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Lokalsport Annika Striepecke trifft auch in England
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16:59 02.11.2019
Der geht rein: Annika Striepecke erzielt im Spiel gegen Cheltenham Town ihr erstes Tor im Trikot des Maidenhead United FC. Die 19-Jährige aus Wehrda lebt seit August in England, wo sie als Au-pair drei Jungen betreut – und Fußball spielt. Quelle: Joachim Striepecke
Maidenhead

Ohne Fußball geht es für Annika Striepecke nicht. Für sie stand fest: Wenn sie ins Ausland geht, dann nur, wenn sie dort auch spielen kann.

Im britischen Maidenhead passt für die ehemalige U-17-Bundesliga-Spielerin alles. Sie fühlt sich wohl auf der Insel.

Annika Striepecke aus Wehrda lebt und arbeitet seit August in Maidenhead. Dort will die 19-Jährige insgesamt elf Monate bleiben, Sprache und Kultur noch besser kennenlernen und – natürlich – Fußball spielen.

Der Sport hat für sie seit der Kindheit einen hohen Stellenwert, deshalb war für sie auch eines unverhandelbar: „Ich wollte gern für einige Zeit ins Ausland gehen, aber nur an einen Ort, wo es eine Mannschaft für mich gibt.“

Niveau ähnlich wie in der Hessenliga

In der 70.000-Einwohner-Stadt, rund 40 Kilometer westlich von London gelegen, gibt es sie. Das Frauenteam des Maidenhead Unit­ed Football Club spielt in der National League South West Division One. In England ist das die vierthöchste Spielklasse, ebenso wie die Hessenliga in Deutschland, in der Striepecke ab 2017 für die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg am Ball war. Nicht nur nominell ist das Niveau ähnlich: „Beide Mannschaften sind etwa gleichstark“, schätzt sie ein.

Wobei sich das Spiel doch ein Stück weit unterscheide: „In Marburg haben wir überwiegend kurze Pässe gespielt, hier wird eher mit langen Bällen agiert.“ Sie selbst wird etwas offensiver eingesetzt: In Marburg spielte sie auf der „Sechs“, also im defensiven Mittelfeld. „Hier bin ich ,Achter‘“, berichtet sie, spielt also im zentralen Mittelfeld, ist noch mehr als Gestalterin eingebunden, soll aber auch ihre Torgefährlichkeit unter Beweis stellen.

Im Team „sofort super aufgenommen“

Hat sie auch schon getan: Ende September traf sie mit einem satten Schuss zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung ihres Teams gegen Cheltenham Town. „Das war natürlich eine schöne Sache. Lieber wär’s mir aber gewesen, wir hätten gewonnen“, sagt sie mit Blick aufs Endergebnis: Maidenhead verlor mit 2:3. Insgesamt laufe die Saison bislang „ganz okay“. Das Team, in dem sie „sofort super aufgenommen“ wurde, steht im Mittelfeld der Tabelle.

Der Stellenwert des Fußballs der Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung sei in England „ein ganz anderer“, sagt Striepecke nicht nur mit Blick auf die nationale Topliga, sondern auch im Hinblick auf das Nationalteam. Dessen Testspiel am 9. November gegen Deutschland findet in Wembley, im größten Stadion des Landes, statt und ist mit 90.000 Zuschauern längst ausverkauft – in Deutschland wäre das derzeit undenkbar. Striepecke wird die Partie wohl vor dem Fernseher verfolgen. „Ich wäre natürlich lieber live im Stadion dabei. Aber ich war einfach zu spät dran, es gab keine Karten mehr“, erzählt sie.

Brexit ist nicht das große Thema

Im Madejski-Stadium im nahegelegenen Reading ist sie hingegen bereits gewesen, hat sich dort Zweitliga-Spiele der Männer angesehen. Auch Partien in der Premier League will der Fan des 1. FC Köln „auf jeden Fall“ besuchen: „London ist nicht weit weg, dort gibt es ja einige Clubs. Bestimmt ergibt sich mal eine Gelegenheit.“

Die Zeit muss es zulassen, denn hauptsächlich ist die 19-Jährige nicht wegen des Fußballs, sondern als Au-pair im Vereinigten Königreich. Dort will sie bis zum Sommer 2020 leben und hofft, dass ein Brexit – wenn er denn kommt – keine Auswirkungen auf sie hat: „Ob ich dann bleiben dürfte weiß niemand.“ Viele Gedanken macht sie sich darüber nicht: „Ich konzentriere mich auf andere Sachen.“

„Später gern mit Kindern arbeiten“

In ihrer Gastfamilie kümmert sie sich um drei Jungen – drei, sieben und zehn Jahre alt –, was ihr „sehr viel Freude“ bereitet. Zugleich ist es ein Stück weit Berufsorientierung: Striepecke, die bis zum vergangenen Jahr die Kaufmännischen Schulen in Marburg besucht und anschließend ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hatte, will nach ihrer Auslandszeit ein Kindheitspädagogik-Studium beginnen. „So jedenfalls ist der aktuelle Plan“, sagt sie und bleibt nach ihren bisherigen Au-pair-Erfahrungen dabei: „Ich möchte später gern mit Kindern arbeiten.“

Fußball will sie auch dann weiterhin spielen – mit gewissem Leistungsanspruch, aber dennoch nur als Hobby. Sie hat ihr früheres Ziel, es in die Frauen-Bundesliga zu schaffen, abgehakt: „Dafür reicht es nicht“, sagt Striepecke, die in der Saison 2015/2016 fürs U-17-Team des FSV Hessen Wetzlar in der höchsten Spielklasse aktiv war. „Ich bin zufrieden, auf dem jetzigen Niveau zu spielen“, betont sie, „das macht mir viel Spaß. Das ist für mich das Wichtigste.“

von Stefan Weisbrod