schwimmend oder auch beim Fußballtraining –, einen Betrag geben, denkt dabei an zehn Cent. Und er will auch weiterhin Spenden sammeln.

Mehr zum Thema

Im Internet: Wer spenden, Mario Euker erreichen oder nachverfolgen möchte, wo er im Mai unterwegs gewesen ist, findet die Informationen hier.

Von Stefan Weisbrod