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10:58 18.05.2021
Unterwegs in Deutschland: Mario Euker aus Wittelsberg will in gut einem Monat durch die Bundesrepublik laufen, seine Route soll eine Herzform ergeben. Immer dabei hat er „Chari“, einen Babyjogger, in dem er Vorräte und Materialien transportiert.
Unterwegs in Deutschland: Mario Euker aus Wittelsberg will in gut einem Monat durch die Bundesrepublik laufen, seine Route soll eine Herzform ergeben. Immer dabei hat er „Chari“, einen Babyjogger, in dem er Vorräte und Materialien transportiert. Quelle: Fotos: Privatfotos
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Marburg

Inzwischen ist er sich sicher, ziemlich sicher jedenfalls, dass er sein Ziel erreichen wird: „Das Ding wird gefinisht oder mir bricht zwischendurch irgendwo ein Bein“, sagt Mario Euker. Die OP erwischt ihn telefonisch auf einer der Etappen seines Herzlaufes. Ob er sprechen könne? „Kein Problem“, sagt er, „du bist jetzt einfach mein Begleiter.“

Meist ist er allein unterwegs. Wobei das nicht so ganz stimmt: So hatte er hin und wieder jemanden neben sich, etwa einen Freund, der mit ihm von Leer nach Oldenburg lief, oder einen älteren Herrn auf dem Fahrrad, mit dem sich der 42-Jährige aus Wittelsberg unterhielt. Und ansonsten hat er „Chari“ dabei. „Chari“, das ist der Babyjogger des Models Charoit, der Name steht aber auch für „Charity“ – Wohltätigkeit. Denn Mario Euker will nicht nur 2 000 Kilometer, vielleicht sogar mehr zurücklegen: „Ich will etwas Gutes bewirken, das mit einer Herausforderung verbinden, die andere inspirieren und motivieren soll.“ Dafür geht er an seine Grenzen – physisch, auch psychisch, denn immer wieder muss er sich überwinden: „Wenn man mich abends sieht, könnte man glauben, es geht gar nichts mehr. Wenn ich dann am nächsten Morgen wieder in den Schuhen bin ... Siehe da, es geht wieder.“

So startet er fast jeden Tag auf die Strecke, schiebt „Chari“ vor sich her. Der Familienvater transportiert im Babyjogger aber natürlich kein Kind, stattdessen alles, was er für den Tag braucht oder brauchen könnte: etwa Proviant, Tape, ein Erste-Hilfe-Set, Wechselklamotten und Werkzeug, falls mal etwas kaputt geht. Der Wagen hilft ihm auch manches Mal über die letzten Kilometer: „Wenn es später am Tag ist, bekommt er etwas Gewicht auf die Vorderachse, zum Beispiel einen Träger Wasser. Dann hat man eine wunderbare Stütze, um die Beine bisschen zu entspannen.“ Und nicht zuletzt: „Er ist auch ein guter Gesprächspartner. Wir diskutieren, wir singen Lieder“, erzählt Mario Euker und lacht.

Sein Körper zwingt ihn hin und wieder zur Improvisation

Manchmal acht oder neun, manchmal elf oder gar zwölf Stunden ist der 42-Jährige, der in Bauerbach Fußball gespielt hat, seit 2011 Marathons läuft und seit 2014 Triathlons bis hin zur Volldistanz absolviert, zurzeit täglich auf den Beinen. Start war am 1. Mai bei ihm zu Hause im Ebsdorfer Grund, erstes Etappenziel Winterberg. Weiter ging’s in nordnordwestlicher Richtung bis nach Ostfriesland, dann in Richtung Osten. Er hatte vorher ein Herz auf eine Landkarte gemalt, einen groben Plan gemacht, wann er wo sein will – getreu dem Motto „Running a heart through Germany“.

Hin und wieder musste jedoch schon improvisiert werden. Mit einer App plant er seine Wege, hatte darin zunächst den Laufmodus eingestellt – mit der Folge, dass es teilweise über Stock und Stein ging. Inzwischen ist er zum Radmodus gewechselt, dadurch vor allem auf Radwegen und Nebenstraßen unterwegs. Er schont damit seine Fußgelenke, damit seinen gesamten Körper. Einmal hat der ihm dennoch signalisiert, dass er eine Pause braucht: Es war am zehnten Tag, Mitten in Niedersachsen: „Bei Kilometer 54 hat mein Körper komplett auf Null gestellt, alles runtergefahren“, berichtet Mario Euker. „Ich konnte nur noch gehen, mir war wirklich schwindelig.“

Er kontaktierte sein Begleitteam, das ihn 30 Kilometer vor dem geplanten Tagesziel aufsammelte. Freunde und Familienmitglieder, insgesamt sechs Personen, wechseln sich ab, ziehen mit ihren Autos jeweils für ein paar Tage Mario Eukers Wohnwagen, den ihm das Autohaus von Volker Mailand für das Projekt kostenfrei zur Verfügung gestellt hat. Sie kümmern sich auch um die Logistik, organisieren etwa Stellplätze für die Nacht und Verpflegung. Der Läufer ist ihnen sehr dankbar – ebenso wie vielen anderen Menschen, die er unterwegs trifft, die ihn und sein Projekt unterstützen: Verantwortliche von Sportvereinen oder Landwirte, die für die Nacht Strom und einen Platz anbieten, oder Physiotherapeuten, die sich spontan um seine Wehwehchen kümmern.

Mario Euker hatte im Vorfeld seines Laufs die Medien bewusst nicht darüber informiert, was er vorhat. „Es hätte ja sein können, dass ich am zweiten oder dritten Tag merke, dass nichts mehr geht, dass ich es nicht schaffe“, begründet er das – dann hätten besser nicht zu viele von seinem Projekt gewusst. Mittlerweile ist er trotz einiger Probleme, die ihn am zehnten Tag zum Abbruch zwangen, die für einen folgenden Ruhetag sorgten, die am vergangenen Freitag „nur“ eine schnelle Wanderung über 41 Kilometer zuließen, sicher: Er packt es, er hält durch. Am Wochenende, auch gestern, lief es „sehr flüssig“.

Über Medienanfragen freut er sich daher, für den Podcast „Laufen ist einfach“ unterhielt er sich mit Jan Fitschen, 10 000-Meter-Europameister von 2006, berichtete von seinem Projekt. „Wenn auch ein Fernsehsender berichten möchte, würde ich mir ein Loch in den Bauch freuen“, sagt er. „Wenn das aber nicht passiert, macht es auch absolut nichts, denn der Zuspruch, der jetzt schon da ist, ist gigantisch.“

Eine 90-Jährige gibt 20 Euro, ein Junge sein Taschengeld

Sollte sein Lauf niemanden interessieren, hatte er sich vorher gedacht, „bin ich eben einmal durch Deutschland gelaufen und spende für jeden Kilometer einen Euro. Und wenn es jemanden interessiert, dann: herzlich willkommen.“ Ganz offenbar interessiert es viele: „Ich stehe inzwischen bei etwa zehn Euro pro Kilometer. Das kann was richtig Großes werden, wenn es noch ein paar Leute anspricht.“ Bei inzwischen rund 1 100 Kilometern, die er hinter sich gebracht hat, ist ein fünfstelliger Betrag schon jetzt sicher.

Hinzu kommen Einzelspenden, etwa eine von einem kleinen Jungen, der fünf Euro von seinem Taschengeld gab, oder einer 90-jährigen Dame, die ihn beim Laufen sah, ansprach und schließlich einen 20-Euro-Schein überreichte. „Wenn ich daran denke, kommen mir fast die Tränen“, sagt Mario Euker im Gespräch mit der OP. Er fühlt sich durch solche Erlebnisse zusätzlich motiviert, ebenso durch zahlreiche Nachrichten, die ihn erreichen. „Das ist überwältigend.“

Gestern, an Tag 17, hat er das thüringische Bad Köstritz erreicht. 15 Etappen, so der aktuelle Plan, sollen noch folgen. Weiter geht’s in Richtung Süden bis München, wo der aus Ginseldorf stammende Wittelsberger 14 Jahre lang gelebt hat, wo er viele Leute kennt. Anschließend soll der Weg mehr oder weniger direkt zurück nach Oberhessen führen – und für Anfang Juni ist die Abrechnung geplant: Wie viele Kilometer sind es tatsächlich geworden? Welche Summe ist zusammengekommen? Das Geld sollen vor allem Organisatoren erhalten, die sich um kranke Kinder kümmern, ihnen das Leben schöner machen – die Klinikclowns, der Verein „Die Clown Doktoren“, die Deutsche Kinderkrebsstiftung und die Deutsche Kinderhospizstiftung. „Falls jemand weitere Ideen für Spendenziele hat“, sagt Mario Euker, „kann man mir gern schreiben.“

Im Internet: Wer spenden, Mario Euker erreichen oder verfolgen möchte, wo er gerade unterwegs ist, findet unter der Adresse www.mariosherzlauf.de die entsprechenden Informationen.

Von Stefan Weisbrod