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Lokalsport Christian Schwarz will gegen die Besten spielen
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12:52 17.04.2021
Christian Schwarz auf dem Golfplatz des Oberhessischen Golf-Clubs.
Christian Schwarz auf dem Golfplatz des Oberhessischen Golf-Clubs. Quelle: Foto: Stefan Weisbrod
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Bernsdorf

Hier fühlt sich Christian Schwarz wohl. Der 28-Jährige steht am Rande des Golfplatzes nahe dem kleinen Cölber Ortsteil Bernsdorf, blickt auf ganz viel Grün. Vor 25 Jahren hatte er erstmals einen Schläger in der Hand, hat als kleines Kind die ersten Bälle eingelocht – hier auf der Anlage des Oberhessischen Golf-Clubs Marburg, dessen Präsident einst sein Großvater Hermann-Heinz war, dem heute sein Vater Michael vorsteht. Der Sport wurde ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Das Talent womöglich auch. Es ist aber ganz viel Übung, es ist ganz viel Training, das ihn so weit gebracht hat, wie er jetzt ist - das ihn vor allem so weit bringen soll, wie er es schaffen will: auf die höchste europäische Tour.

Christian Schwarz macht etwas, was er selbst als Versuch ansieht: Der Marburger, der mit seiner Frau Isabelle und der einjährigen Tochter Lynn in Dagobertshausen lebt, will sich als Golfprofi etablieren. Er hätte als Teenager in die USA gehen, dort spielen können, doch er wollte lieber in der Heimat sein Abitur machen. Er hätte für andere Clubs in der Bundesliga antreten können, bekam attraktive Angebote, blieb aber seinem Heimatverein treu, war für ihn in unteren Klassen aktiv. Jetzt hat er einen „Schubs“ erhalten – von seiner Frau. „Wenn du es nicht zumindest versuchst“, hatte sie ihm gesagt, „wirst du es mit 60 vielleicht bereuen.“ Und eigentlich wollte er es ja schon, spielte schon länger mit dem Gedanken - jetzt will er es ganz sicher. Und deshalb meldete er sich im Vorjahr für eine sogenannte Qualifying School in Paderborn an. Er schlug, chippte und puttete sich unter die Top 20, in die höchste Kategorie. Sein Startrecht für die Pro Golf Tour hatte er damit in der Tasche. Ende April will er im österreichischen Haugschlag sein erstes Turnier auf der dritthöchsten europäischen Ebene bestreiten, freut sich riesig darauf.

Das meiste hat er sich selbst beigebracht

Er sei ein „Gefühlsspieler“, sagt Christian Schwarz über sich selbst. „Ich habe mich immer schwer damit getan, mich auf Golflehrer einzulassen.“ So habe er sich 95 Prozent dessen, was er kann, selbst beigebracht. Als Amateur hat er herausgeragt, gewann in den vergangenen Jahren regelmäßig die Clubmeisterschaft. Aber den Amateurstatus hat er jetzt abgelegt. Auf internationaler Ebene, weiß er, muss alles stimmen, geht es um Kleinigkeiten. In Björn Heyde gibt es einen neuen Golftrainer im Marburger Club, mit ihm will Christian Schwarz zusammenarbeiten. „Ich sehe ihn nicht als Trainer, der mir etwas beibringen soll. Ich sehe ihn eher als Coach, der mich auch auf kleine Fehler hinweisen soll.“ Und: „Golf ist auch Kopfsache. Er ist jemand, der sich auch mit der Psyche auseinandersetzt.“ Was das letztlich bringt? Der Neu-Profi ist selbst gespannt.

Vergleichsweise großes Verbesserungspotenzial sieht er beim Putten - dem Schlag auf dem Grün, bei dem der Ball nicht fliegt, sondern nur rollt, idealerweise ins Loch. Daran will er gezielt arbeiten. Es geht darum, den Schlag gedanklich zu visualisieren, erklärt er, Gefälle auf verschiedenen Oberflächen zu erkennen und darauf zu reagieren. Zu seinen Stärken zählt, dass er den Ball extrem weit schlagen kann. Auf mittleren Distanzen um die 100 Meter ist er hingegen „nicht der Beste“, sagt er. „Ich bin aber jemand, der Fehler relativ gut korrigieren kann“ – in der Fachsprache wird das „Scrambling“ genannt. Wo er mit seinen Fähigkeiten im Vergleich zu den anderen Spielern auf der Pro Golf Tour steht, ist für ihn schwer einschätzbar. Das erste soll für ihn vor allem ein „Kennenlernjahr“ sein, in dem er lernen, sich weiter verbessern möchte - wenngleich er „natürlich so erfolgreich wie es geht“ spielen, möglichst immer unter die besten 40 kommen will.

Etwa zehn Turniere, hat er sich vorgenommen, will er 2021 bestreiten. Seinen Job gibt er dafür nicht auf, jedenfalls aktuell nicht. Er hat aber mit seinem Arbeitgeber eine Vereinbarung getroffen, die es ihm ermöglicht, ausreichend Zeit für Vorbereitung und Wettbewerbe zu haben. Für jedes Turnier muss er mit Reisen, Training, Qualifikation und dem eigentlichen Wettbewerb etwa eine Woche einplanen. Und: Es entstehen Kosten, die zumindest zu Beginn durch Preisgelder kaum ausgeglichen werden können. Einen fünfstelligen Betrag plant Christian Schwarz ein, einen Teil davon decken Sponsoren ab. Seine Frau ist in diesem Bereich sehr engagiert, kümmert sich überhaupt größtenteils ums Organisatorische, fungiert quasi als Managerin. Sie ist es auch, die seine Ernährung im Blick hat. Er lebt jetzt zuckerfrei, soweit das möglich ist. Es geht darum, körperlich topfit zu sein. Deshalb trainiert er nicht nur beinahe täglich auf dem Golfplatz, deshalb geht er auch dreimal pro Woche ins Fitnessstudio.

Zwei Aufstiege binnen drei Jahren sind das Ziel

In allererster Linie spielt der 28-Jährige Golf, weil es ihm Spaß macht – „auch wenn es zunehmend zum Beruf wird“. Ob er tatsächlich mit dem Sport seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, will er innerhalb von drei Jahren herausfinden: „Entweder es klappt in dem Zeitraum oder eben nicht.“ Und so beinhaltet der Plan fürs zweite Jahr auf der Pro Golf Tour ein klares Ziel: die Top Ten zu erreichen, damit den Aufstieg auf die Challenge Tour zu schaffen. Dort sind die Preisgelder schon ganz andere, statt 3 000 bis 5 000 Euro auf der dritthöchsten erhalten Turniersieger auf der zweithöchsten europäischen Ebene zwischen 50 000 und 70 000 Euro. Und trotzdem möchte er da „ganz schnell durch“ – auf die European Tour, auf der die Topstars wie Lee Westwood, Rory McIlroy und Martin Kaymer spielen, auf der es um Millionenbeträge geht.

Es klingt ambitioniert, extrem ambitioniert. Kann es klappen? „Entweder man ist sportlich ehrgeizig, oder man versucht es lieber gar nicht erst“, antwortet Christian Schwarz und schiebt hinterher: „Ohne Ziel würde ich es ganz sicher nicht schaffen.“

Von Stefan Weisbrod